Zusammenhang zwischen Boni der Chefs von Ölkonzernen und Investitionen in Höhe von 1 Billion US$ für Förderung von fossilen Brennstoffen

Simon Bowers und Harry Davies

@sbowers00, @harryfoxdavies

Montag 25. Mai 2015

ExxonMobil, Shell, Chevron, Total und BP stecken viel Geld in Projekte zur Erschließung von Ölreserven — obwohl Wissenschaftler warnen, dass dies zu einer Klimakatastrophe führen wird.

Im Zusammenhang mit einer Zunahme der Explorations- und Förderaufwendungen für fossile Brennstoffe um 1 Billion US-Dollar (rund 900 Mia. Euro) innerhalb von neun Jahren wurden die Chefs der fünf größten Ölgesellschaften der Welt mit Bonuszahlungen überhäuft — das ergab eine Analyse der Unternehmensberichte durch den Guardian.

Die beispiellose Initiative zur Produktion aus bisher ungenutzten Reserven und zur Nutzung neuer und unentdeckter Felder umfasst einige der komplexesten ingenieurtechnischen Leistungen die je unternommenen wurden. Sie zeigt auch, wie sicher Exxon Mobil, Shell, Chevron, Total und BP sind, dass die Nachfrage noch jahrzehntelang hoch bleiben wird.

Die großen Ölkonzerne machen mit Investitionen Druck, obwohl die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass zwei Drittel der nachgewiesenen Reserven an fossilen Brennstoffen in der Erde bleiben müssen, um eine Erwärmung der Erde um 2°C über dem vorindustriellen Niveau zu verhindern. Wissenschaftler sagen, dass jenseits dieses vorgeschlagenen Temperaturlimits die Gefahr des unumkehrbaren, sich selbst befeuernden Klimawandels besteht.

Investitionsprojekte, die mehrere Milliarden Dollar kosten, türmen sich zu riesigen, langfristigen Wetten der „Big Five“, die darauf setzen, dass die exorbitanten Kosten im Zusammenhang mit der Erschließung von Kohlenwasserstoffreserven an einigen der unzugänglichsten Orte des Planeten irgendwann wieder hereingeholt und in Gewinne umgewandelt werden können.

Boni für Vorstände aller fünf Unternehmen sind an das Erreichen von Leistungskennzahlen beim Bau und der Umsetzung solcher Projekte gebunden.

Ben van Beurden von Shell erhielt beispielsweise 2014 eine Gehaltsvereinbarung im Wert von 32,2 Mio. US-Dollar einschließlich Boni in Verbindung mit der Umsetzung „eines Großteils der Vorzeigeprojekte innerhalb des zeitlichen und finanziellen Rahmens“. Dazu gehören wohl auch vier Plattformen, die 1000 Meter oder mehr über Tiefwasserbohrungen im Golf von Mexiko, Golf von Guinea und im südchinesischen Meer schwimmen.

In ähnlicher Weise erhielt Bob Dudley von BP eine Gehaltsvereinbarung im Wert von 15,3 Mio. US-Dollar mit Boni, die an sieben „Hauptprojekte“ geknüpft sind, darunter Sunrise, ein Joint-Venture zur Ausbeutung von Teersanden in Kanada, sowie Projekte in Angola, Aserbaidschan, dem Golf von Mexiko und der Nordsee.

Der Chef von Exxon, Rex Tillerson, erhielt im vergangenen Jahr 33,1 Mio. US-Dollar einschließlich Bonuszahlungen im Zusammenhang mit Projekten wie der ersten Ölquelle in der Karasee, der russischen Arktis und der Erweiterung der Kearl-Teersandprojekte im nördlichen Alberta in Kanada.

The Guardian hat alle fünf großen Ölgesellschaften zur Angemessenheit der Verbindung von Boni und Investitionen angesichts der ständigen Bedrohung durch den Klimawandel befragt. Shell gab an, die Vergütung von Van Beurden „spiegelt die Umsetzung der Unternehmensstrategie wider, die an kurz- und langfristigen Zielen gemessen wird.“

Chevron meinte, Vergütungen von Führungskräften seien „stark an die Unternehmensleistung gebunden und direkt mit einem Anstieg der Shareholder-Value verknüpft.“ Exxon Mobil und BP lehnten eine Antwort ab, Total reagierte nicht.

