Digitale Kurzatmigkeit

Digitale Transformation ist kein Sprint sondern ein Marathon. Kann den Satz noch jemand hören? Und dennoch: Die ersten Digitalisierungsprediger merken, wie lange der Lauf wirklich ist und werden kurzatmig. Vielen davon geht die Energie aus, weil sie gegen Offliner kämpfen.

Vor kurzem schrieb eine Kollegin von mir einen Blogbeitrag über ihre ersten Erfahrungen mit “digitalen Dingsbums-Events”. Es war ihr zweiter Blogartikel überhaupt und wie ich fand, ein sehr offener, persönlicher Einblick aus der Sicht von jemand, die sich seit kurzem erst Social Media und den “digitalen Dingsbums” annähert. Wir hatten uns vorher mehrfach über die Eigenarten von twitter ausgetauscht und auch den Blog gemeinsam aufgebaut, so dass ich den Beitrag auch über meine Kanäle teilte und empfahl. Die Resonanz war erstaunlich: Gleich mehrere reagierten negativ auf den Artikel, regten sich über Kleinigkeiten auf oder machten sich lächerlich.

Eine Woche später tauschte ich mich darüber mit einem befreundeten Social-Media-Manager aus und beklagte die fehlende Offenheit des Netzes gegenüber Neueinsteigern. Er erzählte mir eine ganz ähnliche Geschichte, die dazu geführt habe, dass die betroffene Person sich brüskiert wieder in ihr analoges Schneckenhaus verzogen habe. Für ihn doppelt frustrierend, weil er wochenlang digitale Starthilfe gegeben habe und ihm das Thema am Herzen lag. Er habe nun aber ebenfalls keine Lust mehr “Menschen zum Jagen zu tragen”, solle das Projekt doch sehen, wie es ohne ihn und Social Media zurecht komme.

In diesen Denkweisen liegt für mich derzeit ein Grundproblem des Missverstehens zwischen digitalen Pionieren und Offlinern: Den einen fehlt Geduld, es geht ihnen zu langsam bis andere endlich neue Techniken und Prozesse verstehen und so schotten sie sich ab und verstärken sich gegenseitig in Unzufriedenheit in ihrer Filter-Blase. Den anderen geht das alles viel zu schnell, sie wollen erst überzeugt sein, dass dieses ganze Social und Digital Zeug eine sinnvolle Sache ist. Viele dieser Offliner sind mit Sicherheitsdenken und Freigabeworkflows sozialisiert worden und stoßen nun auf eine Kommunikationskultur, die ihnen so fremd ist wie das Radio im Vor-Industrialisierungszeitalter.

Die 16 Typen der Offliner

Joël Luc Cachelin vom Schweizer Think Tank “Wissensfabrik” hat in einem lesenswerten Beitrag vor kurzem über das richtige Verhältnis von analoger und digitaler Zusammenarbeit geschrieben. Darin führt er aus, dass sowohl zu viel als auch zu wenig Digitale Prozesse einer Organisation schaden können, weil Missverständnisse die Kommunikation beherrschen und Wissensmanagement auf der Strecke bleibt. Cachelin hatte auf provokante Weise bereits 2015 die 16 Typen typischer Offliner charakterisiert und dabei gezeigt, welche Motive Menschen von digitalen Welten fernhalten.

16 Typen von Offlinern im Überblick, Bild von www.wissensfabrik.ch/offliner-buch/

Was bei Cachelins Typisierung deutlich wird, ist dass nicht alle Offliner Digitalverweigerer aus Überzeugung sind. Einige davon lassen sich sogar relativ leicht begeistern, wenn man den richtigen Zugang findet. So nutzt der Datenschützer nach einer gemeinsamen Crypto-Party geradezu begeistert verschlüsselte Messenger und E-Mail-Angebote und wird möglicherweise sogar eine OwnCloud hosten. Der Globalisierungskritiker lässt sich unter Umständen durch Beispiele mit regionalen Vernetzungserfolgen gewinnen, der Nachhaltige, indem man aufzeigt, wie ressourcenschonend digitales Arbeiten möglich ist und wie es dem Wissensmanagement hilft.

Natürlich lässt sich nicht jeder Kulturpessimist, Paranoide oder Nonliner überzeugen. Ich will hier auch kein Verständnis für die “Analog-aus-Überzeugung-Dauer-Verweigerer” auf der einen oder die selbsternannten Transformationsexperten mit ihren Worthülsen auf der anderen Seite einfordern. Was aber sicherlich nicht hilft, ist der derzeit häufig zu erlebende Kampf der digitalen Vordenker gegen die Offliner - am Besten zu beobachten in den sozialen Medien, wo sich Erstere unter sich wähnen und drauf hauen auf alles, was nicht sofort 4.0 lebt. Dies führt zu nichts anderem als Abschottungseffekten auf beiden Seiten und stärker werdenden Berührungsängsten. Schlimmer noch: es macht denen die Arbeit schwerer, die versuchen Brücken über diese Gräben zu bauen. Und weil die Gräben tiefer und breiter werden, werden die Brücken immer teurer und instabiler. Der tragische Witz daran: Die Vorwürfe beider Seiten aneinander sind sich erschreckend ähnlich.

Johannes Kuhn schreibt dazu in seinem großartigen Essay “Digitaler Wandel: Kampf der Skeptiker gegen Visionäre”:

Leider fehlt es in Deutschland nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt an analytischer Tiefe und auch an Offenheit, andere Positionen zuzulassen. Der Techno-Optimist mag sich an ein Leben ohne Gott gewöhnt haben — er kann aber nicht an eine Digitalisierung ohne damit einhergehenden zivilisatorischen Fortschritt glauben. Der digitale Bedenkenträger dagegen glaubt, dass Technologie am Ende stets gesellschaftliche Probleme schafft.

Am Ende des Essays steht der Wunsch nach einer ideologiefreien Debatte mit der Kernfrage: Wie sollte unsere Gesellschaft aussehen, wenn wir die Digitalisierung als unumkehrbar akzeptieren?

Ich möchte diesen Wunsch gern um drei praktische Reflektionsempfehlungen ergänzen:

  1. Wer Verständnis für Neues einfordert, muss für Verständnis sorgen.
  2. Bei Releasesprüngen auf 4.0 sind Zwischenversionen notwendig, sonst gehen die Schnittstellen kaputt.
  3. Abwärtskompatibilität sollte auch für menschliche Zusammenarbeit gelten.

Change Management: Auf dem Weg nach #Nextland

Wir reden über den digitalen Wandel, also über Veränderung. Enterprise 2.0 oder Arbeit 4.0 verkörpert neue Formen der Führung und Prozesse. Dabei geht es ebenso um Technik und Plattformen als auch um Arbeits- und Verhaltensweisen, um Belohnungs- und Bewertungssysteme, und schließlich um komplette Strategien und Zielanpassungen. Dieser lange Weg von #Nowland nach #Nextland kann je nach Organisation lange dauern und ist ein ständiges Change-Management-Projekt. Digitaler Wandel ohne Change-Management, ohne Verständnisentwicklung der Mitarbeiter für neue Arbeitsplatzmodelle und den Kulturwandel wird keine nachhaltigen Erfolge haben. Je mehr wir den Weg gemeinsam beschreiben und auch bereiten, desto mehr können mitkommen in die Terra Incognita.