Regelung zur Online-Videosprechstunde grenzt Ärzte und Patienten aus

Presseinformation mit Stellungnahme vom 30.11.2016

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) haben sich kürzlich auf die technischen Rahmenbedingungen für die Erbringung telematisch gestützter Sprechstunden (Online-Videosprechstunden) geeinigt.

Der Bundesverband Internetmedizin e.V. stellt fest, dass die Debatte Pro oder Contra Online-Videosprechstunden damit als beendet erklärt werden kann.

Ab Juli 2017 wird es für Vertragsärzte der gesetzlichen Krankenkassen möglich sein, online erbrachte Videokonsultationen abzurechnen. Beschlossen zu sein scheint, dass die Videosprechstunde zunächst auf einzelne Krankheitsbilder und Arztgruppen beschränkt werden soll.

Der Bundesverband Internetmedizin e.V. stellt mit Unverständnis fest, dass der digitalen Innovation wieder einmal Umwege zugemutet werden sollen. Eine Limitierung der Online-Sprechstunde auf Krankheitsbilder und Arztgruppen grenzt aus.Einerseits Ärzte, die diese neue Form der Sprechstunde in ihre Behandlungskonzepte integrieren wollen. Andererseits wirkt eine Begrenzung auch zum Nachteil für solche Patienten, für die der Weg in die Arztpraxis aus einer medizinischen Indikation heraus mit großen Risiken verbunden ist.

Patienten, die heute schon auf eine Fernkonsultation angewiesen sind, gibt es in jeder Arztpraxis; unabhängig von der Fachdisziplin. Beispielhaft seien bettlägerige Patienten genannt, Schwangere, die aufgrund von Frühgeburtsbestrebungen nicht die Häuslichkeit verlassen dürfen oder infektiöse Patienten, die mit dem Besuch in der Arztpraxis die Gefahr einer Keimverschleppung mit sich bringen. Solche und viele weitere Patientengruppen werden heute schon interdisziplinär betreut und es gibt sie in jeder Arztgruppe. [FS5] Hinzu kommen solche Patienten, bei denen der Aufwand des Praxisbesuchs — beispielsweise für eine blickdiagnostische Wundkontrolle — in keinem Verhältnis zum Aufwand steht, der mit dem Arztbesuch verbunden ist.

Dem Anspruch des e-Health Gesetzes auf eine Online-Sprechstunde als Leistung der Regelversorgung wird dadurch in keiner Weise Rechnung getragen. Eine auf breite Akzeptanz ausgelegte Zugänglichkeit zum Angebot der Online-Sprechstunde ist das zentrale Signal des Aufbruchs des Deutschen Gesundheitswesens in die digitale Zukunft.

Wir stellen uns die Frage, warum die Selbstverwaltung der digitalen Innovation ein Schneckentempo verordnet, damit die medizinische und digitale Kompetenz der Ärzteschaft in Frage stellt und die Qualitätsverbesserung der Versorgung nur einer begrenzten Anzahl an Patienten zugänglich machen will“, so Sebastian Vorberg, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin.

Wir brauchen keine zweite Pilotphase der Online-Sprechstunde. Das zeigen die erfolgreichen Projekte der Barmer GEK, der GWQ, der AOK Nordost, der Techniker Krankenkasse und verschiedener Privater Krankenversicherungen.
Die Folgen wären absehbar. Patienten sind längst von der Online Sprechstunde überzeugt. Den Beteiligten Ärzten und Patienten eine Verlängerung der Diskussion um ein Für und Wider zumuten zu wollen, gefährdet nicht nur eine zeitgemäße Weiterentwicklung des Arzt-Patientenverhältnisses. Sie verhindert außerdem die zügige Etablierung erfolgreicher Technologien, die von Ärzten und Patienten gewollt sind. Die neuen Regelungen in ihrer jetzigen Fassung sind dann eine perfekte Eintrittskarte für internationale Anbieter auf der Basis von Selbstzahlerleistungen.

Der Bundesverband Internetmedizin erinnert deshalb alle an der Vereinbarung Beteiligten an die Mahnung des Bundesgesundheitsministers, der bereits vor gut einem Jahr bemerkte, Ärzte und Kassen stünden gleichermaßen in der Pflicht, die gesetzlichen Vorgaben im Sinne der Patienten zügig umzusetzen. Eine Grundlage für einen limitierten Zugang zum Versorgungsinstrument der Online-Videosprechstunde ist dem e-Health Gesetz nicht zu entnehmen und wäre eine Zumutung für Ärzte und ihre Patienten.