2013 gaben die „Big Five“ zusammen 165,3 Milliarden US-Dollar für so genannte „Upstream-Aktivitäten“ (Explorationen) aus. Die Investitionen in diese Projekte konzentrieren sich darauf, mit kolossaler Ingenieurskunst Reserven zu erschließen oder, in geringerem Maße, zu untersuchen. Noch vor neun Jahren wurden hierfür nur 70,8 Milliarden US-Dollar ausgegeben.

Investitionen für die Exploration sind im vergangenen Jahr erstmals seit mindestens neun Jahren gesunken, und zwar auf 147,4 Milliarden US-Dollar: die Unternehmen reagierten auf den überraschenden Rückgang des Ölpreises. Während die Finanzpresse aber umfangreich über gestrichene oder vertagte Investitionsprojekte berichtete, lagen die inflationsbereinigten Ausgaben für das Jahr 2014 noch immer um 77% höher als 2006 und viele Unternehmen werden noch jahrelang auf historisch hohem Niveau weiter investieren.

Die fünf größten Ölkonzerne der Welt haben 2014 dreieinhalb Mal so viel Geld für Exploration ausgegeben wie die fünf größten Arzneimittelkonzerne im gleichen Zeitraum in Forschung und Entwicklung investiert haben. Diese Summe entspricht auch über 14 % des zusammengefassten Börsenwerts von Exxon Mobil, Shell, Chevron, Total und BP.

Am Mittwoch werden Aktivisten unter den Aktionären bei Chevron, angeführt von der Protestgruppe As You Sow (deutsch etwa „was ihr gesät habt“), die Jahreshauptversammlung des Unternehmens in San Ramon, Kalifornien, besuchen und andere Aktionäre auffordern, für einen von ihnen eingereichten Antrag zu stimmen; darin wird Chevron aufgefordert, seine Investitionen für die Exploration zusammenzustreichen und das nicht verwendete Kapital an die Aktionäre zurückzuzahlen.

Chevron steckte im vergangenen Jahr ein Fünftel seiner Umsatzerlöse, insgesamt 37,1 Milliarden US-Dollar, wieder in Investitionsprojekte. Vor neun Jahren waren es nur 7%. Ein ähnliches Muster, bei dem ein steigender Anteil der Einnahmen wieder in Explorationsaufwendungen investiert wurde, konnte bei mehreren Unternehmen beobachtet werden.

Der Antrag von As You Sow wird vermutlich nicht durchkommen, weil die Geschäftsleitung von Chevron dagegen ist. In ihrem Brief an die Aktionäre vor der Sitzung meinten die Vorstände, der Antrag „basiert auf einer fehlerhaften, wenn nicht gar gefährlichen Annahme: dass den Aktionären am besten gedient wäre, wenn Chevron aufhörte, in sein Geschäft zu investieren.“

Sie deuteten auch an, Chevron glaube nicht daran, dass die führenden Politiker, die im Dezember in Paris zum UN-Klimagipfel zusammenkommen, viel unternehmen werden, um die steigende Nachfrage nach fossilen Brennstoffen zu unterbinden.

„Ungeachtet der Absicht der Nationen, dies durchzusetzen, deutet das Niveau und das Tempo der weltweiten politischen Maßnahmen darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit eines globalen Abkommens zur Einschränkung der Nutzung fossiler Brennstoffe auf die von den Befürwortern [des Antrags] genannten Levels gering ist.“

Exxon Mobil, dessen Jahreshauptversammlung am gleichen Tag in Dallas, Texas, stattfindet, dürfte seine Aktionäre ebenfalls davon überzeugen, die Handvoll Anträge, die von Aktivisten eingereicht wurden, abzulehnen.

In den vergangenen Monaten reagierten BP und Shell auf Aufforderungen von kirchlichen Fondsmanagern und anderen Aktivisten im Hinblick auf internationale Bestrebungen, eine weltweite kohlenstoffarme Wirtschaftsordnung zu etablieren, und verpflichteten sich, im kommenden Jahr „weitere Informationen“ zu Boni von Führungskräften zu liefern. Die Aktivisten fordern, eine Übersicht über die Boni beizufügen, die derzeit mit der Exploration und Entwicklung von Reserven verbunden sind.

Obwohl es um mehrere zehntausend Millionen US-Dollar geht, dürften die Kapitalaufwendungen der großen fünf Ölkonzerne neben den Explorationsetats staatlich kontrollierter Konzerne verblassen, die inzwischen die Kohlenwasserstoffspeicher der Erde dominieren.

