Die finanziellen Argumente gegen Australiens größtes Kohlebergwerk

Jennifer Rankin

@JenniferMerode

Dienstag, 14. Mai 2015

Die Argumentation gegen den Bau des größten Kohlebergwerks Australiens konzentrierte sich in der Vergangenheit auf die Bedrohung durch den Klimawandel und die Zerstörung des Great Barrier Reef. Nun könnten sich die Finanzdaten als Schlüsselargument erweisen.

Führende Wirtschaftsexperten und Londoner Finanzanalysten sind perplex angesichts der Pläne der indischen Adani-Gruppe, für 16,5 Milliarden australische Dollar (rund 13,2 Mia. USD oder 11,3 Mia. EUR) die Charmichael-Mine und die Hafenerweiterung Abbot Point zu bauen — kurz nach dem Einbruch der Kohlepreise.

Wenn das Carmichael-Projekt die Anleger nicht überzeugt, sind möglicherweise auch die Pläne für mindestens acht weitere Mega-Bergwerke im kohlereichen Galilee-Becken gefährdet.

Die Regierung von Queensland hat den Bergbau im Galilee-Becken enthusiastisch unterstützt: Das australische Forschungsinstitut Australia Institute gab bekannt, man habe 2 Mia. australische Dollar (rund 1,38 Mia. EUR) an öffentlichen Geldern in die Finanzierung der Hafenerweiterung gesteckt.

Aber Tom Sanzillo, Leiter der Finanzabteilung im australischen Institute for Energy Economics and Financial Analysis, meinte, die Pläne rechneten sich nicht. „Die gesamten Entwicklungskosten — ein Bergwerk, eine Eisenbahnlinie und ein Hafen — führen angesichts der weltweit rückläufigen Kohlepreise dazu, dass dieses Projekt finanziell nicht tragbar ist.“

Tom Sanzillo leitete früher den Pensionsfonds von New York mit einem Volumen von 156 Mia. US-Dollar (139 Mia. Euro), einen der größten Pensionsfonds der Vereinigten Staaten. Inzwischen rät er Anlegern, sich von Kohle fernzuhalten: „Ich rate Pensionsfonds, Anlagen in Kohle sofort abzustoßen. Sie haben schon genug Geld verloren, sie sollten ihre Verluste begrenzen und aussteigen.“

Chinas Kohlenachfrage geht zurück, daher ist der Kohleboom des letzten Jahrzehnts zusammengebrochen. Der Preis für australische Kohle sank Anfang April 2015 auf 56 US-Dollar je Tonne — das ist weniger als die Hälfte des Preisniveaus von vor vier Jahren.

Seit 2010 wurden laut einer Erhebung von CoalSwarm/Sierra Club für jedes fertig gestellte Kohlekraftwerk zwei geplante Werke auf Eis gelegt oder ganz storniert. Die Menge der weltweit im Planungsstadium befindlichen Kohlekraftwerksleistung ist um 23% von 1401 GW im Jahr 2012 auf 1080 GW im Jahr 2014 zurückgegangen.

Einige Analysten sind der Meinung, dass für Kohle der „strukturelle Rückgang“ begonnen habe angesichts der Anzeichen, dass das Wirtschaftswachstum Chinas nicht mehr gleichbedeutend ist mit steigendem Verbrauch fossiler Brennstoffe.

2014 ging Chinas Kohleproduktion und -verbrauch erstmals seit 14 Jahren zurück, da die Wirtschaftsleistung rückläufig war und die Behörden unter Druck gerieten, etwas gegen die Umweltverschmutzung zu unternehmen, die die Städte erstickt. Die Kohleimporte sanken im Jahr 2014 um 10,9%, also um sehr viel mehr als der Rückgang der Industrieproduktion — ein Zeichen, dass die Verbindung zwischen dem Wachstum in China und der Kohle nicht mehr besteht.

