Auch mein eigener Instagram-Account zeigt nur Ausschnitte eines Lebens, das ich nur zum Bruchteil lebe

Fake ist nicht das Problem

Essena O’Neills Abgang aus Social Media zeigt nicht, dass gestellte Fotos das Problem sind, sondern fehlende Transparenz.

Die australische Instagrammerin Essena O’Neill hat sich aus Social Media verabschiedet. Warum es dazu kam, könnt ihr hier, hier und hier nachlesen. Ich möchte darauf gar nicht näher eingehen, sondern die ganze Sache etwas weiter denken, ähnlich wie es Petra Gschwendtner in ihrem Blogpost bereits gemacht hat.

Fake gab es ja immer schon, darüber kann man wohl kaum streiten. Die gesamte Unterhaltungs- und Werbeindustrie ist ein einziger Fake. Alles ist gestellt. Der Burger sieht nicht aus wie der, den man dann am Tresen bekommt, auch von der Nachtcreme wird man nicht jünger und ja, auch die gephotoshoppten Models in unseren Zeitschriften sind nur zum Teil echt. Autos werden überhaupt gar nicht mehr richtig fotografiert, sondern 3D gerendert. Ist das schlimm? Nein.

Ich behaupte, dass es nicht schlimm ist, da Werbung und Unterhaltung immer das Ziel haben, etwas vorzugeben. In der Unterhaltungsbranche spielt man mit Fantasie und versucht, diese anzuregen. Das Unmögliche vorstellbar machen. Für die Werbeindustrie gelten etwas andere Regeln, da hier gewisse Wahrheiten vorhanden sein müssen. Und hier sehe ich eines der Hauptprobleme: Die fehlende Transparenz.

Wie auch klassische Medien immer noch teilweise nicht gelernt haben, gekaufte Inhalte wirklich transparent auszuzeichnen, so haben es Blogger, Instagrammer und YouTuber noch viel weniger gelernt. Essena O’Neill war meiner Meinung nach eine der authentischsten InstagrammerInnen. Und wer in der Social Media Blubberblase lebt, kann mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit “sich denken”, was gekauft ist und was nicht. Aber das reicht für den normalen User, vor allem jenen unter 18, einfach nicht aus.

Viele Blogger kennzeichnen ihre Artikel immer noch nicht. Gesetzlich ist es zwar in Österreich vorgeschrieben, schätzungsweise in anderen Ländern auch, aber ganz abgesehen von der gesetzlichen Lage sollte man die ethische Dimension hinterfragen. Ist es okay, seine LeserInnen anzulügen und ihnen zu sagen, dass man etwas super und cool findet, wenn man in Wirklichkeit 2000 USD dafür bekommen hat? Ich glaube nicht.

Bei mir geht es mittlerweile so weit, dass ich sogar gekennzeichnete Blogposts hinterfrage. Ich gebe euch ein Beispiel. Eine der erfolgreicheren österreichischen Bloggerinnen, Viki Heiler, hat vor kurzem einen Artikel über ihre Sonntagstradition des Pasta-Essens geschrieben. Eigentlich nix dabei, könnte man meinen, immerhin ist das ein Lifestyle-Blog und man findet neben Persönlichem auch Fashion- und Food-Inhalte. Aber als ich den (gekennzeichneten!) Artikel gelesen habe, habe ich mir folgende Frage gestellt:

Ist der Artikel entstanden, weil die Bloggerin ihn eh sowieso schreiben wollte und nebenbei Coca-Cola eingebaut hat oder hat sie ein Angebot von Coca-Cola bekommen und sich dann gedacht: Wie kann ich das am besten auf dem Blog verwurschten?

Ich finde beides nicht verwerflich im Prinzip, aber es lässt mich halt immer mehr an der Authentizität gewisser Blogger und Instagrammer zweifeln. Es wird gar nicht mehr bei Kooperationen und Werbung darauf geschaut, das ordentlich auszuzeichnen, sondern darauf, wie man es so hinbekommt, dass es trotz Auszeichnung aussieht, als würde man das eh nebenbei einfach so freiwillig machen. Keine große Sache also.

