Zu meinem 30. Geburtstag

Oder: Was ich weiss, was ich noch lerne, was ich mir wünsche.

Gabriella Alvarez-Hummel
Apr 30 · 6 min read

Seit Tagen zerbreche ich mir den Kopf über diesen Text, den ich schreiben möchte zu meinem 30. Geburtstag: 30 Dinge, die ich gelernt habe. Oder: Das Beste, das mir in 30 Jahren Leben passiert ist. Oder: 30-mal Danke sagen. Es sieht aus, als würde es eine Mischung aus alledem werden.

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Sieht man doch: Foto von einem sehr glücklichen und schönen Moment in meinem Leben.

In der ersten Liste kann ich eines schon einmal nicht von mir behaupten: Ich habe nicht gelernt, mir keinen Druck zu machen. Ich bin zwar schon so weit, dass ich erkenne, wann ich mich unter Druck setze, dann tschutte ich mir selbst gedanklich ans Schienbein, Obacht, nein, halt, stop jetzt!, aber so richtig nützen tut das nicht immer. Jetzt sitze ich also da, gebe dem Druck nach und schreibe irgendwas, denn ich kenne mich auch gut genug zum Glück, und weiss, dass wenn ein Text in der Warteschlange steht, er auch raus muss und ich sonst nie wieder in Ruhe gelassen werde und ich möchte wirklich gerne Ruhe haben, wenn ich dann am Freitag wirklich Geburtstag habe.

  • Jeder Mensch muss den eigenen Weg gehen. Neidisch zu anderen rübergucken oder lästern bringt einen nicht weiter. Im Gegenteil, es lenkt vom eigenen Weg ab, der einzigartig ist und darum nicht verglichen werden sollte.
  • Zuhause ist, in erster Linie: wo ich bin. In zweiter Linie: wo meine Liebsten sind. In dritter Linie: wo es schön und hoffentlich warm ist.
  • Spare nie bei: Lebensmitteln und Büchern.
  • Langeweile existiert nicht. Jeder Moment des Nichtstuns ist ein einladender Raum für Ideen, Erkenntnisse, Dummheiten, nächste Schritte, Einfälle, nichtgelebte Emotionen, Massnahmen und Erinnerungen jeglicher Couleur.
  • Um Narzissten zu erkennen, muss man einmal von einem verletzt worden sein. Begegne ich heute einem, sind meine Alarmglocken nicht zu überhören.
  • Weniger ist mehr. Und es ist völlig in Ordnung, schöne Dinge zu besitzen. Das eine schliess das andere nicht aus. Minimalismus ist, wenn man nur Dinge besitzt, die nützlich sind oder einen glücklich machen, auch wenn sie nutzlos sind.
  • Grosszügigkeit kommt mindestens doppelt zurück. Wenn man selbst gerade nicht viel hat und trotzdem grosszügig ist: mindestens zehnfach.
  • Im Nachhinein ergibt vieles Sinn, aber im Moment danach zu suchen, ist nicht empfehlenswert. Lieber sich dem Leben hingeben und das Puzzle später zusammensetzen.
  • Die Puzzles, die man im Nachhinein zusammensetzt, ergeben zusammen das, was man Vertrauen ins Leben nennt.
  • Alles, was ich heute glaube zu wissen oder zu verstehen (so auch dieser gesamte Text), kann morgen bereits ganz anders sein. Man darf, man soll, seine Meinung, seine Sichtweisen, ändern oder erweitern oder vertiefen.
  • Wie gesagt: Mir selbst keinen Druck machen. Oder mir einzubilden, dass sonstwer Druck auf mich ausübt. It’s all in my head.
  • Nach Hilfe zu fragen.
  • Hilfe anzunehmen, wenn sie angeboten wird.
  • Nein zu sagen.
  • Alles über Wale.
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Ich war nicht bekannt dafür, ein hübsches Kind gewesen zu sein. Oma, so versichert sie mir heute noch, habe aber stets gesagt: Die wird mal exotisch!

Die wichtigste Erkenntnis, die ich über mich selbst in den letzten Jahren errang, ist die Tatsache, dass ich ein sogenannter Scanner bin. Das sind Leute, die 1000 Interessen haben, so ziemlich alles spannend finden, und genauso schnell das Interesse wieder verlieren. Ich dachte lange, dass gerade Letzteres von meiner Faulheit oder irgendeiner Art von Unfähigkeit zeugt. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass ich so funktioniere und sehe es als etwas Positives an. Ich habe das Glück, einen Beruf gewählt zu haben, der mir nie verleiden wird, weil ich mich dank ihm ständig mit neuen Themen, neuen Menschen, neuen Formaten auseinandersetzen kann.

Tatsache ist, ich werde nie nur etwas machen oder mich auf einen Weg konzentrieren. Alleine der Gedanke daran langweilt mich. Was nicht heisst, dass ich ständig Action und Neues brauche. Eher dass ich ein Leben leben will und muss, in dem ich die Freiheit habe, so viele Richtungswechsel einzuschlagen wie ich möchte. Ich habe das Glück, dass ich mir dieses Leben aus Versehen (wie gesagt, im Nachhinein sieht alles aus wie extra so hingebogen, aber ich versichere: es war mehr Glück als Verstand dabei und auch ziemlich viel Vertrauen in was auch immer) geschaffen habe. Ich lebe vom Denken und Schreiben, darf über und von vielen verschiedenen Dingen schreiben, mich einfühlen in andere Leben, pausieren wenn nötig, durcharbeiten beim Knutschen mit der Muse, mir Orte dieser Welt zu eigen machen, in dem ich eine Weile dort lebe, muss keinen Ferien entgegenfiebern, und wenn ich mir einmal monatlich meine Wünsche aufschreibe, beginne ich immer mit dem Satz: Ich liebe mein Leben und ich wünsche mir, dass es genau so weitergeht. Und ich ende mit: Danke. Danke. Danke.

