Selbstständigkeit im Land der Angestellten

Für Selbstständige hat das deutsche Angestelltensystem nicht viel übrig— wer setzt sich dafür ein, dass die Selbstständigkeit nicht weiter abgewertet und erschwert wird?

Ein bisschen dramatisch, aber ich habe kein besseres Bild gefunden. Passt zur Stimmung..

Seit der Gründung meines ersten selbstständigen Projekts „workisnotajob”, bin ich Verfechterin einer modernen Arbeitswelt, die Chancen und Möglichkeiten der Selbstständigkeit in den Vordergrund stellt.

Ich setze mich dafür ein, dass Entrepreneurship mehr positive Beachtung findet und bestärke jeden in seinen unternehmerischen Ambitionen— ohne die Schwierigkeiten dabei schön zu reden.

Das Engagement für eine Kultur der Selbstständigkeit ist wichtiger Bestandteil meiner Arbeit geworden.

Nach nun bald 10 Jahren unternehmerischer Arbeit, wächst stetig mein Unmut darüber, in welcher Weise in Deutschland die Selbstständigkeit verkannt und erschwert wird.

1. „Does not compute” — Das gesetzliche System ist eine Katastrophe für Selbstständige

Wer sich heute in Deutschland selbstständig macht, wird von Diskriminierung des gesetzlichen Sozialversicherungssystems geplättet sein. Der wird sich wundern, dass noch bevor er den ersten Cent verdient hat, die ersten Pflichtmitgliedschaften im Briefkasten warten. IHK und Genossenschaften tun viel, aber viele fragen sich, was tun die eigentlich konkret für mich?

Unfaire Beitragslast, fehlende Angebote, null Verständnis für die Realitäten von Selbstständigen

Deutschland ist berühmt für sein Ausmaß an Abgaben und Bürokratie. Selbstständige können ein besonders hübsches Lied davon singen.

Die Beitragslast und Beitragsfestsetzung in den gesetzlichen Krankenkassen sind derart unfair, dass einem die Kinnlade herunterfällt.

Nicht zuletzt die hohen Mindestbeiträge in der Krankenkasse führen dazu, dass die Idee einer Pflichtvorsorge in der gesetzlichen Rentenversicherung bei den meisten Selbstständigen, die nicht ohnehin schon obligatorisch versichert sind, nur heftiges Kopfschütteln verursacht.

Das Problem mangelnder Möglichkeiten zur Altersvorsorge ist aber sehr real.

Wer kann, sorgt anders vor, wer es nicht kann, hofft irgendwann damit beginnen zu können. Schwer ist es vor allem, weil andere Pflichtbeiträge und Abgaben vielen wenig Handlungsspielraum lassen. Und bekanntlich stehen auch Angestellte schon lange vor der Realität, dass die gesetzliche Rentenversicherung nur eine Säule der Altersvorsorge ausmachen sollte.

Wer als Selbstständiger aber zum Beispiel Aktien besitzt, wird auf die Erträge Krankenkassenbeiträge bezahlen, bzw. seinen Beitrag nicht mindern können, da sie als Vermögen zählen. Genau wie Eigentumswohnungen, Bankguthaben, Lebensversicherung, oder einfach zu viel des Guten, wie etwa ein zweites Motorrad. Selbstständige zahlen auf alle Einkommensarten Beiträge (zB. Mieteinkünfte, Dividenden etc.) und auch das Vermögen und Einkommen des momentanen Lebenspartners werden unter Umständen herangezogen, wenn es darum geht, die Beiträge zu bemessen.

Für Selbstständige bedeutet eine gesetzliche Rentenpflicht, dass sie wie Angestellte solidarisch ins Umlagesystem einbezahlen, allerdings natürlich den Arbeitgeberanteil immer selbst übernehmen. Die Aussicht auf steigende Sozialabgaben sind für sie also besonders schmerzhaft. Und wie „sicher” die Rente wirklich ist, weiß seit Norbert Blüm niemand so genau.