Australiens anderer großer Exportmarkt gleicht dies möglicherweise nicht aus. Indiens Minister für Energie und Kohle, Piyush Goyal, sagte, dass sein Land eventuell den Import von Kraftwerkskohle zur Stromerzeugung innerhalb von drei Jahren stoppen werde, während es die inländische Produktion steigert.

Bluechip-Finanzinstitute wie Morningstar und Morgan Stanley, haben ihre Prognosen für Kohlepreise herabgestuft. Australiens größte Investmentbank Macquarie folgerte 2013, dass jedes Projekt im Galilee-Becken Unterstützer mit „tiefen Taschen“ benötige, die bereit seien, konventionelle Wirtschaftswissenschaften zu ignorieren. Mindestens elf internationale Banken haben sich von einer Kreditvergabe an die Bergbauunternehmer in Galilee distanziert.

Die Bergbauindustrie weist den Gedanken zurück, dass der Rückgang der Kohle endgültig sein könnte. Sie wurde jedoch für ihre optimistischen Zahlen angegriffen.

Am 27. April 2015 sagte ein Sachverständiger für die Adani Mining Pty Ltd., einer Tochtergesellschaft des indischen multinationalen Mischkonzerns Adani Group, vor einem Gericht in Queensland aus, dass die Carmichael-Mine 1.464 Arbeitsplätze und rund 4,8 Mia. australische Dollar an Lizenzgebühren erwirtschaften würde — weit entfernt von den 10.000 Arbeitsplätzen und 22 Mia. australischen Dollar, die das Unternehmen in seinen Werbekampagnen angepriesen hat.

„Das Projekt rechnet sich nicht. Es ist für Queensland und Australien sehr riskant“, meinte Rod Campbell vom Australia Institute. „Dieses Projekt ist im Wesentlichen eine Wette auf den Kohlepreis. Ich jedenfalls würde keine Wette auf den Kohlepreis eingehen.“

Die Bergbauunternehmer

Gina Rinehart, Australiens reichste Milliardärin, ist das Gesicht des Bergbau-Booms im „Lucky Country“. Sie machte aus dem Erbe ihres Vaters ein Vermögen von 12,3 Mia. US-Dollar und ist von Beschreibungen irritiert, die sie als Erbin darstellen. 2012 wurde sie von Forbes zur reichsten Frau der Welt erklärt, aber die sinkenden Rohstoffpreise haben ihr Vermögen um ein Drittel verringert, sodass sie die Spitzenposition verlor.

Die öffentlichkeitsscheue Bergbauchefin, die die Australier einst dafür kritisierte, nicht hart genug zu arbeiten, ist eine glühende Anhängerin der Deregulierung. 2012 schlug sie vor, einen großen Teil von Australien — den Norden von Queensland und Western Australia und das Northern Territory — in eine gering besteuerte, nur wenig regulierte „Sonderwirtschaftszone“ umzuwandeln; eine Vision, die sie der Welt in einem Gedicht auf einer Tafel an einem 30-Tonnen schweren Felsbrocken in Perth kundtut.

Mitten in dieser Sonderzone liegt die Alpha-Mine und -Eisenbahn, die Rineharts Firma Hancock Coal gemeinsam mit dem indischen Mischkonzern GVK ausbauen möchte. Die Alpha-Mine, die voraussichtlich 60 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr — 11% der gesamten Emissionen Australiens — produzieren wird,wird derzeit vor Gericht angefochten. Rinehart hat den Klimawandel nie ernst genommen: „Ich habe noch keinen Geologen oder führenden Wissenschaftler getroffen der glaubt, dass mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre merkliche Auswirkungen auf den Klimawandel hat.“ Aber statt für ihre engen Bekanntschaften mit Wissenschaftlern ist sie besser bekannt für die Finanzierung von Redetourneen für Gegner der Klimaforschung, wie der frühere stellvertretende UKIP-Vorsitzende Lord Christopher Monckton.

Clive Palmer, der australische Politiker und frühere Bergbaumagnat, ist dem breiteren Publikum am besten bekannt für seinen Traum, eine 1:1-Replik der Titanic auf hohe See zu schicken und den weltweit größten Dinosaurierpark zu bauen.

