Was ist finanzielle Bildung und warum brauchen wir sie?

Jana Tichauer
Invest it! e.V.
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4 min readJul 11, 2022

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Written by Jana Tichauer

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Haushaltsbuch führen und Kopfrechnen? Finanzielle Bildung ist mehr als das!

Die OECD hat im Jahr 2020 definiert, dass die sogenannte “financial literacy” ein komplexes Geflecht aus Wissen, Können, Einstellungen, Verhaltensweisen und Finanzbewusstsein ist. Wer darüber verfügt, kann vernünftige finanzielle Entscheidungen treffen und in der Konsequenz auch finanziellen Wohlstand erlangen (OECD 2020). Finanzielle Bildung schafft also die Grundlage dafür, dass Menschen in Geld- und Finanzangelegenheiten sowohl bewusst als auch effektiv handeln und entscheiden können (Aprea 2012).

Merkkasten finanzielle Bildung

Dieses Bündel an Kompetenzen kann in eine inhaltliche Dimension und eine persönliche Dimension geteilt werden. Erstere greift verschiedene Aspekte der Finanzwelt auf, zweitere verschiedene Aspekte der individuellen Herangehensweise.

Zu der inhaltlichen Dimension gehören zum Beispiel die Aspekte Einnahmen und Ausgaben, Finanzplanung, Geldverleih und Schulden, Vorsorge und Versicherungen oder die Kenntnis von Rechten der Verbraucher:innen.

Die persönliche Ebene umfasst

● Wissen und Verständnis

● Fähigkeiten und Kenntnisse sowie

● innere Motivation und Verhaltensweisen.

Die Frage “Wie funktioniert eine Versicherung?” spielt also eine genauso große Rolle für die finanzielle Bildung wie die Fähigkeit, eine begründete Entscheidung für oder gegen eine Versicherung zu treffen (Mania & Tröster 2015; European Union/OECD 2022).

Warum brauchen wir finanzielle Bildung?

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung stuft finanzielle Bildung als Teil der Allgemeinbildung ein. Sie tritt damit gleichbedeutend zu anderen Kulturtechniken wie Lesen oder Schreiben und ist gleichermaßen essenziell für die gesellschaftliche Teilhabe (Project CurVe 2015). Ein Mangel finanzieller Bildung hat gravierende Auswirkungen, wie eine ständige “Angst” vor Geld und ein gesteigerter psychischer Druck aufgrund von Finanzen oder auch “undersaving”. Letzteres beschreibt das Phänomen, dass Menschen auch in entwickelten Volkswirtschaften nicht genug oder falsch für die Altersvorsorge sparen (Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs 2019).

Effekte mangelnder finanzieller Kompetenz

Auch die Kombination von abnehmender staatlicher Absicherung und stetig komplexer werdenden Finanzprodukten begründet die Notwendigkeit finanzieller Bildung. Lebensrisiken und Altersvorsorge müssen eigenverantwortlich abgesichert werden, da sowohl der Staat als auch die Familie als alternative Absicherung in den Hintergrund treten: der demographische Wandel, hohe Mobilitätsanforderungen und neue Familienmodelle erfordern neue Formen der finanziellen Sicherheit (Aprea 2018). Symptomatisch für den jetzt schon sichtbaren Bedarf besserer finanzieller Bildung sind die Simulationen von Haan et al [1]. Sie prognostizieren, dass das Risiko für Altersarmut in den kommenden Jahren steigt und dabei überdurchschnittlich Risikogruppen wie Personen mit geringer Bildung, alleinstehende Frauen oder Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, betrifft (Haan et al. 2017).

“Erschwerend kommt hinzu, dass Finanzdienstleistungen — nicht nur für Laien — immer unverständlicher und undurchsichtiger werden”, resümiert Carmela Aprea und fügt hinzu, dass die Digitalisierung und Globalisierung diesen Effekt weiter verstärken werden (Aprea 2018). Die Bedeutung der mündigen Entscheidung in finanziellen Angelegenheiten und die sogenannte “Financial Inclusion” wird in Hinblick auf diese Entwicklungen evident (Reifner 2011). Dies steht in starkem Kontrast zur in verschiedenen Studien festgestellten fehlerhaften Selbsteinschätzung vieler Befragten, denn das gemessene Kompetenzniveau vieler Verbraucher:innen ist geringer als sie es selbst einschätzten (OECD 2005).

