Das vielseitige Leben der Schwester Rebecca

Seit 27 Jahren lebt und wirkt Sr. Rebecca Frick in Peru. Ein Besuch in Moro bei einer, die nie still steht.

„Schwester Rebecca, wann darf ich dich zum Interview treffen?“, frage ich zügig nach meiner Ankunft in Moro. Der Plan ist, am nächsten Tag weiterzureisen. Rebecca: „Ich möchte lieber kein Interview geben, ich mag das nicht so, von mir zu lesen“. Ein Satz, den man ungerne hört, wenn man gerade zwei Tage im Auto unterwegs war, nur um nach Moro zu gelangen, einmal quer über die peruanischen Anden, Passüberquerung auf 5200 Metern über Meer, Übernachtung am Strassenrand eines indigenen Bergdorfs auf knapp 4000 Metern, dorthin hat sich noch nie ein Tourist verirrt.

In den folgenden Tagen wird sie einmal sagen: „Ich bin ein Naturmensch, kein Büromensch“, das Tun liegt ihr besser als das Reden. Wir einigen uns darauf, dass sie mir kein Interview geben muss, sondern dass ich sie begleiten und schliesslich meine Beobachtungen ins Land schicken darf. Mir ist von Anfang an klar: Es wird ihr nicht gefallen, dass dieser Text von ihr alleine handelt. Wir duzen einander, wie daheim üblich, sofort.

Schwester Rebecca hat ein Faible für Autos, sitzt gerne hinter dem Steuer, den Desktop-Hintergrund ihres Computers ziert ein Formel-1-Wagen. Ihren massiven Allrad-Pick-up fährt sie immer selbst. Wenn sie nach Lima muss, drückt sie gerne aufs Gas. Wenn sie in die Höhe fährt, durch Flüsse, das Rio-Loco-Tal hinauf zu den indigenen Siedlungen, die sie vor vielen Jahren, als sie die Strasse noch nicht initiiert hatte, zu Pferd besuchte, ist sie wegen des Schotters gezwungen, langsam zu fahren. In Moro ist man es gewohnt, dass eine Nonne im Pick-up herumfährt. Das Fahrerfenster stets offen, rufen die Leute winkend in ihre Richtung: „Buen día, madre!“

Bis heute nichts bereut

Warum die damals 23-Jährige Balznerin, nach einer jungen Karriere beim Sportartikelhersteller Fila, einigen Jahren im Ausland und mit der Kirche nicht viel am Hut, ins Kloster ging, kann sie bis heute nicht erklären. Sie wusste einfach, dass es so sein muss. So wurde Zams im Tirol ihr Zuhause. Und nach einigen weiteren Stationen, mit 38 Jahren, Moro, wo ihr Orden schon seit Anfang der 80er tätig gewesen war. Das ist nun fast ein halbes Leben her. Sie sagt: „Das Schöne ist, ich habe bis heute nichts bereut.“

Spanisch sprach sie damals keins, aber sie wurstelte sich mit Italienisch durch, bis es ging. Perfektionistin sei sie keine. In Moro fand Schwester Rebecca einen Ort, an dem sie viel Gestaltungsfreiraum hatte. Ihr Ziel ist bis heute, das Leben der Menschen besser zu machen: „Ich kann doch den Leuten nicht einfach sagen, sie sollen beten. Wenn jemand Hunger hat, dann soll man bodenständig sein und etwas machen. Nicht einfach aus der Bibel auswendig lernen. Das ist mein Ansatz und so entstand die Vision, den Leuten Bildung und Arbeit zu geben.“ Wie verschieden dies aussehen kann, wird deutlich, wenn man sich die unterschiedlichen Projekte, Schulen und Werkstätten vor Augen führt, die sie über die Jahre mit Hilfe des LED, des Ordens, des Freundeskreises Sr. Rebecca und anderen Unterstützerinnen aufgebaut hat. Da ist, neben den Kindergärten und Internaten im Dorf, ein Landwirtschaftsbetrieb mit Pflanzen, Schweinen, Meerschweinchen, Hasen, Kühen, nebenan der hauseigene kleine Schlachthof, auf der anderen Seite die Schreinerei, die Schlosserei, die Autowerkstatt, die zweistöckige Textilfabrik, ein Museum mit Artefakten aus der Umgebung, Büros, ein Raum für Veranstaltungen, ein Restaurant für die Mitarbeitenden. Letzteres kocht jeweils zusätzlich für die Essensausgabe an ältere und bedürftige Bewohner von Moro. Das Mobiliar dort sieht überraschend alpin aus. Das ist kein Zufall, sondern das Design von Schwester Rebecca.

