Illustration: Stephan Walter

Als die Dinge reden lernten

Jean-Claude, Anfang 60, schlank und auf diese kalifornisch braun gebrannte Art energetisch, erzählt von seinem neuen Mountainbike. Dann von seinem Enkelkind. Er bestellt eine gute Flasche Chianti. Natürlich bin ich ein Workaholic, sagt er, aber ein Smart Workaholic. Das Erste, was ich morgens nach dem Aufstehen tue: E-Mails checken. Jean-Claude ist Vice President eines internationalen Unternehmens, und während er schlief, waren die Kollegen in den USA und Asien fleißig.

Weil Jean-Claude ein Anpacker ist, kein Jammerer, hat er eine auf den ersten Blick paradoxe Lösung für seine Arbeitssucht gefunden: mehr Technologie. Er ist ständig unterwegs, telefoniert mit vielen Menschen und trägt darum meist eines dieser kleinen Bluetooth-Headsets. Maximal effizient, sagt er. Und weil er ein Mensch mit Mission ist, hat er mir ein Geschenk mitgebracht, das er beim zweiten Glas über den Tisch schiebt: ein Headset, genau wie seines. Ich bedanke mich artig und lächle. Gequält.

Man muss dazu wissen, dass ich moderne Technik mag, aber die Rituale ihrer Apologeten nicht immer. So versuche ich in der Regel, Technologiemessen zu vermeiden, neulich aber musste ich zum Mobile World Congress. Und da sieht man sie dann: diese stets leicht übergewichtigen Verkäufertypen mit zerknautschten Anzügen, billigen Schuhen — und eben Bluetooth-Headsets, in die sie argumentieren, schmeicheln, schimpfen, lachen, während sie durch die Gänge schieben, so wie jene verwirrten Prediger, die in Berlin mitten auf der Straße stehen und Vorträge ins Nichts halten. Das Headset war für mich immer das Accessoire des sozial entgleisten Handlungsreisenden.

Und so lag Jean-Claudes Karton ziemlich lange in der Schreibtischschublade. Vergangene Woche habe ich ihn dann doch rausgeholt. Nur mal kurz schauen, ob das Ding wirklich so leicht mit dem Smartphone zu koppeln ist — ja, ist es. Mit dem Computer? Auch. Und wie klingt es? Da ertönt in meinem Ohr eine Frauenstimme, nicht ganz Scarlett Johansson in dem Film „Her“, aber nahe dran. Das Telefon ist verbunden, sagt sie, der Akku hält acht Stunden. Seitdem bin ich gefangen. Telefoniere im Büro nur noch freihändig. Mit diesem Ding am Ohr, das sich beim Aufsetzen zart anschmiegt, mich mit seiner Sirenenstimme begrüsst und das ich schon nach wenigen Sekunden nicht mehr spüre. So ist das also, wenn Technologie ein Teil meines Körpers wird.

Johansson spricht im Film ein allgegenwärtiges Betriebssystem, das mit seinem Nutzer durch Ohrstöpsel kommuniziert. Und das — legt man die Regeln des Turing-Tests für künstliche Intelligenz zugrunde — zumindest glaubwürdig vorspielen kann, autonom zu denken. So weit ist Jean-Claudes Geschenk noch nicht. Und doch bietet für mich ausgerechnet dieses Objekt meiner früheren Verachtung ein Vorgeschmack darauf, wie intelligente, sprechende Dinge schon bald mein Leben bevölkern werden.

Und, wie findest du es? Jean-Claude schaut suchend zu meinem rechten Ohr. Wir sind auf der Cebit, wieder umringt von Headset-Trägern, und natürlich habe ich meines nicht auf. Ich pflege meine heimliche Hassliebe ausschließlich im Büro. Draußen wäre sie mir peinlich. Schau mal, sagt Jean-Claude und schiebt mich von einem Stand zum nächsten, mit all diesen Dingen wirst du bald reden. Da steht eine Badewanne, der man Wassertemperatur, Beleuchtungs- und Musikeinstellungen schon vom Auto aus mitteilt. Ein Laufband, das mit der Sportkleidung kommuniziert. Eine Zahnbürste, die sich mit dem Smartphone unterhält. Ein Fahrstuhl, der online meldet, wenn er vermutet, bald repariert werden zu müssen. Predictive Maintenance, sagt der Mann am Stand und schaut, als könne er es auch kaum glauben.

Das Internet der Dinge also — jetzt ist es da. Microsoft demonstriert, wie man in der Industrieproduktion zur Losgröße 1 kommt, wenn jedes Werkstück sagt: Hallo, ich bin’s! Die Telekom zeigt ein Fahrrad mit Sensoren und SIM-Karte. Alles bekommt eine URL, wird vernetzt, spricht miteinander — und mit dem Nutzer. Man stelle sich die Kakofonie vor, würden allein meine Arbeitstools derart redselig: Markus, meine Festplatte wird langsam arg voll … Chef, lad mich mal auf … Hey, erst ist der Kaffeefleck auf meinem Polster dran … Menno, immer liege ich hier so vertüdelt unter dem Tisch rum … Ich werde langsam kalt, und zu viel Zucker ist auch in mir drin, das ist ungesund … Markus, du sitzt jetzt schon seit 30 Minuten, beweg dich mal … Darf ich noch mal an meine Festplatte erinnern … KLAPPE HALTEN!

Bald sind auch noch die Autos online und geschwätzig, sagt Jean-Claude, und spätestens dann sind wir alle Smart Workaholics. Schon weil wir uns ständig um diesen quengeligen Kindergarten ehemals tumber Dinge kümmern müssen. Verhindern kann man das nicht, die Technik ist da. Einzige Lösung: eine strenge Lehrerin, die für Disziplin sorgt. Eine ordnende Instanz, die den Dingen das Wort erteilt, Informationen priorisiert, mir das Wichtigste erzählt. Also doch Scarlett Johansson. Eben, sagt Jean-Claude, und tippt auf das Ding an seinem Ohr. Widerstand ist zwecklos.

Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne im Magazin Lufthansa Exclusive.

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