Klartext: Digitale Nomaden

Warum es eine schlechte Idee ist, Digitale Nomadin werden zu wollen.

Gestern Abend hätte eigentlich ein Netzwerk-Event stattgefunden, an dem wir zum Thema Digitales Nomadentum eingeladen waren. Wir hätten kurz darüber referiert, was es heisst, ortsunabhängig zu arbeiten und wie wir das so erleben.

Nun wurde die Veranstaltung wegen eines Gebäude-Risikos abgesagt — und wir waren aus zweierlei Gründen nicht unglücklich darüber: erstens will niemand, dass einem die buchstäbliche Decke auf den Kopf fällt, zweitens fühlt es sich für uns immer ein wenig ungemütlich an, zu diesem Thema etwas zu sagen.

Wir bezeichnen uns ungerne als Digitale Nomaden. Der Begriff ist sehr aufgeladen und das Bild in der Öffentlichkeit verzerrt: danke dafür an die 2.4M traumähnlichen Bilder, die unter #digitalnomad auf Instagram zu finden sind. Interessanterweise sehe ich auf so gut wie keinem Foto irgendjemanden arbeiten. Es sieht auch so aus, als wären digital nomads alle weiss, überdurchschnittlich gut aussehend und immer gut gelaunt.

Entsprechend wissen die Medien auch nichts Besseres zu tun, als langweilig und einseitig über Digitale Nomadinnen zu berichten. Jeder zweite Titel lautet: Sie arbeiten, wo andere Urlaub machen. Nur um dann künstlich kritisch die negativen Seiten herauszukratzen à la: Am Ende sind sie halt doch mega allein. Oder leben am Existenzminimum. Oder sind Schmarotzer.

Dabei geht eine Tatsache vergessen: Digitales Nomadentum ist kein Job, es ist ein Lifestyle.

Ich wiederhole das gerne, denn es ist mir ein grosses Anliegen: Digitale Nomaden sind nicht von Beruf Digitale Nomaden, sie arbeiten nur ortsunabhängig und digital. Das kann so ziemlich alles sein. Es sind Angestellte, Freelancer, Selbstständige und Unternehmerinnen.

Das Problem mit dem öffentlichen Bild von heute ist, dass nur wenig über die Arbeit der Nomaden selbst gesprochen wird, sondern mehr über ihren ach so crazy Lifestyle irgendwo auf der Welt, der meistens aber auch daraus besteht, von montags bis freitags vor dem Bildschirm zu sitzen.

Zuerst kam der Beruf, dann der Van, dann das Digitale Nomadentum.

Wir erhalten mittlerweile immer öfter Anfragen von Maturanden oder Studentinnen, die eine Arbeit zum Thema Digitales Nomadentum schreiben, mit dem Ziel, herauszufinden, wie sie mal Digitale Nomaden werden können. Das ist gefährlich, weil unmöglich.

Digitale Nomadin wird man nicht — man sucht sich eine Arbeit und büschelt sie sich so zurecht, dass man sie von überall aus ausführen kann. Basta.

Wir selbst wurden nicht über Nacht auf der Reise zu Digitalen Nomaden, auch wenn das für manche so aussehen mag. Wir arbeiteten beide als Angestellte in der Medienbranche über viele Jahre — Sandro leitete in seinem Unternehmen das Content- und Marketing-Team und ich war Redaktorin und freie Journalistin für viele unterschiedliche Medien und Bereiche. Mit der Entscheidung, uns unterwegs mit dem Büro Luz selbstständig zu machen, haben wir daran angeknüpft. Und ohne diese lange Zeit der unbewussten Vorbereitung und vieler alter Kontakte wären wir jetzt nicht da, wo wir sind (nämlich wo wir Lust haben).

Nun, falls du dir die Frage stellst: Wir sind natürlich Digitale Nomaden, ob wir wollen oder nicht — einfach weil wir eine Arbeit machen, die wir überall, und nur mit einem Laptop und Internet ausgestattet, ausführen können. Aber wie das so ist mit Schubladen; es sind eben Schubladen und da werden ganz viele Menschen und Dinge vermischt, die halt nur auf den ersten, oberflächlichen Blick etwas miteinander zu tun haben.

Viele Menschen verdienen mittlerweile viel Geld mit dem Verkaufen des Traums, mit Online-Kursen, Büchern und Blogs zum Digitalen Nomadentum. Aber Obacht, die kannst du dir jetzt alle sparen, denn eine Kollegin hat neulich richtig gesagt: Was viele nicht verstehen: zuerst kommt der Job, die Arbeit, der Beruf, dann das Nomadentum — nicht umgekehrt.

Wäre es also nicht viel spannender, darüber zu sprechen, was die Nomadinnen und Nomaden genau tun, wie vielseitig und vielfältig sie wirklich sind, wie sie ihre Arbeit ortsunabhängig gestalten (konnten) und was wir als Arbeitsgesellschaft dafür tun können, das Arbeiten flexibler und interessanter zu gestalten (oder ob wir das überhaupt wollen)?

Und obwohl es ungemütlich ist in dieser Schublade, ist es uns doch wichtig, darüber zu sprechen, die Vorträge und Interviews zu geben, und dem Bild der Digitalen Nomadinnen den Instagramfilter zu entfernen und es ein wenig zurechtzurücken.

Denn wenn uns einer fragen würde, warum wir uns für diesen Lebensstil entschieden haben, dann ist die Antwort leider ein wenig langweilig und es uns viel gemütlicher in der Schublade der Selbstständigen: wegen der Freiheit, unsere Arbeit zu tun, wann, wo, wie, mit wem, weshalb, wofür wir wollen.

Peru: Digitaler Nomade in freier Wildbahn.

Journal Luz

Wir sind Büro Luz aus Zürich, eine kleine Text-Agentur mit grossen Herzen für Enkeltauglichkeit und Reisen. Im Journal Luz teilen wir unsere eigenen Texte und Rechercheprojekte mit dir und der Welt.

Gabriella Alvarez-Hummel

Written by

Journal Luz

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