  • Dass ich in einem der reichsten Länder der Welt geboren wurde. Den Vorsprung, den ich allein durch diesen Zufall (es war nicht 100 Prozent zufällig, meine Eltern sind nach Liechtenstein gezogen und wegen uns Kids dort geblieben, also danke Mami und Papi) habe, holen viele Menschen dieser Erde ihr Leben lang nicht auf.
  • In einer Familie gelandet und Weggefährtinnen begegnet zu sein, die mich lieben, wie ich bin.
  • Für diese sagenhafte und immer wieder überwältigende Natur auf diesem Planeten, alle Tiere, für die Sonne, den Mond und die Sterne.
  • Für jeden einzelnen Menschen, die oder der mein Leben bereichert oder einfacher gemacht hat durch irgendwas, das er oder sie erfunden, gefunden, produziert, geschrieben, erleichtert oder mich gelehrt hat. Ich denke da unter (vielen, vielen, vielen) anderen an: Yogis aller Jahrtausende, an die Erfinderinnen von Teigtaschen aller Art und von Waschmaschinen und von Leggins und des Internets, an Feministinnen, an Gemüsebäuerinnen, an Amanda Palmer, an J.K. Rowling, an Tocotronic, an Erwin Koch, an Meeresbiologen, an die Stoiker, an Hunde (sie sind nicht nur auch Menschen, sie sind die besseren Menschen).
  • Sandro und dass er so ein top Typ ist und witzig noch dazu.

Ich weiss, es ist ein wenig pathetisch, sich zum 30. Geburtstag an die Welt zu richten, irgendwas von Erkenntnissen und Lehren zu labern. Aber eigentlich tu ich das nicht für dich, sondern für mich. Ich hab mir gestern selbst eine Geburtstagskarte geschenkt: Ein Selbstportrait in Aquarell, darauf steht: Happy 30th Birthday to: ME ❤. Ich hab mir auch selbst Blumen gekauft. Und vorhin Champagner und zwei Dutzend Empanadas bestellt.

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Happy 30th Birthday to: ME ❤.
  • Dass Weinen normalisiert wird: in der Öffentlichkeit und unter Bekannten.
  • Die Rettung der Wale und der Meere und Netto-Null bis 2030.
  • Dass Sandro endlich sein Album rausbringt.
  • Langsam könnten wir auch wirklich aufhören, Tiere für unseren Genuss auszubeuten.
  • Dass das Patriarchat zu Staub zerfällt.
  • Morgenseiten schreiben und Meditation sollten in der Schule beigebracht werden.
  • Harry Potter 9.
  • Eine kleine Party auf einer Wiese zum 31. Geburtstag und dann bis in den Morgen mit den besten Menschen an einem Küchentisch sitzen.

Weisst du, obwohl es jetzt wirklich langsam Zeit wurde, 30 zu werden (die meisten Leute in meinem Umfeld sind älter als ich und wir können seit Jahren kaum glauben, dass ich noch immer nicht 30 bin), ist es doch ein Meilenstein, der ein wenig Reflexion verdient. Wenn ich darüber nachdenke, wo ich vor zehn Jahren war, jeeeeez. Kurz vor dem zweiten Studium nach dem Abbruch des ersten, im Praktikum bei einer Liechtensteiner Tageszeitung, noch wenig Ahnung davon, wie eine Beziehung aussieht, in der man einander und sich selbst mit Wohlwollen begegnet, entsprechend angekratzte Selbstliebe — und eine unklare Wohnsituation.

Die Wohnsituation ist heute wieder unklar, aber mit Absicht. In Retrospektive gibt es einige Momente, von denen ich heute denke: Meine Fresse, wo hast du denn dafür den Mut hergeholt? Dann bewundere ich mein vergangenes Selbst ein wenig. Mich selbständig zu machen oder alles zu kündigen, um drei Jahre von Nord- nach Südamerika zu fahren, sind zwei solche Dinge.

Ich bin auch stolz darauf, bis hierher nicht einmal das C-Wort benutzt zu haben. Denn seien wir ehrlich, wenn Corona nicht wäre, hätte ich gar keine Zeit, diesen Text zu schreiben, denn ich wäre jetzt in New York mit meinen Friends, kommende Woche würde meine Freundin in Bermuda heiraten und ich das schöne Lavendelkleid tragen, das jetzt im Schrank vor sich hin hängt, und vor mir stünde ein Sommer in den USA. Jetzt bleibe ich in Buenos Aires, ich bin quasi eingesperrt, habe tausend Zeit, die Zukunft ist ungewiss, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das schon immer war und wir bloss ein wenig hochmütig.

Con mucho amor
Gabriella

Journal Luz

Wir sind Büro Luz, eine Textagentur mit Sitz in Zürich.

Gabriella Alvarez-Hummel

Written by

Freie Journalistin. Co-Gründerin der Textagentur Büro Luz. Meistens in Buenos Aires oder Zürich. Ich liebe euch alle. — gabriellaalvarezhummel.com

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Wir sind Büro Luz, eine Textagentur mit Sitz in Zürich und Füssen auf der ganzen Welt. Wir finden die Worte, die dir fehlen. Im Journal Luz publizieren wir Hintergrundberichte, Ideenspinnereien, Geschichten aus dem Selbständigen-Alltag und deepe Erkenntnisse. — bueroluz.com

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