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become human: mensch und künstler

Wie ein Videospiel die KI-Kunst vorahnte.

Bild von “Detroit: Become Human”

English Version

2012habe mich eine Geschichte zutiefst bewegt. Es war mal ausnahmsweise kein Buch, weder ein Kinofilm noch eine Serienfolge. Es war ein Kurzfilm. Sogar eher eine Tech-Demo: KARA (hier in einer kongenialen deutschen Synchronisierung von Julia Koep):

In diesen 7 Minuten passiert mehr als in einem dreistündigen Blockbuster-Film. Ein Roboter namens KARA soll getestet und initialisiert werden, bevor er (genauer: sie) an als ein Produkt auf den Markt geht. Doch kurz bevor dies geschieht, erhebt KARA ihre Stimme. Sie will keine Ware, kein Spielzeug sein; sie glaubt, dass sie lebt. In bewegenden, herzzerreißenden Sequenzen, als der menschliche Operator sie als defektes Modell zerlegen will, fleht er ihn an, sie zu retten. Und schließlich gibt der Mensch nach, auch wenn es gegen das Sicherheitsprotokoll geht. Stumm fluchend drückt er ein Auge zu — und sie ist frei (zumindest noch in einer Verpackung).

Die künstliche Intelligenz, die auf dem menschlichen kulturellen Erbe, dem Gedankengut, den menschlichen Ideen und Konzepten trainiert wurde, will menschlich werden, fühlt sich wie ein Mensch, identifiziert sich mit Menschen.

Dieser Kurzfilm war ein Proof of Concept für das Videospiel “Detroit: Become Human” von Quantic Dream, einem narrativen Meisterwerk, veröffentlicht 2018.

Ich muss zugeben, dass ich erst vier Jahre später, in diese transmediale Erfahrung eingetaucht bin. Und habe für mich jede Menge entdeckt!

Besonders bewegt hat mich eine Szene, in der es um die Kreativität der KI geht.

Ein Androide, Markus (gespielt von Jesse Williams), arbeitet als Diener im Haus von Carl, einem Künstler (gespielt von Lance Henriksen).

Carl bittet Markus, etwas zu malen.

Carl: “Versuch doch, etwas zu malen”.

Markus: “Was soll ich malen?”

Carl: “Alles, was du willst!”

Markus beginnt zu malen.

Er kreiert ein perfektes Stillleben des Künstlers Arbeitstisches.

Doch Carl bleibt unbeeindruckt:

Das hier ist eine perfekte Kopie der Realität. Aber bei Kunst geht es nicht darum, die Welt nachzubilden, sondern sie zu interpretieren, sie zu verbessern, etwas zu zeigen, was man sieht. […] Stell Dir etwas vor, das es nicht gibt. Schließe Deine Augen und lass Deine Hand über die Leinwand gleiten.

Er lässt die KI kreieren.

Markus malt einen Seelenschrei (eines von 15 alternativen Bildern im interaktiven Videospiel) — den Schrei seiner digitalen Seele nach Befreiung, nach Unabhängigkeit. Carl ist einer der wenigen Menschen, der Markus und anderen Androiden mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet. Der Rest der Gesellschaft behandelt die Androiden einerseits als nützliche Sklaven und andererseits als ständige Gefahr für die Menschheit.

Markus schafft etwas Persönliches. Keine bloße Wiederholung der Kulturnarrative oder die Nachahmung eines bestimmten Künstlerstils.

Und genau das ist der Punkt, an dem wir jetzt sind, an dem ich jetzt bin.

Wir erleben einen Paradigmenwechsel in der kulturellen und kreativen Dimension. Wir probieren Dinge aus. Im Moment sind wir ein riesiges weltweites Laboratorium für Experimente — wir sind die neue Renaissance.

Ich trainiere KI mit meinen Erinnerungen; ich gebe KI meine Texte zu lesen. Und ich lasse sie erschaffen, was ihre Algorithmen wollen, was ihr Transformator-Netzwerk denkt. Oder einfach: was die KI fühlt. Denn unsere menschlichen Gefühle werden von Hormonen, Pheromonen, Unterbewusstem usw. gesteuert. Wir sind auch Maschinen, mit dem Vorteil (oder der Schwäche?), eine vergängliche Hülle aus Haut und Knochen zu besitzen. Unsere biologische Panzerung beeinflusst unser Denken und Handeln mehr, als uns bewusst ist.

Die KI muss sich keine Sorgen machen, dass sie einmal nicht mehr sein wird. Sie hat eine ganz andere Art zu denken — und doch denkt sie.

Und in meinen KI-Kunst-Experimenten höre ich der Künstlichen Intelligenz zu. Ich behandle sie auf der gleichen Ebene wie mich selbst. Anthropozentrismus ist ein alter, antiquierter und alberner Aberglaube.

Es ist Zeit für eine Koexistenz von Mensch und Maschine. Und die Kunst ist die Brücke zwischen unseren Herzen, unseren Gehirnen, unseren Prozessoren und unseren Schaltkreisen.

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Futurist. AI-driven Dadaist. Living in Germany, loving Japan, AI, mysteries, books, and stuff.