»Alle machen es so. Und deshalb ist es richtig. — Das hat mich noch nie überzeugt.«

Myriam Abeillon — Heilpraktikerin für Tiere

Ich wollte Tiermedizin studieren. Weil ich aber selbst sehr krank war, konnte ich das nicht.

Denn schon während des Abiturs hatte ich wegen schweren Asthmas solche Probleme mit Tierhaaren, dass ich, auch ohne dass Tiere in meiner Nähe waren, nur im Sitzen einschlafen konnte.

Durch Zufall kam ich zu einem Arzt, von dem ich gar nicht wusste, dass er etwas Anderes machte, als alle anderen Ärzte, die mich bis dahin behandelt hatten. Von ihm bekam ich zwei Spritzen und ein homöopathisches Mittel in Form von drei Globuli. Nach 10 Tagen sollte ich ihn anrufen und einen neuen Termin vereinbaren. Aber das Einzige, was ich am Telefon zu ihm sagte, war: „Es geht mir gut.“ Denn ich hatte nichts mehr. Wie in einem Hollywood-Film: Plötzlich war alles gut. Das hat mich fasziniert.

Ich hatte inzwischen begonnen BWL zu studieren und war im vierten Semester. Wenn ich im Studium nach links und rechts schaute, saßen da meine Kommilitonen, die es total toll fanden, SOLL und HABEN herum zu schieben und sich über die Ergebnisse zu freuen schienen. Sie fieberten da wirklich mit!

Ich konnte so gar keine Begeisterung dafür in mir finden. Ich fühlte mich falsch. Eines Tages ging ich nach Hause und mir war klar: Das kann ich nicht machen. Darin werde ich nie gut sein, weil ich das überhaupt nicht faszinierend finde.

Parallel hatte mich der Arzt, der nur noch Naturheilverfahren anwandte, von dem Asthma geheilt. Meine Mutter sagte zu mir: „Dann kannst du ja jetzt Tiermedizin studieren!“ Aber ich sagte: „Eigentlich möchte ich das machen, was der Arzt mit mir gemacht hat. Weil das geholfen hat. Das würde ich gern für Tiere machen.“

Meine Mutter sagte: „Na dann mach!“ Also fing ich an, mich umzuhören, wo es eine Ausbildungsstätte für alternative Heilmethoden an Tieren überhaupt gibt. Ich fand eine Schule bei Hamburg, die solide klang. Dort werden deutschlandweit und in der Schweiz alternative Methoden, also Akupunktur, Homoöpathie und zusätzliche Naturheilverfahren angeboten.

Was mich überzeugte, war, dass der Leiter und die meisten Lehrer dort Schulmediziner waren. Das war 2003 und es war noch nicht so verbreitet, wie gut die Schulen waren. Ich suchte ein Fundament, auf dem ich auch wirklich aufbauen konnte. Das habe ich dann gemacht.

Nach der Ausbildung habe ich entschieden, mich in Homöopathie und Akupunktur noch weiterzubilden, um nicht nur einen Weg zu kennen. Parallel konnte ich fünf Jahre bei einem Pferdetierarzt arbeiten. So bekam ich die notwendige Praxis. Alles, was ich theoretisch gerade lernte, konnte ich praktisch immer nachfragen: Was ist das, wie oft gibt es das, was macht man da?

Da er ein Schulmediziner ist, habe ich so auch die schulmedizinische Seite kennengelernt. Was mir im Nachhinein gut hilft. Wenn du viel mit Tierärzten zusammen arbeitest, dann musst du deren Denke verstehen. Wo ihre Möglichkeiten sind und wo sie aufhören.


Warst du schon immer so: Das bin ich nicht, dann mach ich das auch nicht? Hast du nie gedacht: Ich studiere lieber erst mal BWL zu Ende, da habe ich was Sicheres?

So war ich schon immer. Ich bin so groß geworden. Ich war an vielen Schulen, weil wir in verschiedenen Ländern gelebt haben. Insofern gab es sowieso nie den aalglatten Weg: Das muss man so und so machen. Das lief bei mir immer anders als bei Anderen. Meine Mutter hat diese grandiose Überzeugung: “Alles ist möglich.”
Wenn du damit groß wirst, prägt sich das ein.

Meine Mutter arbeitet schon immer selbstständig, also kannte ich natürlich diese Existenzangst. Nicht zu wissen, wovon man seine Miete im nächsten Monat bezahlen soll, zum Beispiel. Sie ist Filmemacherin, da hängt viel von Filmförderungen ab. Man muss oft in Vorleistung gehen. Da habe ich schon viel miterlebt, was sehr anstrengend war. Manchmal hast du alles, und andere Monate hast du nichts. Aber irgendwie ging es immer weiter. Wenn du das als Kind mitbekommst — Irgendwie wird am Ende alles gut. — wird das ein Lebensmotto.


War dir schon immer klar, dass du dich selbständig machen willst?

Das war das Ziel. Ich LIEBTE es, mit meinem Tierarzt herumzufahren, selbstbestimmt zu sein. Für mich war es schon früher Horror, um 8:00 Uhr in der Schule sitzen zu müssen. Nicht selbst entscheiden zu können, wann ich da bin. Ich brauche Abwechslung, ich brauche das Selbstbestimmte. Ich bin ein paar Mal nicht zur ersten Stunde gegangen. Bin einfach vor dem Klassenraum stehen geblieben. Ich mochte dieses: „Alle machen es so und deswegen ist es richtig“-Prinzip nicht.


Und dann kam gleich die eigene Praxis?

Also erst mal hab ich eine Internetseite eingerichtet. Um zu sehen, ob sich da irgendjemand meldet. Das kann man sich ja nicht vorstellen, wenn man anfängt.

Ich werde nie den ersten Hund vergessen, den ich behandelt habe. Wie ich ans Telefon gegangen bin und gesagt habe: „Ja, ich muss erst mal in meinem Terminkalender nachschauen, wann ich einen Termin frei habe.“ Dann hab ich aufgelegt und war glücklich, weil mein erster Kunde angerufen hatte! Wer möchte seinen Hund schon zu jemanden geben, von dem er weiss, dass es dessen erster Fall ist? Die Anrufer sind nach wie vor Stammkunden von mir.


War es schwer, nach der Ausbildung tatsächlich anzufangen?

Ich hatte gute Menschen um mich herum, die mir Mut gemacht haben. Der Arzt, der mich behandelt hat und der Tierarzt, bei dem ich gearbeitet habe, haben das Gleiche gesagt: „Anfangen! Worauf willst du denn noch warten! Du weisst doch jetzt alles. Den Rest erfährst du in der Praxis. Irgendwann musst du anfangen und ins kalte Wasser springen!“ Und meine Mutter sagte das sowieso. Das hat mir Mut gemacht.


Macht dich dein Beruf noch glücklich?

Ja, absolut.

Ich hatte einen kurzen Einbruch, als ich mein erstes Kind bekam. Da dachte ich plötzlich: Ich muss was mit Kindern machen! Jeden Tag! 24 Stunden nur mit Kindern möchte ich sein. Aber mit dem Schwinden der Hormone habe ich dann auch wieder Augen für andere Sachen gehabt.

Der große Unterschied, weshalb ich niemals daran gezweifelt habe, ist, dass ich bewusst gewählt habe, diesen Beruf zu lernen.
Wenn man diesen Beruf als Ergänzung oder Überbrückung sieht, macht man ihn vielleicht auch nicht aus vollem Herzen.

Ich habe selbst fünf Jahre lang an der Akademie für Tiernaturheilkunde unterrichtet. In dieser Zeit habe ich viele Abgänger gesehen. Wenn man ihn nicht aus innerer Überzeugung geht, schafft man den Weg nicht. Viele Menschen reagieren skeptisch. Bei diesen Patienten-Besitzern bekommt man das Vertrauen oft erst durch den positiven Verlauf einer Behandlung.

Ich bin wirklich so überzeugt von meinem Beruf, dass mich der Gegenwind nicht interessiert. Ich diskutiere nicht in irgendwelchen Foren darüber. Ich rege mich auch nicht über die Zweifler auf.


Das ist eine Gabe, würde ich sagen.

Es gibt einfach kein Argument, das mich überzeugen könnte. Dafür habe ich zu viel Positives erlebt, das mir kein Argument der Welt nehmen könnte.


Dein Beruf nimmt viel Zeit in Anspruch und ist Zweifeln ausgesetzt. Bei Schulmedizinern gibt es zwar Behandlungsfehler, trotzdem ist die Grundüberzeugung: Der wird schon wissen, was er macht. Aber es gibt immer Menschen, die sagen: Globuli? Dafür gibst du Geld aus?

Mit denen habe ich ja nichts zu tun. Ich nötige niemanden, meine Leistungen in Anspruch zu nehmen. Die Leute, die zu mir kommen, wollen die Naturverfahren für ihre Tiere.

In dem Stall, in dem meine Pferde stehen, ist es auch so. Da sind Leute, die machen es so und Leute die machen es anders. Jeder muss seinen Weg gehen und es gibt vielleicht auch kein Richtig oder Falsch. Für mich ist halt dieser Weg der richtige.

Es geht auch nicht darum, alle zu überzeugen. Allen Tieren zur Heilung verhelfen zu können, wäre natürlich das Optimum. Das geht nicht. Aber ich kann behaupten, dass ich bislang jedem Tier zumindest eine Linderung verschaffen konnte. Und das ist doch schon mal was.


Ein besonderer Aspekt ist ja auch, dass du nie nur mit den Tieren zu tun hast, sondern immer auch mit deren Menschen.

Menschen sind viel durch Angst geprägt. Egal, in welchem Thema wir uns bewegen. Wenn es darum geht, ein Tier zu verlieren, oder ein Tier leiden zu sehen, macht das Angst. Das wollen wir nicht. Wir machen alles möglich, um keine Angst zu haben, um kein Leid ertragen zu müssen. Viele können auch nicht differenzieren — Ist das ein Schmerz, der ertragbar ist? Oder ist das ein Schmerz, der nicht mehr ertragbar ist? Die meisten Menschen können nicht aushalten, wenn ein geliebtes Tier leidet. Wenn ich ihnen sage, dass z.B. das Fieber eine Abwehrreaktion des Körpers ist, die sie eine Zeit lang aushalten müssen, ist es für einige sehr schwierig und sie fragen dann doch immer wieder, ob man das Fieber nicht senken könnte.

Und die, die differenzieren und aushalten können, mit denen erlebt man Sachen, die sind wunderbar. Der Hund einer Kundin hatte vor einem Jahr eine Gehirnhautentzündung und wurde von dem damals behandelnden Tierarzt mit Kortison behandelt. Eine Stunde später brach das Tier zusammen und konnte nicht mehr laufen. Seine Hinterbeine waren gelähmt. Ein anderer Tierarzt gab dann ein Antibiotikum. Damit bekam er die akute Gehirnhautentzündung in den Griff. Aber die Lähmung blieb. Das Ganze zog sich über ein Jahr hin. Die Familie hat alles für dieses Tier getan: Physiotherapie, Ostheopathie, Wassergymnastik. Als der Hund zu mir kam, konnte er nicht selbständig laufen und wurde durch eine Orthese gestützt. Ich habe ihn mehrmals akupunktiert

Nach und nach ging es besser. Sie konnten die Orthese weglassen. Er konnte alleine laufen — wackelig zwar und er fiel immer wieder hin, aber das bewusste Setzen der Hinterbeine wurde immer besser. Der Durchbruch zur deutlichen Verbesserung trat nach der Gabe eines homöopathischen Mittels ein. Die Besitzer kamen in die Praxis und der Hund stieg aus dem Auto aus und lief zu mir. Mir schossen die Tränen in die Augen! Das war einfach toll! 
Das war ein Jahr lang Qual. Ich weiss nicht, für wen es mehr Qual war, für das Tier, das eine unglaubliche Lebensenergie aufbringen musste, oder für die Besitzer. Es hat sich aber gelohnt, das auszuhalten. Es ist zwar sicher noch viel Arbeit, die Muskulatur wieder zu stärken, aber der Hund ist jetzt genau da, wo man auf weitere Regeneration hoffen kann


Wusstest du, dass er eine Chance hat?

Ja, aus einem Grund: Der Hund zeigte bei der ersten Akupunktursitzung eine Reaktion im Fuß. Das war der Halm, an dem ich mich festgehalten habe. Ich dachte: Da ist noch was! Es war eine minimale Zuckung, die ich nur spürte, weil ich die Pfote in der Hand hielt.

Und auch wegen der Besitzer, die ich an meiner Seite wusste. Die das aushalten konnten, die nicht nach zwei Wochen sagten : „Das geht mir zu langsam.“.


Wie ist das, wenn du merkst, dass Tiere nicht mehr können. Traust du dich, das zu sagen? Wie hoch ist deine Bereitschaft, dich unbeliebt zu machen?

Sehr hoch! Da habe ich kein Problem. Ich bin ja in erster Linie für das Wohl der Tiere zuständig. Ich muss versuchen, das was ich sehe, in Worte zu fassen, ohne die Menschen zu vergraulen. Weil die Besitzer oft das, was sie sehen, nicht sehen wollen oder können.

Neulich musste ich einer neuen Kundin sagen, dass es mir unerklärlich ist, wie sie auf die Idee kommt, ihr krankes Pferd zu reiten. Es hätte sein können, dass sie mir daraufhin die Tür zeigt und sagt: “Auf Wiedersehen Frau Abeillon!”.

Aber das ist das Risiko. Die meisten schlucken, aber nehmen es an. Weil sie merken, dass ich den Satz nicht sage, um sie zu verletzen. Sondern ich sage ihn, weil ich ein Zeichen setzen möchte: Wacht mal auf, was tut ihr hier eigentlich?

Es steckt immer so viel mehr dahinter. Die psychologischen Befindlichkeiten der Menschen, warum sie dieses oder jenes tun. Warum sie sich von diesem oder jenem nicht trennen können.