Das Problem ist neben dieser fehlenden Transparenz die absolut fehlende Fähigkeit von Menschen (ja, auch Erwachsenen), zu unterscheiden, ob etwas Fake ist oder nicht. Man muss halt — wie bei allem — vom dümmsten anzunehmenden User ausgehen. Das heißt, die Kennzeichnung ist halt für alle, die es nicht checken, dass da etwas gekauft wurde in dem Artikel. Aber was ist mit jenen Artikeln — und ich behaupte mal, dass das die Mehrheit ist- die nicht gekennzeichnet werden? Der Unterschied zwischen Fake und Realität verschwimmt so weit, dass es einfach schwer erkennbar ist. Und das kann dann jungen Menschen schaden. Insofern, als dass sie glauben, dass es Leute gibt, die tatsächlich so leben, so aussehen, so essen, so schlafen und so funktionieren. Medienkompetenz ist in Schulen ein Fremdwort, dabei wäre es in Zeiten in diesen so wichtig, schon Kindern von jung auf zu zeigen, was in dieser Welt des Internets so abgeht.

Die Lifestyle-Blogger-Welt ist und bleibt eine Scheinwelt. Keiner ist perfekt, aber jeder möchte es sein. Natürlich wollen wir alle Anerkennung und wir nähren uns vom Neid, den uns andere entgegenbringen. Wir machen Geld damit, dass uns andere beneiden und auch das haben wollen, was wir haben. Wir bauen uns ein Luftschloss, das spätestens dann zerplatzt, wenn man besagte BloggerInnen in echt trifft. Viele von diesen Damen haben gar nicht so viel Geld wie man glauben könnte. Sie sind nicht reich, sie geben es vor, reich zu sein, weil es einfach cooler rüberkommt auf Social Media. Viele studieren, haben grindige Jobs nebenbei oder einen reichen Freund, reiche Eltern etc. Sie versuchen sich ihre Welt mit diesen Startbedingungen aufzubauen, um anderen — und vor allem Werbenden — dein Eindruck zu vermitteln: “Hey seht mal, ich führe ein total cooles Leben und mir folgen deshalb so viele Menschen. Wenn ihr bei mir werbt, dann zeige ich denen auch euer Produkt.” Ob man das wirklich cool findet oder nicht, spielt keine Rolle. Man schafft es immer, auch grindigsten Scheiß so darzustellen als sei es etwas absolut Besonderes. Und in den Dreck gezogen und als unglaubwürdig werden jene hingestellt, die mal wirklich was empfehlen wollen. So ganz ohne Geld. Weil sie ihren Lesern sagen wollen, dass sie etwas gut finden.

Die hässlichen Seiten sieht man halt nicht. Wie mühsam manche daran arbeiten, ihre Freunde vernachlässigen, sich abhungern, krank sind, Probleme mit dem Zahlen von Rechnungen oder ihren eigenen Partnern haben. Diese Dinge dringen nicht nach außen, weil sie auch niemand sehen will. Die Scheinweilt, der wir nachlaufen, ist die, die wir zwar alle wollen, aber die nicht erreichbar ist. Weil es absolut unmöglich ist, ein Instagram-Life zu führen.

Es ist schade, dass ausgerechnet O’Neill damit anfängt, weil sie ja auch immer eine war, die viel Konsumkritik ausgeteilt hat. Aber sie hat den Fehler gemacht, so gut wie nie zu kennzeichnen, wenn etwas wirklich nur Werbung war. Und das würde vieles in der Diskussion ganz anders dastehen lassen. Weil wir dann nicht darüber reden müssen ob unser Leben Fake ist oder nicht. Wir wüssten es einfach.


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