Immer neue Ideen

„Du musst finden, womit du deinen Frieden findest, dann bist du automatisch in Frieden mit Gott. Der eine schreibt ein Lied, die andere ein Gedicht. Jeder kann das auf seine Art machen.“ Sie selbst ist vielseitig interessiert, dies spiegelt sich in den verschiedenen Projekten wider. Oft, so sagt sie, liegt sie abends wach, kann nicht schlafen, weil wieder hundert Ideen in ihrem Kopf herumschwirren. Und manchmal steht sie am nächsten Morgen auf und macht sich nach ihrer morgendlichen Meditation gleich daran, eine neue Idee umzusetzen. Momentan tüftelt sie an einer Pflügmaschine, um den Kompost einfacher umzuwälzen. Sie musiziert gerne, spielt Flöte, Gitarre, Orgel, leitet den Kirchen-Chor, hätte aber gerne mehr Instrumente spielen gelernt. Sie brennt ihren eigenen Pisco und hat damit schon den lokalen Pisco-Wettbewerb gewonnen. Der Name des Schnapses: lagrima de monja, Nonnenträne. „Wenn der Herrgott mir drei Wünsche geben würde, dann wäre einer davon, mehr Zeit zu haben.“

Schwester Rebecca ist Anlaufstelle für allerlei Angelegenheiten. Sie assistierte bei Dutzenden Geburten, manche Mädchen wurden danach Rebecca getauft. Manchmal bringen die Leute aus dem Dorf verletzte Tiere zu ihr, oder solche, um die sie sich nicht mehr kümmern können. Grosse Schlangen, Leguane, Riesenschildkröten, zu Spitzenzeiten hatte sie 14 Hunde auf dem Hof. Das Schlachten der Schweine, für den Eigenbedarf im Restaurant und bei der Essensausgabe, übernahm sie irgendwann selbst: „Sie pflegten hier eine Art von Schlachten, die nicht angemessen war. Als ich das bei einem Besuch im Land erzählt habe, hat man mir dann einen Schussapparat geschenkt, der macht alles leichter.“ Auch die Herstellung von Käse und Joghurt hat sie sich selbst beigebracht, dann sucht sie die Informationen aus dem Internet und tüftelt so lange, bis es funktioniert: „Ich komme immer wieder mit neuen Ideen und mache die Leute hier teilweise verrückt“, sagt sie und lacht.

So bewirkt man etwas

Schwester Rebecca ist bodenständig, immer auf zack und obwohl sie ihren Raum einnimmt, stellt sie sich nie in den Mittelpunkt: „Ich gehe hier nicht mit der Bibel missionieren, das ist nicht mein Stil. Man muss zu den Leuten gehen, als Vorbild fungieren, Vertrauen schaffen, etwas mit ihnen unternehmen — mit den Guten und den Schlechten. So bewirkt man etwas. Auch wenn das heisst, mit den Leuten auch mal ein Bier zu trinken.“

Am Ende wurden es fünf Tage in Moro. Ich sah Schwester Rebecca in den Bergen unter ihren Pick-up kriechen, weil sie ein verdächtiges Geräusch gehört hatte. Ich sah sie Meerschweinchen einfangen. Sie gab haarsträubende Geschichten der letzten Jahrzehnte zum besten, welche alleine schon ein mittelgrosses Buch füllen könnten, brachte die abendlichen Tischrunden ständig zum Lachen — und sie war immer die erste, die sich verabschiedete: „Ich muss noch mit dem Chef reden“ und einem vielsagenden Blick gen Himmel.

Sr. Rebecca im Meerschweinchenstall.

Diese Geschichte erschien zuerst im Liechtensteiner Vaterland vom 23. Mai 2019.

Journal Luz

Wir sind Büro Luz aus Zürich, eine kleine Text-Agentur mit grossen Herzen für Enkeltauglichkeit und Reisen. Im Journal Luz teilen wir unsere eigenen Texte und Rechercheprojekte mit dir und der Welt.

Gabriella Alvarez-Hummel

Written by

Journal Luz

Wir sind Büro Luz aus Zürich, eine kleine Text-Agentur mit grossen Herzen für Enkeltauglichkeit und Reisen. Im Journal Luz teilen wir unsere eigenen Texte und Rechercheprojekte mit dir und der Welt.

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade