Tinder, Snapchat, Wishbone, Whatsapp: ohne Aufwand und Tiefgang

Menschen werden mit nur einem Wisch beurteilt

Auf der Dating-App Tinder etwa spielt eigentlich nur das Aussehen eine Rolle. Auf der Suche nach einem Rendez-Vous wischen Nutzer sich durch Fotos. Profile oder Selbstbeschreibungen gibt es kaum oder gar nicht, es zählt nur der Look. Wenn jemand äußerlich gefällt, wird das Foto nach rechts gewischt, ansonsten wird nach links gewischt. Foto angucken, eine Person beurteilen, Foto wegwischen. In nur drei Schritten entscheidet man hier, mit wem man ins Gespräch kommen möchte. Einziges Kriterium: Das Aussehen. Schnelle Entscheidungen sind ebenfalls bei der App Wishbone gefragt.

Hier erscheinen zwei Fotos auf dem Smartphone-Bildschirm mit einer Frage: Rom oder Spanien? Turnschuhe oder High Heels? Nach dem Hot-oder-Not-Prinzip wählen User dann aus, was ihnen besser gefällt. In Sekundenschnelle klickt man sich so durch zig Bilder und Umfragen. Spaßfaktor: ja, Sinnfaktor: fraglich.

Ähnlich fix geht es bei der App Snapchat zu. Foto machen, an Freunde verschicken und nach wenigen Sekunden ist das Foto schon wieder verschwunden. Es geht hier wesentlich um Schnappschüsse, um den kurzen Moment, der dann auch schon wieder vorbei ist. Auch bei der Chat-App Whatsapp geht es mehr um Smalltalk und Plaudereien, nicht um intensive Gespräche. All diese Apps eignen sich hervorragend zum Zeitvertreib. Sie funktionieren mit nur wenigen Klicks und User müssen bei Tinder & Co. weder viel Zeit investieren noch tiefsinnigen Gedankengängen folgen. All diese Apps wurden entweder speziell für Jugendliche entwickelt oder haben direkt die Altersgruppe der Millennials erobert. Heißt das im Umkehrschluss, dass die Nutzer, die diese Apps ohne Tiefgang so attraktiv finden, auch selbst oberflächlich sind?

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Dese Frage hat sich unter anderem auch Daniel Miller gestellt. Miller ist Anthropologe am University College London. Dort hat er das weltweit erste Programm für digitale Anthropologie entwickelt. Er möchte herausfinden, wie Soziale Medien menschliche Beziehungen beeinflussen, formen oder zerstören. Er fragt sich, was es eigentlich ist, was Soziale Medien mit den Menschen machen und was die Menschen mit Sozialen Medien machen. Seiner Meinung nach ist es nicht richtig, junge Menschen als oberflächlich zu bezeichnen, nur weil sie Apps nutzen, auf denen sie Fotos austauschen. „Die Sozialen Medien nutzen hauptsächlich Bildformate, und weniger orale oder textliche Formen der Kommunikation, das ist richtig. Aber durch die Tatsache, dass ein Bild uns eine Oberfläche zeigt, wird es nicht oberflächlicher als ein Film oder ein Gemälde. Ein Smartphone-Bild kann genauso tiefgründige Werte widerspiegeln wie ein Text.“ Der Inhalt eines Bildes kann also genau so komplex oder vielsagend sein wie tausend Worte und lässt nicht unbedingt den Rückschluss zu, dass User selbst oberflächlich sind. Miller verweist auch darauf, dass ein Text, nur weil er kurz ist, nicht gleichzeitig oberflächlich oder nichtssagend sein muss. Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass die kurzen Nachrichten, die junge Nutzer etwa über Whatsapp hin und her schicken, oft Teil eines sehr langen, ausgedehnten Gesprächs sind. „Sicher, wenn ich 140 Zeilen auf Twitter tippe, erfordert das sehr wenig Konzentration, aber wenn ich dafür vorher drei Stunden lang auf Twitter unterwegs war, sieht das schon wieder ganz anders aus,“ sagt Miller. Man macht es sich also zu einfach, wenn man nur auf einzelne Tweets oder Nachrichten blickt und den Gesmtkontext nicht sieht.

Gespräche im Büro sind auch oberflächlich

Wer junge Menschen verurteilt, weil sie viel Zeit im Netz verbringen und dabei Nichtigkeiten verbreiten, anstatt sich mit Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe direkt auszutauschen, nimmt automatisch an, dass wir im Alltag stets sinnvolle und tiefgründige Gespräche führen. Auch das ist ein Irrtum, erklärt Miller. „Hier auf der Straße in London unterhalten sich Leute meistens über das Wetter. Das Gleiche gilt auch für Gespräche abends in der Kneipe oder im Büro. Kommunikation hat oft viel mehr mit dem Aufrechterhalten einer zwischenmenschlichen Beziehung zu tun, als mit dem eigentlichen Inhalt.“

Auch die Dating-App Tinder ist da nicht viel oberflächlicher als jemanden in der Disko kennenzulernen. Auch da beurteilen wir Personen nach dem Aussehen — und sind dabei oft auch noch angetrunken. „Dabei kommen oft Entscheidungen heraus, die wir später bereuen,“ sagt Miller, „bei Tinder dagegen wird mehr Humor genutzt und die Menschen sind nicht so verkrampft. Das kann schon Vorteile beim Kennenlernen haben, die so in einer Disko nicht gegeben sind.“

Social Networking Apps sind neue Formen der Kommunikation

Mit Sozialen Netzwerken stehen uns also einfach nur noch mehr Formen der Kommunikation zur Verfügung als bisher. Alte Formen der Kommunikation wie etwa ein Telefonat oder ein Brief gehen dabei nicht verloren, ihnen wird nur eine andere Bedeutung zugeschrieben. Das ist auch bei der jungen Generation nicht anders. Eine Einladung zur Geburtstagsparty verschickt keiner mehr über Briefe oder Karten, sondern per Facebook. Niemand würde sich dadurch verletzt fühlen. Wenn aber der Freund oder die Freundin die Beziehung über Facebook oder Whatsapp beendet, sieht das schon wieder ganz anders aus.

Wir sollten die Social Networking Apps und ihre jungen Nutzer also nicht sofort als oberflächlich verurteilen. Vielmehr ist es wichtig, genau zu betrachten, was hinter den Apps steckt, was gesagt wird und welche neuen spannenden Formen der Kommunikation dabei entstehen.

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