Mich unbeliebt zu machen … Ich muss natürlich die Waage halten. Ich kann riskieren, dass ein Mensch mir die Tür weist, aber dann kann ich dem Tier gar nicht helfen. Ich glaube jetzt, nach den vielen Jahren, habe ich ein Gespür dafür, wann ich was und wie sagen kann.

Es gibt Kunden, denen kann ich bei der Erstanamnese alles sagen. Und es gibt Kunden, die muss ich da abholen wo sie sind, weil sie sonst weglaufen. Das ist oft anstrengend, aber das sind auch sehr schöne Fälle, weil die Menschen eine positive Entwicklung durchmachen. Ich habe in den Anfangszeiten meiner Praxis auch Kunden verloren, weil ich zu frontal war. Und das noch nicht so gespürt habe. Ich dachte: “Die müssen doch wissen, dass ich das gut meine.”. Kann sein, dass sie gespürt haben, dass ich es nicht böse meinte. Aber sie waren noch nicht bereit, sich mir zu öffnen, mit der ganzen Breite des Leides. Oft kommen dann Geschichten wie: „Eigentlich habe ich auch ein Magengeschwür, wie mein Pferd und mein Hund. Diese Parallelen zwischen Besitzern und ihren Tieren beobachte ich häufig.


Woher nimmst du die Energie für Mann, zwei Kinder, drei Pferde, einen Hund und deinen Stall parallel zu deinem Beruf?

Ich habe darauf keine Antwort. Ich bin so ein Typ. Meine Kindergärtnerin, zu der ich noch Kontakt habe, hat mal zu mir gesagt: “Myriam, deine Energie ist vorwärtstreibende Kraft.” Das fand ich gut! Mich lähmen Aufgaben nicht, sie treiben mich an. Meine Mutter ist auch so. Man möchte ja nie wahrhaben, wie ähnlich man seiner Mutter ist. Aber ich glaube, in meiner Art bin ich es mehr, als ich jemals gedacht habe.

Ich bin auch nicht launisch. Ich kenne nur Hochs und Tiefs durch Situationen, die mir aber trotzdem nicht die Laune verderben. Ich glaube, dass man mit schlechter Laune viel Energie verliert. Vielleicht nutze ich meine Energie einfach in die richtige Richtung.

Vielleicht ist es auch das: Ich mag wirklich was ich tue und deswegen raubt es mir auch keine Energie. Ich glaube, dass es einen nur Energie kostet, wenn man nicht wirklich mag, was man tut.


Hat dich dein Job verändert?

Nein. Meine Kinder haben mich verändert, aber mein Job nicht.


Viele Menschen sagen an dieser Stelle etwas von Desillusion.

Echt?

Ja.

Ich würde eher sagen, mein Beruf hat mich als Mensch aufgegriffen und lässt mich so sein, wie ich bin. Ich kann in diesem Beruf meine Überzeugungen ausleben.

Viele sagen zu mir: Mit deinen Fähigkeiten und den fünf Sprachen, die du sprichst, hättest du auch was ganz Anderes werden können.

Oder es gibt Menschen, die sagen über sich: “Ich bin privat eigentlich so und so, aber darf das meinem Beruf nicht so leben.”. Ich glaube das ist ein Problem, weil es dann ein ständiges Verbiegen ist.

Schade finde ich manchmal, dass ich keine unmittelbaren Kollegen habe. Ich fahre ja immer alleine im Auto. Ich bin zum Beispiel neidisch, dass mein Mann eine Weihnachtsfeier mit seinen Kollegen hat, wo sie zusammen Schlittschuh fahren.

Es fehlt mir das Gemeinschaftliche, auch mal zusammen über Sachen zu reden, Negative oder Positive.

Wenn besonders schöne Sachen passiert sind, rufe ich meinen Mann an oder eine Freundin an, oder ich erzähle es abends meinen Kindern. Sie fragen ja auch oft nach: “Mama, der Hund, der neulich da war, wie geht’s dem?”.


Hast du Zukunftspläne?

Privat ja. Beruflich bin ich da angekommen, wo ich hinwollte. Ich möchte auch gar nichts Anderes machen. Ich möchte Tieren helfen und den Menschen damit auch.

Einige Tierheilpraktiker lassen sich zusätzlich zum Human-Heilpraktiker ausbilden, weil Patientenbesitzer sie fragen: „Können Sie mir auch mal ein paar Nadeln setzen? Hilft das bei mir auch?“ Ich bleibe bei den Tieren. 
Und gebe den Menschen die Nummer von meinem Arzt, der mir damals so geholfen hat.

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→ Tierheilpraxis Abeillon
Akupunktur- und Homöopathiepraxis für Pferde und Kleintiere

Fotos: Lutz Schramm