Subkultur: Elektromarkt

Eine Konifere auf seinem Gebiet

Gestern war ein sehr trauriger Tag. Mein Headset “Creative Soundblaster Rage” mit seinen jungen 1,5 Jahren von uns gegangen. Es hatte ein nicht immer ganz einfaches Leben, gerade das Mikro wurde auch mal angeschrien und der Infrarot-Empfänger das eine oder andere Mal aus dem USB-Port gerissen. Aber im Grunde hatte es ein erfülltes Leben mit guter Musik und tollen Gaming-Sessions.

Eine Trauerfeier findet nicht statt, da es den Wunsch hatte in einer Box für Altgeräte in den Hardware-Himmel zu kommen.

Nun — fast schon einen Tag später — bin ich über den Schock weitgehend hinweg und wollte mich also um Ersatz kümmern. Ich fuhr also in einen bekannten örtlichen Elektrohandel (nicht Saturn), in der Absicht ein neues Gerät zu erstehen. Den Ablauf dieses Einkaufs möchte ich kurz in chronologischer Abfolge darstellen.

14:55 Uhr

Ich komme von der Uni und sitze im Auto. Jetzt geht’s los zu Me… … zum Elektohandel. Den gestrigen Verlust noch in den Knochen fahre ich los. Soweit nicht besonders spektakulär.

15:05 Uhr

Beim Elektrohandel angekommen finde ich sofort einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs. Wenn das so weiter geht, bin ich hier im fünf Minuten fertig und kann nach Hause. Ich betrete also das Geschäft und beginne mich umzusehen.

15:10 Uhr

Ich habe die drei, jeweils an verschiedenen Enden des Geschäfts verteilten, Bereiche gefunden, in denen es Headsets gibt. Ich beginne interessante Geräte näher zu betrachten und die Produktdetails auf den Verpackungen zu lesen.

15:20 Uhr

Nach einigem Lesen und Vergleichen kommen zwei Modelle in Frage. Eins von Razer und eins von Sennheiser. Die Headsets unterscheiden sich weder vom Preis, noch von den angegebenen Spezifikationen. Ratlosigkeit macht sich breit. Ich brauche die Meinung einer kompetenten Fachkraft.

15:22 Uhr

Eine kompetente Fachkraft scheint es dort nicht zu geben, also suche ich mir einen der dort zwecks Beratung angestellten Mitarbeiter.

15:25 Uhr

Ich spreche einen Mitarbeiter an, der gerade paralysiert im Gang steht. Er weist mich darauf hin, dass er gerade Kundschaft habe und er “sehr gerne” gleich bei mir ist.

Noch während er das sagt, scheint ihm einzufallen, dass er tatsächlich Kundschaft hat und er eilt von dannen.

15:27 Uhr

Der Mitarbeiter hat mich erreicht und offenbart seine Ratlosigkeit in Bezug auf Headsets.

Er kenne aber einen Experten [“Experten” — die Red.], der mir sicherlich helfen können wird.

15:35 Uhr

Nach wenigen Minuten ist der Experte ausfindig gemacht und es geht los. Er mustert meine beiden favorisierten Geräte, als frage er sich, wie man bei diesem “neuartigen Telefon” denn die Nummern wählt. Daraufhin beginnt er, mir die Verpackung vorzulesen und versucht dabei mit Phrasen, wie “Oh, dieses Headset reicht sogar bis 22.000 Hz” Kompetenz zu heucheln.

15:40 Uhr

Aus Angst, die Verpackungsdetails noch einmal vorgelesen zu bekommen, sage ich dem Mitarbeiter, dass ich mich selbst noch ein wenig umsehen werde.

Mittels Smartphone geht es also ins Internet. Rezensionen lesen!

15:45 Uhr

Nach einigen Testberichten ist klar: das Sennheiser-Gerät soll es sein. Doch traue ich dem stattlichen Preis von 159,- Euro nicht.

Ein weiterer Blick ins Internet verrät mir, dass es bei einem großen Online-Versandhändler für sensationelle 119,- Euro zu haben ist.

15:47 Uhr

Ich konfrontiere den Mitarbeiter mit meinem neu-erlangten Wissen und frage ihn, ob sich da preislich etwas machen ließe, da das Gerät bei besagtem Online-Versandhändler… ach komm… es weiß doch eh jeder, dass Amazon gemeint ist. Jedenfalls ist es da billiger. 40,- verdammte Euro billiger!

Sichtlich genervt entgegnet der Mitarbeiter: “Das interessiert mich relativ wenig, wir sind ja nicht Amazon. Oder haben Sie das draußen gelesen?”

Angesichts dieser Frechheit bin ich einen Moment sprachlos und meine Gedanken drehen sich, wie ein Wetterhahn im Auge des Tornados, während ich überlege, was ich dazu sagen soll.

Möglichkeit A — Sarkasmus

“Oh, das tut mir Leid. Da liegt eine Verwechslung vor. Ich bin leider Farbenblind und kann nicht lesen.”

Möglichkeit B — Aggression

“Was Sie nicht sagen… selbst wenn ich in das Gebäude gebeamt worden wäre und nicht das Schild am Eingang gelesen hätte, wäre mir klar, dass das nicht Amazon ist. Unfreundliche Idioten, wie Sie, stellen die nämlich gar nicht ein. Übrigens: ihr rotes Poloshirt sieht scheiße aus.”

Möglichkeit C — Ehrlichkeit

“Ich danke Ihnen für die Mühe, machen Sie sich keine weiteren Umstände, ich bestelle es im Internet.”

Na ja, stattdessen habe ich gar nichts gesagt und einfach nur die linke Augenbraue hochgezogen. (Richtig gehört, NUR die linke! Ich kann das!)

[Wow… schreib das am Besten in die nächste Bewerbung zu besonderen Fähigkeiten… — die Red.]

Der Mitarbeiter schaut darauf hin im System nach und sieht, dass die noch vorhandene Stückzahl erstaunlich hoch ist. Ja, fast so, als würde das Headset nicht oft verkauft. Vielleicht weil der Preis zu hoch ist, oder so.

Erstaunlich kompromissbereit ändert der Mitarbeiter den Preis im System auf den Amazon-Preis und druckt mir eine Rechnung.

Nach dem Drucken der Rechnung fragt er mich, ob ich das Gerät denn kaufen wollte.

Ich habe es denn gekauft, bin nach Hause gefahren, habe es angeschlossen und alles klappt. Wenigstens das!

Wenn du also das nächste Mal ein Headset kaufst und das bei einem großen deutschen Elektrohandel (nicht Saturn), dann lass dich nicht verarschen. Vor allem nicht beim Preis.

Ich mein’ ja nur…