Verhalte dich normal, du hast nichts getan.

Die potenziell langweiligste Geschichte ever

Es war letzte Woche. Ich war zusammen mit einigen Kollegen, Freunden und Bekannten zu einer Feier eingeladen und es ging wieder einmal um die Frage: “Wie komme ich zum Veranstaltungsort?”
Meistens geht es ja mit dem Rad, zu Fuß oder mit dem Bus. Aber dann gibt es wiederum Orte, die dermaßen am Arsch der Heide liegen, dass nicht nur in der Blüte ihres Lebens befindliche Marathon-Läufer vor der Anreise zurückschrecken, sondern auch kein Bus öfter als ein Mal die Woche dort hin fährt. Na gut, Schul-Busse vielleicht. Aber die fahren selten nachts um vier Uhr — oder wann immer die Party endet.
Nach einem kurzen Überschlagen der etwaigen Taxi-Kosten, wurde mir klar, dass ich mein Monatsgehalt für An- und Abreise inkl. kleiner Aufmerksamkeit für den Gastgeber nahezu vernichten würde — und dabei hätte ich noch keine Getränke gekauft!

Ich beschließe also schweren Herzens mit dem eigenen Auto zu fahren, wohl wissend, dass ich womöglich der einzige sein würde, der beim Cuba Libre auf dem Rum verzichten muss.

[Hier könnte der Bericht über die Party stehen, tut er aber nicht.]

Es hat also funktioniert. Ich habe einen Promille-Wert, der gefühlt im Minusbereich liegt und Hunger. Viel Hunger.
Während ich also auf dem Heimweg mit dem Gedanken spiele, ein Reh zu überfahren, um etwas zu Essen zu haben, fällt mir ein, dass es heutzutage ja auch anders geht.

Ich steuere also einen bekannten Schnellimbiss an, dessen Namen ich aus werberechtlichen Gründen an dieser Stelle nicht verraten darf. Nennen wir ihn der Form halber “Restaurant zur Goldenen Möwe”.
An der Gegensprechanlage werde ich mit Worten in gebrochenem Deutsch begrüßt, verstärkt durch ein Mikrofon mit der Klangqualität eines in die Jahre gekommenen Grammophons. Ich habe kein Wort verstanden. In der Annahme, die Worte seien freundlicher Natur, grüße ich zurück. Dem nächsten Satz des Mannes am anderen Ende ist mit einiger Fantasie das Wort “Bestellung” zu entnehmen. Ich tue also wie geheißen.
Nachdem meine Bestellung also circa vier Mal falsch verstanden und eingegeben wird, ist es geschafft. Den Preis der Bestellung habe ich zwar nicht verstanden, aber es gibt ja Kassensysteme mit digitaler Anzeige.

Man sagt mir, es würde noch etwas dauern und ich möge mich gedulden. So sei es.
Ich bin also gerade dabei mich zu gedulden, als ein Auto hinter mir in die Warteschlange fährt. Es sind die Ordnungshüter in ihrem Dienstfahrzeug. Beinahe reflexartig überlege ich, ob ich meine Papiere, den Verbandskasten und meine Geistesgegenwart dabei habe. Und ja, alles am Start. Ich habe also nichts getan und verhalte mich weiter ganz normal. Na ja, so normal es dann eben ging.
Sicher kennst du das Gefühl, wenn du ein Geschäft ohne etwas kaufen zu wollen verlässt, dabei den Ausgang durch die Kasse wählst und während du dich an der zahlenden Kundschaft vorbeidrängelst irgendwas merkwürdig ist. “Ich hab nichts gekauft. Also darf ich hier durch. Ich hab nichts getan. Ich bin kein Dieb. Ich muss mich normal verhalten.”

Ich überlege kurz, wie eine unauffällige Fahrweise wohl aussehen mag. Fahr ich genau 50 km/h? Nein, total auffällig… macht doch keine Sau. Etwas unter 50? Dann denken die noch, ich könnte mich nicht mehr konzentrieren, dass ich so langsam fahren muss. Dann also über 50! Hmm… sieht irgendwie nach Flucht aus — so gar nicht StVO. Nachher halten die mich noch an!

Aber dann kommt alles anders! Ganz anders, als erwartet.
Ich kriege mein Essen, fahre weg und das war’s. Keine Verfolgungsjagd, keine U-Haft — gar nichts!

Immer diese Leute, die sich unnötig viele Gedanken machen. Lächerlich!

Ich mein’ ja nur…