Willkommen im Gegenraum der Literatur

Über das PAN-Branchentreffen 2018, die Forderung nach einer Science-Fiction-Lebenshaltung und was Foucaults Idee der Heterotopie damit zu tun hat

Es ist Freitagabend und ich sitze im Zug von Köln zurück nach München. Ausgerechnet heute, an einem der wärmsten Tage dieses Frühlings, ist natürlich die Klimaanlage im ICE ausgefallen, sodass ich in meinem eigenen Treibhausklima vor mich hin schwitze und mich auf Ursula K. Le Guins Winterplanet aus „Die linke Hand der Dunkelheit“ fortträume. Hätte nicht gedacht, dass mich mein Statement, das ich gestern bei einem Wortbeitrag zur Bedeutung der Phantastik gegeben habe, so schnell und so transpirierend real einholen würde:

Vielleicht sollten die Klima(anlagen)beauftragen der DB etwas mehr Le Guin lesen. Nun ja.

Wie war es also, das PAN-Branchentreffen der Phantastik 2018? Ich wollte ja eigentlich schon letztes Jahr kommen, nachdem meine Kollegin und Heyne-Phantastiklektorin Stefanie Brösigke beim ersten PAN-Treffen dabei war. Leider hat mich letztes Jahr die Gesundheit daran gehindert, oder vielmehr das vorübergehende Fehlen derselben. Dieses Jahr also hat’s geklappt — und so viel schon vorneweg: Ich habe es bestimmt nicht bereut.

Es gab definitiv eine Menge Highlights, und ich kann an dieser Stelle auf gar keinen Fall alle aufzählen. Das fing schon mit den beiden Eröffnungsbeiträgen am Donnerstagmorgen an. Großes Kompliment an den Literaturwissenschaftler Michael Baumann — ich hätte nicht gedacht, dass man so unterhaltsam und gleichzeitig so erhellend über die politischen Dimensionen des Märchens prä- und post-Grimm sprechen kann. Am Beispiel des Rapunzelmärchens, dessen Deftigkeit mit jeder Fassung sukzessive gekürzt und im wahrsten Sinne des Wortes jugendfrei gemacht wurde, konnte man besonders schön den Zauber des editorischen Rotstifts wirken sehen, ganz im Sinne der „Four F’s“:

Danach hat Katja Böhne, ihres Zeichens Marketingchefin der Frankfurter Buchmesse und ausgewiesene Science-Fiction-Nerdista (kann mich jemand bitte einmal über das Femininum von „Nerd“ aufklären?), das Plenum mit ihrem sehr persönlichen und feurigen Plädoyer für einen „SciFi-Stance“ aufgemischt. Ich habe das so verstanden, dass diese Science-Fiction-Lebenshaltung über ein reines Fan-Dasein und die eskapistische Begeisterung an spekulativer Literatur hinausgeht, sondern dass wir das Philip-K.-Dick’sche „Oh my god … what if?!“ in unseren Alltag übersetzen können. Ihr Beispiel einer Stadtteilinitiative, bei der sie ihre eigene Straße vor der Haustür nicht so graubetoniert lassen möchte und mit anderen einen Begegnungsraum ins Leben rufen will, hat mir gut gefallen. Der SciFi-Stance heißt nichts anderes, als dass wir gewissermaßen zu aktiven Utopisten unserer Umwelt werden.

Sie hatte den Vortrag übrigens schon letztes Jahr in leicht anderer Form auf der re:publica gehalten:

An dieser Stelle muss ich kurz einhaken, denn das von ihr angeschnittene Thema beschäftigt mich schon lange. Nun hat das Wort „Utopie“ den Nachteil, dass die darunter versammelten Ideen zumeist sehr, hm, utopisch klingen. Soll heißen, der im Begriff selbst versteckte sogenannte Nicht-Ort (griechisch a-topos), der zugleich ein besserer Ort sein will (griechisch ou-topos), ist vor allem aber erst einmal eins: nicht dieser Ort, nicht hier und nicht jetzt, sondern ein ewiges Woanders.

Heterotopie — oder wie man von der Utopie zur Realität des Hier und Jetzt gelangen kann

Dem gegenüber stellt Michel Foucaul einen Begriff, den ich äußerst spannend und für die Idee einer Science-Fiction-Haltung sehr hilfreich finde. In einem Radioessayhat er das Konzept der Heterotopie bzw. des heterotopischen Ortes entwickelt. Damit ist gemeint, dass es bereits mitten in unserer gegenwärtigen Topografie bereits abgegrenzte Orte gibt, die von den normalen gesellschaftlichen Miteinanders ausgenommen sind und nach eigenen Normen existieren — also gewissermaßen heterogene Orte oder auch „Gegenräume“, wie Foucault sie nennt,

„Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, neutralisieren oder reinigen sollen. Es sind gleichsam Gegenräume. Die Kinder kennen solche Gegenräume, solche lokalisierten Utopien, sehr genau. Das ist natürlich der Garten. Das ist der Dachboden oder eher noch das Indianerzelt auf dem Dachboden. Und das ist — am Donnerstagnachmittag — das Ehebett der Eltern. Auf diesem Bett entdeckt man das Meer, weil man zwischen den Decken schwimmen kann …“ (Foucault, Heterotopien, S. 10)

Wir alle kennen diese „lokalisierten Utopien“ aus unserer eigenen Kindheit. Das sind gleichsam spontane Manifestationen, in denen sich die Möglichkeiten des viel größeren, fantastischeren Un-Ortes im profanen Hier und Jetzt auftun und sich in ein irdisches, reales Gewand hüllen. Aber das ist der Kindheit nicht exklusiv vorbehalten, im Gegenteil. Auch wir Erwachsenen kennen und haben solche Orte — und hier kommt Foucault nun zu einigen Beispielen für die sogenannten heterotopischen Räume:

„Die erwachsene Gesellschaft hat lange vor den Kindern ihre eigenen Gegenräume erfunden, diese lokalisierten Orte, diese realen Orte jenseits aller Orte. Zum Beispiel Gärten, Friedhöfe, Irrenanstalten, Bordelle, Gefängnisse, die Dörfer des Club Méditerranee und viele andere.“ (Foucault, Heterotopien, S. 10f.)

Mich beschäftigt dieses Konzept des Gegenraums oder auch der Heterotopie schon eine ganze Weile. Eine große Stärke ist meines Erachtens der Ansatz, dass es möglich ist, in abgegrenzten Räumen (oder Zeiten) eine utopische (und damit eigentlich per se „jenseitige“) Idee sichtbar und wirksam werden zu lassen. Ganz banal versuchen meine Frau und ich das am Esstisch bei uns zu Hause mit Aussagen wie: „Beim Essen kein Handy!“, oder „Wenn jemand spricht, immer erst ausreden lassen!“, oder auch „An diesem Ort werden keine Oliven in die Nase gesteckt, weder bei sich noch bei irgendjemand sonst.“ Stichwort #ErziehungsUtopien, haha.

„Hier stoßen wir zweifellos auf das eigentliche Wesen der Heterotopien. Sie stellen alle anderen Räume in Frage.“

Das geht auch in größerem Rahmen, und Katja Böhnes Begegnungsraum im eigenen Stadtteil ist genau so ein heterotoper Raum, der sich selbst vom grauen, zugemauerten Umfeld eben durch seine Offenheit und Zugänglichkeit abgrenzt. Foucault erklärt diesen heimlichen Trick (wobei er sich auf das Beispiel des Puffs bezieht, das nun wieder mit eigenen Herausforderungen einhergeht, aber das ist ein ganz anderes Thema):

„Hier stoßen wir zweifellos auf das eigentliche Wesen der Heterotopien. Sie stellen alle anderen Räume in Frage, und zwar auf zweierlei Weise: entweder wie in den Freudenhäusern …, indem sie eine Illusion schaffen, welche die gesamte übrige Realität als Illusion entlarvt, oder indem sie ganz real einen anderen realen Raum schaffen, der im Gegensatz zur wirren Unordnung unseres Raumes eine vollkommene Ordnung aufweist.“ (Foucault, Heterotopien, S. 19f.)

Als aktuelles Beispiel vom PAN-Branchentreffen erinnere ich an den Einwurf in der Paneldiskussion zum Thema Diversität in der Fantastik, als jemand plötzlich erstaunt feststellte:

In dem Sinne wünsche ich mir mehr utopische Räume, in denen Ideen verwirklicht werden dürfen, und mehr Gegenräume, Gegenzeiten, Gegenbeispiele zum grassierenden Hass- und Hysteriewahnsinn ringsum. Die Fantastik und die AutorInnen der Fantasy und Science-Fiction, aber auch die Verlage, Veranstalter und Akteure des Buchmarktes sind hier ganz besonders gefragt, qua Genre gewissermaßen.

Hier hat mich das Branchentreffen besonders positiv überrascht. Einer der Grundtöne, die sich durch das mehrtägige Gesprächsgesumm im Odysseum Köln zogen, war das Anliegen, die Bücher und Themen der Fantastik noch besser mit Journalisten, die dem Genre gewogen sind, zu vernetzen, oder ihm noch weitreichendere Plattformen zu bieten. Mich würde wirklich sehr interessieren, wie man Katja Böhnes SF-Haltung beispielsweise auf den Buchmessen, im Handel oder eben im Alltag integrieren und inszenieren kann.

Also, let’s do this. Ideen, anyone?


Zum Weiterlesen:

Dr. Lars Schmeink: Von Diversität, Intersektionalität und Repräsentation: Politische Dimensionen der Fantastik (Impulsvortrag vom 19.04.2018)

Michel Foucault: Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Übersetzt von Michael Bischoff, mit einem Nachwort von Daniel Defert. Suhrkamp, Berlin 2013 [1966]