Online-Videosprechstunde in Indien

Entwicklungsländer setzen auf die Konsultation zwischen Arzt und Patient mithilfe des Internets. Lesen Sie das Transkript einer Fernsehreportage

Frank Stratmann
Feb 25, 2017 · 3 min read
Foto: flickr, padmanaba01

Am Stadtrand von Delhi haben sich viele Hightech Firmen niedergelassen. Der indische Arzt im weißen Kittel schreitet die Treppe hinauf. Das triste Gebäude färbt auf den weißen Stoff etwas grau ab. Alles erinnert an eine halbverlassene Industrieruine im Ruhrgebiet. Durch eine Glastür betritt er seinen Arbeitsplatz bei einem Gesundheitsinstitut, das Online-Videoberatung für arme Regionen in Indien anbietet. Eine Unternehmung, die der indische Staat subventioniert.

Hier in Indien ist die Situation des Gesundheitssystems eine andere als in westlichen Nationen wie Deutschland. Sich mit technologischen Errungenschaften an die Patienten zu wenden, ist bittere Notwendigkeit. Auch wenn die Ärzte die technischen Grenzen kennen und nach eigener Aussage bei der Fernbehandlung im Moment nur an der Oberfläche bleiben.

Ehrlich gesagt, sei es manchmal etwas heikel, rein nach den optischen Anzeichen zu arbeiten”, sagt der Arzt im Gespräch mit Dr. Markus Spieker. Der Auslandskorrespondent der ARD hat die Reportage Unglaublich, aber Indien! gedreht und beleuchtet darin auch die gesundheitliche Versorgung des zweitbevölkerungsreichsten Landes der Erde am Beispiel der Telemedizin.

Die Szene wechselt auf eine staubige Straße. Eine Tochter begleitet ihren Vater zum telemedizinischen Zentrum in der Provinz. Links eine Häuserreihe, ein Fahrradfahrer kommt ihnen entgegen. Ein Pickup überholt. Der Film zeigt die auf einem Tisch hochgelegten Beine ruhenden Mannes, der im Schatten seines fensterlosen Ladenlokals döst.

Sie passieren die Praxis des hiesigen Doktors, von dem man nur die Füße sieht und auf dessen Dienste sie lieber verzichten.

Die beiden erreichen den Eingang des telemedizinischen Zentrums, das wahrscheinlich nicht nur im TV genau so wenig einladend wirkt als die anderen Gebäude des Ortes. Um den Doktor in Delhi mithilfe von Smartphone und Bildschirm sprechen zu können, musste sie aus ihrem Dorf in die nächstgrößere Stadt kommen.

Das telemedizinische Zentrum ist eingebettet in ein Cyber-Café, das verschiedene Dienste dieser Art anbietet. Für Studenten gibt es Free-Wifi. Die Betreiber des Cafés sind direkt involviert und bemühen sich, die Verbindung nach Delhi aufzubauen.

Wenn die Ärzte nicht in die Dörfer kommen, müssen die Dörfer eben zu den Ärzten gehen.

Das beste sei, so der Chef des Cyber-Cafés, die Ärzten seien 7x24 Stunden erreichbar. Man braucht nur eine Internetverbindung. Im Hintergrund hängt ein Plakat mit dem Slogan “Digital India”. Trotzdem dauert es 30 Minuten bis eine Verbindung steht. Das Arzt-Patienten-Gespräch nimmt dann auch eine halbe Stunde in Anspruch, weil mal der Ton und mal das Bild ausfällt. Das Mikrofon am Laptop des Arztes ist defekt. Die Tonspur wird mithilfe eines Smartphones realisiert.

Der Arzt seufzt, als wieder der Ton weg ist. Zeit, sich dem Korrespondenten aus Deutschland zuzuwenden. Dann schwärmt der Doktor davon, die Telemedizin habe viel Potenzial. Natürlich müsse die Technik besser werden. Aber für den Arzt in Delhi sieht die Zukunft rosig aus.

Der Patient hätte gern länger mit dem Arzt geredet. Inzwischen gibt es aber eine Warteschlange und er muss Platz machen für andere Konsultationen. Seine Medikation konnte aber bis hierher besprochen werden. Der Patient ist zuversichtlich, dass sie hilft.

Bei der nächsten Patientin ist die Verbindung stabil. Der Arzt verschreibt eine Schmerzsalbe und verspricht, dass ihr bald geholfen sein wird. So zeigt sich die Frau begeistert, sich endlich mit einem Experten auszutauschen, der sie versteht und sie richtig therapiert.

Die Apotheke ist gleich gegenüber. Die Rezepte wurden auf einem DIN A4 Zettel ausgedruckt, doch viele Patienten werden enttäuscht. Das Medikament ist nicht vorrätig. Der Apotheker hat nur die Arzneimittel auf Lager, die die Ärzte vor Ort verschreiben. Für die Medikamente auf dem Rezept müssen Vater und Tochter jetzt in die Stadt.

Enttäuscht machen sie sich auf den Weg nach Bodhgaya, der Buddha-Stadt. Der schöne Weg in die digitale Welt scheint dann doch länger als gedacht.


Online-Videosprechstunde in Deutschland

Zum 01.07.2017 sollte die Online-Videosprechstunde auch in Deutschland anerkannt möglich. Jetzt ist man schon drei Monate vorher soweit. Ab 01.04.2017 können Ärzte Videosprechstunden nur für Verlaufskontrollen anbieten. Das greift aus Sicht des Bundesverband Internetmedizin e.V. zu kurz. Eine entsprechende Stellungnahme ist in Vorbereitung.

Die technischen Voraussetzungen schaffen Praxen, in dem sie sich an Videodienstanbieter wenden. Dafür gibt es pro Arzt in der Praxis einen Zuschlag pro Jahr.

Sowohl technische als auch prozessbedingte Regeln wurden im November festgeschrieben. Über Höhe und Umfang von Videosprechstunden wurde bis zuletzt gerungen.

Lesen Sie dazu die Stellungnahme des Bundesverbands Internetmedizin e.V. vom 08.02.2017. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, was konkret dabei herauskommt.

Internetmedizin

Mitteilungen und Diskussionsbeiträge von Bundesverband Internetmedizin e.V.

Frank Stratmann

Written by

Mentor für die Transformation von Gesundheitsbeziehungen der Digitalen Gesellschaft, Health Liaison Manager, Initiator HEALZZ.camp, Blogger und Journalist

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