Reifner formuliert überdies die Wichtigkeit von selbstbewussten Verbraucher:innen, um als Gegenmacht auf dem Markt aufzutreten: sie können kompetente Entscheidungen fällen und somit bedürfnisadäquate Produkte von den Anbietern einfordern (Reifner 2011). Ziele einer finanziellen Bildung sind dementsprechend Verbraucherschutz, Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit (ebd.).

Neben der Forderung nach gesellschaftlicher Teilhabe lassen sich also auch volkswirtschaftliche und individuelle Gründe für ein Mehr an finanzieller Bildung nennen.

Doch zu selten folgen dieser Feststellung die dringend notwendigen Maßnahmen: Finanzielle Bildung muss in der Schulbildung kanonisiert werden und bedarf vertiefter wissenschaftlicher und fachdidaktischer Anstrengungen.

[1] Es handelt sich bei der Studie von Haan et al. (2017) um eine Simulationsstudie, die keine exakte Prognose abzugeben vermag. Je nach Szenario wird für die Jahre 2031–2036 angenommen, dass 17% bis 22% der Gesamtbevölkerung armutsgefährdet sind.

— Literatur

Aprea, C. (2012): “Messung der Befähigung zum Umgang mit Geld und Finanzthemen: Ausgewählte Instrumente und alternative diagnostische Zugänge”. Berufs- und Wirtschaftspädagogik online, Nr. 22, http://www.bwpat.de/ausgabe22/aprea_bwpat22.pdf. Abgerufen am 17.04.2022.

Aprea, C. (2018): ‘Finanzielle Bildung gegen Armut — ein zielführender Weg?’. Wiesbaden: Springer. Abgerufen unter https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-23934-3_3 am 15.08.2021.

European Union/OECD (2022), Financial competence framework for adults in the European Union. https://www.oecd.org/daf/fin/financial-education/financial-competence-framework-for-adults-in-the-European-Union.pdf. Abgerufen am 17.04.2022.

Haan, P. et al. (2017): ‘Entwicklung der Altersarmut bis 2036: Trends, Risikogruppen und Politikszenarien — ZEW-Gutachten und Forschungsberichte’. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Abgerufen unter http://hdl.handle.net/10419/168442 am 15.05.2022.

Mania, E. & Tröster, M. (2015): “Finanzielle Grundbildung schaffen — Programme und Angebote planen”. W. Bertelsmann; DOI: 10.3278/43/0049w (10.04.2022).

OECD (2005): ‘Improving Financial Literacy — Analysis of Issues and Policies’. OECD. Abgerufen unter https://doi.org/10.1787/9789264012578-en am 17.06.2022.

OECD 2020: Recommendation of the Council on Financial Literacy. https://legalinstruments.oecd.org/en/instruments/OECD-LEGAL-0461

Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (2019): “Schulden & Auswirkung auf die Gesundheit”.https://www.gesundheit.gv.at/leben/psyche-seele/finanzielle-probleme/gesundheitliche-auswirkungen, abgerufen am 13.06.2022.

Projekt CurVe (2015): ‘Kompetenzmodell „Finanzielle Grundbildung“‘. Projekt CurVe / DIE. Abgerufen unter http://die-curve.de/content/PDF/DIE_Kompetenzmodell.pdf am 15.05.2022.

Reifner, U. (2011): ‘Finanzielle Allgemeinbildung und ökonomische Bildung’. Retzmann, T. (Hrsg.): “Finanzielle Bildung in der Schule”. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag. S. 9–30.

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Jana Tichauer
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Teacher, linguaphile, powerhouse. Born and raised in Berlin, studied and worked in France, Spain, Belgium, and Germany.