Wenn der Schein trügt

Wer als Freiberufler frei für die Großen arbeitet, den könnte es ruinieren, wenn diese dank schwammiger Regelungen zur „Scheinselbstständigkeit” keine Aufträge mehr an sie vergeben. Auftraggeber riskieren hohe Nachzahlungen, weil der Gesetzgeber sie kriminalisiert und davon ausgeht, dass das echte Glück nur in der abhängigen Beschäftigung liegen kann. Selbstständige dürfen sich dafür mit ewigen Statusfeststellungsverfahren der Rentenversicherung herumschlagen, die prüfen, ob sie nicht womöglich nur zum Schein selbstständig sind. Obwohl viele Branchen auf flexible Freie angewiesen sind, und die oft gut bezahlten Fachleute und Wissensarbeiter ihren Freiberufler-Status bevorzugen, erschwert der fürsorgliche Staat es einfach allen, anstatt eindeutige Regelungen zu schaffen, die tatsächlichen Missbrauch in bestimmten Industrien unterbinden.

Wenn Kunst nicht gleich Kunst ist

Dann die KSK, die „Künsterlsozialkasse” mit ihrem Kunstverständnis aus den 70er Jahren. Eine eigentlich gute Idee, die leider als vollkommen ineffiziente Behörde umgesetzt wurde, die niemand versteht und etliche Selbstständige, die in den Kreis der Versicherten gehören müssten, einfach nicht aufnimmt. Als Pflichtversicherung wohlgemerkt.

Wenn Arbeit nur ein Job ist

Zum Job-Center muss man wissen, dass es dazu da ist, Jobs zu vermitteln, nicht um Selbstständigkeit zu verstehen. Der Gründungszuschuss ist aber nur aus der Arbeitslosigkeit heraus möglich, also muss man da hin wenn man den will und hoffen, dass der Sachbearbeiter gut drauf ist und einem die Selbstständigkeit nicht gleich ausredet. Wer bei Auftragsflaute Arbeitslosengeld II beantragen muss, der wird angeguckt, als hätte es dort schon jeder gewusst. Niemand versteht, warum man überhaupt mal einen Abstecher in die Selbstständigkeit unternommen hat.

Mit Gewerbeschein gibt keinen Gründerzuschuss, aber ohne Gewerbeanmeldung keinen Kita-Gutschein. Viel Glück beim Beantragen des Gründungszuschusses (Ermessensleistung) und gute Nerven beim Beantragen von Elterngeld, wünsche ich an dieser Stelle allen, die derzeit mit derartigen Formalitäten kämpfen.

Dies sind nur einige Beispiele, die belegen: Es gibt keine Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland.

Hört sich alles wie der ganz normale Behördenwahnsinn an, aber jeder, der etwas Eigenes macht, ist dieser fehlenden Kultur der Selbstständigkeit ausgesetzt und das nervt nicht nur, sondern es geht oft genug um die Existenz.

2. Selbstständige haben keine Lobby

Fast alle Parteien interessieren sich ausschließlich für den „Normalarbeiter”, der ihr Lieblings-Beitragszahler ist, und auch zahlenmässig am wertvollsten.

Selbstständige dagegen, haben als Wählergruppe keine Relevanz und sie rufen nicht nach dem Staat, also verspricht man ihnen auch nichts. Sie werden wie ausgebüxte Eigenbrötler abseits der Solidargemeinschaft behandelt. In Ruhe gelassen werden sie aber auch nicht. Obwohl es keine anständige staatliche Absicherung für sie gibt, sollen sie mehr und mehr in das gesetzliche System gezwungen werden — ob es nun die Idee der Rentenpflicht ist, oder die Idee die privaten Krankenkassen abzuschaffen. Angestellte werden auch zu sehr belastet, aber sie haben starke Interessenvertretungen und in den letzten Jahrzehnten immer mehr Rechte hinzugewonnen.

Auch Selbstständige müssen nicht alles wortlos hinnehmen und still weiterarbeiten.

Dass Selbstständige für ein funktionierendes Geschäft sorgen müssen, liegt in ihrer eigenen Verantwortung. Aber für faire Rahmenbedingungen, die sie nicht gängeln und schlechter stellen als Angestellte, ist zeitgemäße Politik zuständig.

Es gibt ein paar Haupt-Anliegen, von denen Politiker schon lange wissen, aber für die sich niemand wirklich verantwortlich fühlt:

  • Beitragsbemessung in der gesetzlichen Krankenkasse, Reform der KSK
  • Faire Angebote und neue Konzepte für die Altersvorsorge (zB. nach Vorbild des schon für einige bestehenden Kammersystems)
  • Klare Regelungen zur „Scheinselbstständigkeit”
  • Vereinfachung von Gründung und im Wirrwarr der Rechtsformen (Stichwort: Bürokratieabbau)
  • Förderung einer Kultur der Selbstständigkeit

Einige Punkte finden sich zwar in den Parteiprogrammen*, die plötzliche Aussicht auf eine nächste GroKo, gibt Selbstständigen jedoch kaum Anlass zur Erleichterung.**

Selbstständigkeit ist in Deutschland nicht schwer, weil niemand es kann. Sondern weil der Staat es schwer macht. Insbesondere Gründern, die unabhängig bleiben wollen, Unternehmern mit wenigen Angestellten, Freiberuflern, die keine Ärzte, Rechtsanwälte etc. sind, und allen Selbstständigen, die sich ihre Arbeit einfach selbst ausdenken und auf kein behördliches Formular passen.

