Werden Kuratoren bald wichtiger als Kreative?

Joe Wikert, Digitales Schlachtross mit einer beeindruckenden Biografie, von John Wiley & Sons bis hin zur „Tools of Change“-Konferenz von O’Reilly Media, hat in seinem Blog „Digital Content Strategies“ eine interessante Frage aufgeworfen: „Are content curators becoming more important than content creators?
Sicher provokativ formuliert, aber eigentlich eine naheliegende Schlussfolgerung aus einem Übermaß an Zugang zu einem Übermaß an digitalen Inhalten. Man könnte es auch prosaischer Content-Sintflut nennen. Und die daraus erfolgende Überforderung des Einzelnen, die für sich selbst relevanten Inhalte überhaupt noch entdecken zu können, stellt ja aktuell schon eine echte Herausforderung dar.

Das Problem ist ja jedem, der im weitesten Sinne mit Content (und darunter kann auch Film & Audio subsummiert werden) zu tun hat, und sei es „nur“ rezeptiv, vor Augen: „Regardless of your preferences and interests there’s simply too much content to read. Whether it’s books, magazines, newspapers, blogs, websites, newsletters, etc., every year it becomes more difficult to keep up. Faced with this steady firehose stream of content, we can all use some help determining which elements are worth reading and which are a waste of time.“

Tatsächlich stoßen im Moment die Bemühungen der Content-Produzenten um den digitalen „Platz an der Sonne“ an ihre basisdemokratischen Grenzen. Will heißen: Jeder hat diesselben grundsätzlichen Möglichkeiten der SEO-Optimierung, des Marketing-Prizings, der Aktivierung der eigenen Community, sei es Verlag, Autor oder Blogger. Der privilegierte Zugang zu Handelsstrukturen, etwa dem Buchhandel, der ja früher wie heute auch eine kuratierende Rolle einnahm, ist ein Faktor mit abnehmender Tendenz. Bleiben im Digitalen noch die Handelsplattformen — aber deren Kuratierungsmöglichkeiten beschränken sich derzeit auf eine merkantile Logik, die nur einen Teil des Suchverhaltens eines Nutzers widerspiegelt.

Neben dieser kaufmännischen Logik zeigen sich im Moment erste Schritte hin zu einer Inhaltelogik. Also nicht „Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch…“, sondern die semantische Nähe eines Inhalts zu einem anderen.

Mit einer Verfeinerung dieser Mechanismen, die auf Nutzungsdaten von Kunden und inhaltlichen Bezügen basiert, wird man einem Element der sinnvollen Kuratierung sicher zukünftig näher kommen.

Aber interessanterweise zeigt sich an einem anderen Ort der Inhalteüberflutung, den sozialen Netzwerken, die Bedeutung der menschlichen Relevanz. An einem Punkt, an dem es auch viel um Vertrauen und Verlässlichkeit geht (was wiederum ja ein wichtiger Indikator für gute Kuratierung ist), zeigt sich schon lange die Stellung der Influencer & Multiplikatoren. Was nun nicht nur mit dem ominösen Herdentrieb zu tun hat, sondern jeder selbst in seinem Alltag erlebt, wenn es um Entscheidungen aller Art geht: Man bezieht das vertraute wie auch immer geartete Netzwerk ein, sei es die Familie, Freunde oder eben als versierte Experten empfundene Mitmenschen — analog wie digital.

Solange bei Entscheidungen der emotionale Faktor eine Rolle spielt, wird es auch die menschliche Relevanz tun. Und gerade bei Inhalten, die von Verlagen produziert werden, spielt Emotionalität immer eine gewisse Rolle, selbst bei Sach-Themen. Weswegen nicht umsonst Empfehlungsmarketing in der Marketing-Lehre immer mehr als entscheidender Faktor bei Kaufentscheidungen gesehen wird.

Joe Wikerts Überlegung dazu: „It’s yet another example of The Innovator’s Dilemma: Traditional publishers will aggressively fight to prevent it while forward-thinking ones find a way to participate in the revenue stream it represents. And this revenue stream, by the way, will be one where the curators are highly valued and, in some cases, become the key brand.“

Kuratierung wichtiger als Kreation? Das ist sicherlich überspitzt formuliert. Aber beides entwickelt eine symbiotische Beziehung, in der die Auswahl und die Markenpositionierung des Auswählenden eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Die Frage ist nur, wer diese Kuratoren zukünftig sein werden. Jedenfalls nicht mehr nur die Verlage (die ja durch eine Programmauswahl auch eine solche Rolle einnehmen) und der Buchhandel vor Ort.

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