Digital lesen macht Spaß!

Zuerst kamen die Stimmen der digitalen Junkies. Sie meinten, Bücher und Zeitungen wird es bald nicht mehr geben. Kann man alles viel einfacher und viel sparsamer online lesen. Das wollte ich natürlich nicht glauben! Das Zeitungsformat hatte für mich Tradition, wenngleich es noch so unhandlich war. Abends mit einem Buch ins Bett zu gehen und das haptische Erlebnis zu genießen, das war beruhigende Gewohnheit. Ein Ritual.


Dann kam das Smartphone. Modell iPhone 5s. Abends vor dem einschlafen noch ein paar Minuten im Netz zu surfen. Das wurde bequem. Schnell ersetzte es meine bisherigen Gewohnheiten. Das Buch, welches ich schon seit einem gefühlten Jahr auf meiner Bettkante liegen hatte, fing langsam Staub. Die Zeitung habe ich immer seltener gelesen. Meistens waren es die Kurzmeldungen bei Facebook, die mich auf dem Laufenden hielten.

Wenig später bestellte sich meine Mutter einen Kindle. Zeitung las ich zu diesem Zeitpunkt schon vorwiegend bei den Online-Ablegern großer Verlage. Eine großartige Entdeckung. Ein Buch aber zu lesen ohne das Blättern der Seiten zu hören (und auch zu fühlen) war mir immer noch suspekt. Bemerkenswert daher, dass mir meine eigene Mutter – selbst Bibliothekarin und Bücherfanatikerin – einen großen Schritt voraus war.

Die Zeitung war mir zum Studium dann so viel wert, dass ich beschloss, ein Abo zu besorgen. Die Tageszeitung sollte mich für das Studium wappnen und jeden Tag mit guten Hintergründen informieren. Soweit der Plan. Jetzt aber die Entscheidung: jeden Tag eine Zeitung ins Haus geliefert bekommen und damit den Papiermüll zum Überquellen bringen? Oder die “leichtere” Variante auf dem Smartphone? Ich entschied mich für ein Digital-Abo. Jeden Tag las ich fleißig das, was mich interessierte. Wenn es mal eine Woche weniger war, konnte ich mich regelrecht ärgern. Woran lag das?

Bezahlte Inhalte sollen nicht ungelesen bleiben. Jede nicht gelesene Ausgabe war eine verlorene. So entstand ein innerer Druck zum Lesen. Dazu war noch ein ganz anderer Effekt zu beobachten. Immer öfter war ich von mir selbst überrascht, wie schnell ich einen Artikel über mehrere Seiten lesen konnte. Ganze Reportagen las ich manchmal während einer Zugfahrt von Bonn nach Köln. Untypisch für mich, da ich doch normalerweise ein klassischer Langsamleser bin.

Wenn nicht die großformatige Doppelseite, sondern der Bildschirm mit 10,16 cm Diagonale ins Gesicht sticht, wirkt der Umfang nur noch minimal.

Was mich motivierte, war nicht nur der innere Zwang. Es war vor allem das regelmäßige Scrollen auf dem Bildschirm, was mir in kurzen Abständen ein positives Gefühl vermittelte. Während sich der Text vor meinen Augen bewegte, lief auch der kleine Fortschrittsbalken auf dem rechten Bildschirmrand mit. Es war nicht die Doppelseite im Großformat, die mich ihrerseits oft dazu verleitete, erst gar nicht mit dem Lesen anzufangen oder nach dem ersten Absatz abzubrechen. Die schiere Kenntnis davon, wie viel noch zu lesen war, lies dann die Motivation schnell schwinden. Mein Hirn signalisierte deutlich: 3000 Zeichen noch, drei überdimensionale Seiten purer Text.

Anders beim Smartphone. Ich wusste, die Anzahl der Zeichen sind identisch. Der Bildschirm jedoch verbarg den Blick auf das Ende. So konnte ich etappenweise durchlesen mit einem fast stetigen Belohnungsgefühl. Dieses setzte bei einem Printartikel erst nach dem Ende der Reportage ein, frühestens nach dem Ende eines oft für sich schon sehr langen Absatz.

Zeitung lese ich jetzt fast überall. Zu Hause, im Zug, in der Vorlesung. Immer dann, wenn ich Zeit habe. Am liebsten tue ich das inzwischen abends vor dem einschlafen. Das einzig konsistente Ritual des Tages.