Der Guardian hat Zahlen der brasilianischen Petrobras und der chinesischen PetroChina analysiert, die Kapitalaufwendungen von 24,2 Milliarden US-Dollar und 35,7 Milliarden US-Dollar zeigen. Dem gegenüber betrugen die Ausgaben 2006 noch 7,33 Milliarden US-Dollar und 14,67 Milliarden US-Dollar.

Der Großteil der weltweiten Reserven wurde einst von mächtigen westlichen Unternehmen, den so genannten „sieben Schwestern“ kontrolliert — Unternehmen, die sich tatsächlich zu den heute als große fünf Öl- und Gasunternehmen bekannten Konzernen entwickelt haben. Ihre Dominanz der globalen Kohlenstoffressourcen ist jedoch mit dem Aufstieg privater, staatlich kontrollierter Unternehmen in Saudi-Arabien, Venezuela, Iran, Russland und Malaysia stark zurückgegangen.

Vom Guardian zur Entschlossenheit befragt, mit großen Budgets Explorations-Investitionsprojekte voranzutreiben, antwortete Shell: „Shell und die gesamte Branche machen aufgrund der Art unserer Projekte und des externen Umfelds, in dem wir tätig sind, Investitionszyklen durch.“

BP gab bekannt: „Erschwingliche, sichere Energie ist für den wirtschaftlichen Wohlstand von grundlegender Bedeutung und wir prognostizieren, dass die weltweite Nachfrage nach Energie bis 2035 um fast 40% steigen wird. Die Internationale Energieagentur geht von einem Szenario mit 450 Teilen pro Million [CO2-Emissionen] aus und schätzt, dass bis 2040 noch bis zu 60 % des Brennstoffmix aus fossilen Brennstoffen besteht. Investitionen zur Entwicklung von Öl und Gas werden also weiterhin gebraucht.“

BP

Bob Dudley

Ausgewiesene Vergütung*: 15 Mio. US-Dollar

Großer Investitions-Meilenstein: Sunrise, Kanada

Ende 2014, vier Jahre nach einem intensiven Widerstand der Aktionäre gegen die Ausweitung in Kanadas riesige und ökologisch umstrittene Teersande, begannen die Arbeiten am 2,5 Milliarden-Dollar-Projekt Sunrise von BP.

Sunrise ist einer der wertvollsten Aktivposten für BP und deren Joint-Venture-Partner Husky Energy — ein kanadisches Unternehmen unter der Kontrolle des Milliardärs Li Ka-Shing aus Hong Kong. Bei geschätzten Reserven von 3,7 Milliarden Barrel Öl geht BP davon aus, dass Sunrise in den nächsten 40 Jahren eine „sichere und stabile“ Energiequelle sein wird.

Teersandprojekte wie Sunrise haben heftigen Widerstand von Umweltschützern ausgelöst.

Die Extraktion erfordert nicht nur mehrere Jahrzehnte lang einen der schmutzigsten Produktionsprozesse für fossile Brennstoffe; der Vorgang ist auch außergewöhnlich kohlenstoffintensiv.

Das Sunrise-Projekt war eines von sieben großen Projekt-Startups, die Bob Dudley beim Erreichen seines Bonus für 2014 unterstützten. Die Umsetzung kam jedoch bei den 1000 Arbeitern in Kanada nicht ganz so gut an, die unerwartet an dem Tag entlassen wurden, an dem im März die Produktion des ersten Öls angekündigt wurde.

Chevron

John Watson

Ausgewiesene Vergütung*: 26 Mio. US-Dollar

Großer Investitions-Meilenstein: Jack/St. Malo, US-Golf von Mexiko

Das Jack/St Malo-Projekt brachte Chevron an einen der tiefsten und entlegensten Teile des Golfs von Mexiko. Nach zehn Jahren Arbeit und 7,5 Milliarden US-Dollar an Investitionen begann Chevron schlussendlich im Dezember 2014 mit der Öl- und Gasförderung aus dem „Vorzeigeprojekt“.

Die massige, speziell angefertigte Jack/St Malo-Bohrinsel steht in extrem tiefem (über 2000 m) Gewässer und verdrängt so viel Wasser wie 350 Jumbo-Jets. Dort werden Lagerstätten 6000 Meter unter dem Meeresboden angebohrt (etwa so tief wie 14 Mal die Höhe des Empire State Building).

Chevron geht davon aus, dass die Produktion in Jack/St Malo noch mindestens 30 Jahre andauern wird, aber kurzfristig soll das Projekt dem Unternehmen helfen, ein Unternehmensziel zur deutlichen Ausweitung der Öl- und Gasproduktion bis 2017 umzusetzen.

Es zählt auch zum Vergütungspaket von CEO John Watson, dessen Leistung an der Umsetzung von Großprojekten wie St Jack/St Malo gemessen wird.

Exxon Mobil

Rex Tillerson

Ausgewiesene Vergütung*: 33 Mio. US-Dollar

Großer Investitions-Meilenstein: Karasee, russische Arktis

Nach monatelangen Bohrungen rund um die Uhr im kurzen arktischen Sommer stießen Exxon Mobil und sein russischer Partner Rosneft im vergangenen Jahr auf Öl. In der Ankündigung der großen Entdeckung gab Rosnefts CEO Igor Sechin bekannt: „Dies ist unser gemeinsamer Sieg.“

Der Preis für die Entdeckung von über 700 Millionen Barrel Öl war hoch — 700 Millionen US-Dollar für die nördlichste Ölquelle der Welt — aber für Exxon währte die Freude nur kurz. Bald nach der Entdeckung war das in Texas ansässige Unternehmen gezwungen, sich aus dem Projekt zurückzuziehen, weil immer mehr Sanktionen gegen Russland eingeführt wurden.

Mit der Leitung von Bohrungen in der eisigen Karasee hat Exxon die ersten Schritte zur Eröffnung der russischen arktischen Seegebiete als große neue Öl- und Gas-Grenze gemacht. Allein in der Karasee werden kolossale Reserven von mehreren Tausend Milliarden Barrel Öl vermutet.

Trotz des Rückzugs aus dem Projekt gehört die Exploration in der Arktis zu den Ergebnissen von Exxon 2014, die mit der jährlichen Vergütung von CEO REX Tillerson verknüpft sind.

Total

Christophe de Margerie

CEO (bis Oktober 2014)

Ausgewiesene Vergütung*: 6 Mio. US-Dollar

Großer Investitions-Meilenstein: Kashagan, Kasachstan

Die Produktion in Kashagan — einem der teuersten und komplexesten Ölprojekte der Welt — stockt derzeit. 2013, nach einem Jahrzehnt voller Rückschläge und Verzögerungen, begann das 50-Milliarden-Dollar Megaprojekt in Kasachstan für einen kurzen Zeitraum erstmals Öl zu fördern.

Total, ein Mitglied des Unternehmenskonsortiums, das hinter dem Projekt im Kaspischen Meer steht, erwartet die Wiederaufnahme der Produktion nicht vor 2017, aber die riesigen Reserven in Kashagan sollen die Wartezeit wert sein.

Mit geschätzten nachgewiesenen Reserven von 13 Milliarden Barrel Öl ist Kashagan eines der größten Ölfelder der Welt. Ursprünglich, so die US Energy Information Adminstration, war man davon ausgegangen, dass dort mehr Öl produziert werden würde als in Libyen und dass die Reserven größer seien als in Brasilien.

Für Total war die kurzzeitige Produktion in Kashagan ein Höhepunkt des Jahres 2013 und die Steigerung der Produktion war ausdrücklich an die Vergütung des Vorstandsvorsitzenden geknüpft.

Shell

Ben van Beurden

Ausgewiesene Vergütung*: 32 Mio. US-Dollar

Großer Investitions-Meilenstein: Gumusut-Kakap, Malaysia

Gumusut-Kakap ist eine Tiefsee-Bohrplattform vor der Küste Malaysias, die im Oktober 2014 erstmals Öl förderte. Das Projekt gehört zu den Vorzeigeprojekten von Shell, die 2014 mit einem Bonus von Ben van Beurden in Höhe von 2,3 Millionen britischen Pfund verknüpft waren.

Von oben betrachtet ist die gigantische Bohrplattform fast so groß wie zwei Fußballfelder und eine der größten ihrer Art in Asien. Sie schwimmt im südchinesischen Meer, hat vier Decks und befindet sich über möglicherweise riesigen Reserven von bis zu 500 Millionen Barrel Öl.

Irgendwann soll Gumusut-Kakap rund 25 Prozent zur malaysischen Ölproduktion beitragen. Das Projekt ist laut Shell „entscheidend für Malaysias langfristige Energiesicherheit“.

* ausgewiesene Vergütung ist die im Jahresbericht des jeweiligen Konzerns angegebene Zahl. Die Berechnungsmethoden der Berichtsländer sind unterschiedlich.

Aus dem Englischen übersetzt von Heike Kurtz — VoxEurop

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