Für Umweltschützer sind seine Bergbauaktivitäten ebenso abwegig.

Waratah Coal, eine Tochtergesellschaft seines Mineralogy-Imperiums, plant den Bau der Galilee-Mine mit dem Ziel, bis 2020 40 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr abzubauen.

Der 61-jährige Palmer ist nach einem knappen Wahlsieg, der ihm 2013 einen Sitz im australischen Parlament bescherte, als Geschäftsführer von Mineralogy zurückgetreten, bleibt aber Eigentümer. Seine Verbindung ist noch immer eng: Seine Palmer United Party (PUP) erhielt fast 29 Mio. australische Dollar an Spenden, die meisten von Unternehmen, deren Eigentümer er ist. In seinem ersten Jahr als Abgeordneter war Palmer nur bei 7% aller möglichen Abstimmungen anwesend — am aktivsten war er bei Gesetzen zur Aufhebung von CO2-Abgaben und Bergbausteuern.

Seine Geschäftsinteressen hat er schon immer robust verteidigt. 2012 beschuldigte er die US-Regierung, sie finanziere die Gegner der Kohlebergwerke im Galilee-Bassin. Er behauptete, Greenpeace werde von der CIA finanziert, im Rahmen eines Plans zur Schädigung der australischen Bergbauindustrie. Nach einer Rüge des australischen Außenministers musste er seinen Ton jedoch mäßigen. Er scheint sich auch nicht darum zu scheren, seinen größten Kunden zu beleidigen: Nach einer Tirade über chinesische „Mischlinge“ war er von Beijing zurechtgewiesen worden. Palmer sagte später, er habe sich auf ein Unternehmen bezogen, mit dem er im Streit gelegen habe, und nicht auf das chinesische Volk.

Gautam Adani ist der indische Tycoon hinter dem größten geplanten Bergwerk im Galilee-Bassin, der Carmichael-Mine im Wert von 16,5 Mia. australischen Dollar. Er ist aber viel anonymer als seine australischen Kollegen.

Adani machte sein Vermögen in seinem Heimatstaat Gujarat durch den Bau eines Hafens, der sich zum weltweit größten Entladehafen für Kohle entwickelte. 1988 gründete er Adani Enterprises und entwickelte das Unternehmen von einem kleinen Rohstoffhändler zu einem riesigen Konglomerat mit Geschäftsinteressen im Bergbau, im Frachtwesen und der Stromerzeugung. Adani Enterprises wird an der BSE (ehemals Bombay Stock Exchange) notiert, aber der Hauptsitz liegt im Steuerparadies Mauritius, wo der Steuersatz bei nur 3 % liegt.

Zwischen 2008 und 2013 explodierten Adanis Erträge um 77 %, da das Wachstum der indischen Mittelklasse dem Unternehmen half, die globale Rezession abzuwehren.

Adanis Geschicke wurden allerdings auch durch seine Freundschaft zum indischen Premierminister Narendra Modi unterstützt. Die Freundschaft geht bis ins Jahr 2002 zurück. Damals wurde Modi, seinerzeit Chief Minister von Gujarat, angeklagt, gewalttätige Hindu-Mobs, die über 1000 Menschen meist muslimischen Glaubens ermordet hatten, nicht zur Kenntnis zu nehmen. „Adani und ein anderer Geschäftsmann aus Gujarat unterstützten Modi und bekräftigten, dass Gujarat weiterhin ein bevorzugtes Ziel für Unternehmen und Investitionen sei“, schrieb der Journalist Mosiqi Acharya in einem Profil für die Melbourner Zeitung The Age.

Die Freundschaft zahlt sich noch immer aus. Als Modi im vergangenen Jahr indischer Premierminister wurde, ging der Aktienkurs von Adani Enterprises durch die Decke und Adanis Privatvermögen verdoppelte sich fast auf 6,5 Mia. US-Dollar.

Editing: Yann Schreiber, aus dem Englischen von Heike Kurtz — VoxEurop @hktranslate

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