Wer frei arbeiten will, der darf weder unter Regelungen leiden, die für das Arbeitsverständnis des Industriezeitalters gemacht sind, noch unverhältnismässig geschröpft werden, nur damit das System (noch) nicht reformiert werden muss.

Für jede Minderheit gibt es Verständnis — nur gegenüber Selbstständigen zeigt der Staat sich als Verhinderer. Und wer nicht zuletzt dadurch zum Sozialfall wird, wird auch noch und ohne es zu wollen, zur „Risiko-Gruppe” erklärt und mit falscher Fürsorge behandelt. An der einen Stelle entlasten, an der anderen verpflichten, ist alles, worauf man sich verlassen kann.

Keine Lobby, keine Kultur der Selbstständigkeit, aber dafür viele Regelungen die Selbstständigkeit belasten und keinerlei Interesse, sie gegenüber der angestellten „Normalarbeit” kulturell nicht auch noch abzuwerten.

3. Die gesamte Debatte geht an den echten Problemen vorbei

Niemanden sollte es wundern, dass die Gründerzahlen seit Jahren sinken. Die einfallslosen Maßnahmen dem entgegenzuwirken gehen an den Problemen vorbei. Keinem Selbstständigen ist damit geholfen, BWL-Studenten mehr Wagniskapital zu versprechen. Auch ein bürokratiefreies Gründungsjahr oder gar die Festlegung eines Mindesthonorars (Himmel…) sind nur weitere Belege dafür, dass die Selbstständigkeit nicht verstanden wird.

Parteien entdecken zwar langsam „den Gründer” als Zielgruppe — aber eben nur den, der mit dem Versprechen auf mehr Wagniskapital und weniger Startup-Bürokratie zu begeistern ist. Weil solche Gründer sowieso das Risiko an ihre Investoren abgeben, kann es ihnen egal sein, wie das Sozialversicherungssystem in Deutschland funktioniert und ob die Rentenpflicht kommt. Sie sind keine Einzelkämpfer mehr, die selbst für alles bezahlen und sich absichern müssen, die das Arbeitsplätze schaffen erstmal erwirtschaften müssen, sondern werden gleich „CEO” ohne persönliches Risiko. Ihr Beitrag zu einer neuen Gründerkultur ist kleiner, als ihr Beitrag zur bestehenden CEO-Kultur.

Es wird zwar viel gefördert, aber wer hat eigentlich etwas davon?

Starke Frauen, starke Wirtschaft” heißt es derzeit im Wirtschaftsministerium — ich begrüße das sehr, denke aber sofort, haben die denn vergessen, dass besonders der Erfolg selbstständiger Frauen durch die Beitragsregelungen der gesetzlichen Krankenkassen massiv verhindert wird? Dass viele Familienleistungen für selbstständige Eltern komplizierter sind, als für Angestellte? Obwohl die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Selbstständige oft besser funktioniert, geschieht politisch für sie wenig.

Frauen gründen häufig ganz anders, zunächst im Nebenerwerb, meist mit eigenen Mitteln, aber nur wenn sie es wie die Jungs machen, werden sie beachtet? Fällt das keinem auf? „Girl Boss” und Vorbild ist wer privilegierte Karriere im Konzern macht, oder VC-Knete annimmt und Geschäftsführerin wird, nicht wer still und leise einen DaWanda-Shop betreibt und unabhängig bleibt. Warum? Letzterer sollten Politiker besonders gut zuhören, denn sie fliegt aus der Familienversicherung, wenn sie mehr als läppische 425 Euro im Monat verdient, während man sich lieber mit Quote, Lohngleichheitsgesetz und Rückkehrrecht in Vollzeit beschäftigt.

Action - not words

Nun bin ich nicht der Typ dafür, mich in einem Kollektiv zu organisieren und ständig Forderungen zu stellen. Aber ich bin überzeugt, dass es auch unter Selbstständigen so etwas wie ein „Wir-Gefühl” geben kann. Einen Beitrag dazu versuchen wir bereits durch unser Engagement und eigene unternehmerische Initiativen zu leisten. Wir werden in Zukunft verstärkt das Gespräch zu Politikern und Mitstreitern suchen und die Probleme weiterhin zum Thema machen.

Ich habe schon viele Selbstständige begleitet, meistens Frauen, und unzählige Gespräche geführt. Daher kenne ich die beschriebenen Situationen und was sie für den Einzelnen bedeuten. Und ich habe viele der Hürden, die dieser Weg bereitet, selbst nehmen müssen. Weil ich aber ebenso weiß, wie großartig der selbstständige Lebensentwurf sein kann, nehme ich es nicht hin, dass Selbstständigkeit wie Arbeit zweiter Klasse behandelt wird.

Selbstständigkeit ist keine Notlösung, sondern für viele ist es DIE Lösung.

Die Zukunft der Arbeit wird nicht weniger, sondern mehr Selbstständigkeit brauchen. Und ich finde, dass man Menschen, die Ideen haben und Verantwortung für sich und ihre Arbeit übernehmen möchten, unterstützen sollte — nicht behindern.

Gebraucht werden nicht mehr Fördergelder, sondern etwas mehr von dem selbst verdientem Geld in der Tasche. Wir brauchen faire Rahmenbedingungen, anstatt überall nur Zusatzbelastungen, die den Aufstieg aus eigener Kraft erschweren.

Wer helfen möchte, diese Themen auf die Agenda, in das Parteiprogramm, auf die Bühne und in die Debatte zu bringen, der melde sich gern — noch bevor ich mich melde. Wir freuen uns über den Austausch.

Wen das alles nicht interessiert — kein Problem. Alles geht so weiter. Ignorance is bliss. Aber nicht bei jedem kommt das gleiche Gehalt am Ende des Monats aufs Konto, alles automatisch auch ohne Steuererklärung, auch wenn man 3 Wochen krank war und auch wenn mal nichts zu tun war. Ich gönne jedem die Privilegien der „Normalarbeit”, aber ich persönlich möchte nicht angestellt sein. Und ich bin froh, wenn ich in meinem Leben mit Behörden möglichst wenig Berührung habe. Darum helfen wir unseren Kunden bei Happy New Monday auch nicht dabei Fördergelder zu beantragen, sondern tragfähige Geschäftskonzepte zu entwickeln.

Ich rede nicht von Bevorzugung. Aber ich will, dass Selbstständigkeit nicht von Amtswegen behindert wird.

Es geht um Fairness — warum werden Selbstständige da immer nur in der Arbeitgeberrolle ins Gespräch integriert? Macht der Staat faire Angebote für alle, oder nicht? Ist Selbstständigkeit nun wertvoll, oder nicht?

Die systematische Diskriminierung von selbstständigen Arbeitsmodellen ist 1. eine Frechheit und 2. nicht zeitgemäß. Selbstständigkeit und Entrepreneurship gehören zu einer innovativen Arbeitswelt und modernen Gesellschaft.

Selbstständige sind volkswirtschaftlich und gesellschaftlich eine wichtige Gruppe.

Pfeift der Staat auf sie? Ich werde nachfragen.


PS:

Wenn es kaum Interessenvertretung gibt und Selbstständige als relevante Gruppe niemals sichtbar sind, dann wird es auch keine förderlichen Rahmenbedingungen geben, sondern womöglich immer mehr ruinöse Regelungen. Wer sich sofort mit einer Interessenvertretung in Verbindung setzen möchte, dem sei empfohlen eine Mitgliedschaft beim VGSD.eV in Betracht zu ziehen. Der Verein ist einer der wenigen branchenübergreifenden Interessenverbände, die langsam Gehör finden und Selbstständige tatsächlich verstehen.

*Siehe hierzu meinen Textbeitrag zu den geplatzten Jamaika-Sondierungen. ** In den Sondierungspapieren der CDU/CSU und SPD ist eine Reduzierung der Mindestkrankenversicherungsbeiträge vorgesehen, ebenso wie eine gesetzliche Versicherungspflicht in der Rentenversicherung mit „Opt-Out Lösung”, sofern eine andere insolvenzsichere Absicherung nachgewiesen wird. Spannend ist, wie eine mögliche nächste GroKo diese Punkte ausgestalten wird. (Thread)