André Spiegel
Nov 27, 2017 · 5 min read

Wegen Überarbeitung geschlossen, hätte ich diesen Monat beinahe hier reinschreiben müssen, aber irgendwie ging es dann doch, mich in Zeitlupe durch die Tweets zu arbeiten. Also: zehnte Ausgabe des dritten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Oktober 2017.


Was ist das jetzt wieder für ein Projekt? Man braucht nur einen halben, einen viertel Tweet lang mitzulesen und ist schon gebannt von der sorgfältigen Sprache, dem Aufreißen einer ganzen Welt ohne jeden zusätzlichen Effekt oder doppelten Boden. Ich habe lange nichts mehr gelesen, das mir so deutlich gemacht hätte, wovor ich mit Keiner davon ist witzig auf der Flucht bin, nämlich vor allem, was dieser Tweet nicht ist.

Spuren von Amüsement bitte überlesen, man denke daran, wo wir hier sind. Aber dieser Tweet bringt es meisterhaft auf den Punkt: wie sich das bisherige Universum der Schrift, die hohe Literatur, und die Kreativität, die aus jeder Ritze im Netz sprudelt, unterscheiden. Nicht alles in der hohen LIteratur ist so dämlich wie solche meisterhaften Rezensionen, nicht alles auf Twitter so schlau wie dieser Tweet. Aber guck, der Hase! Da läuft er.

Kennt diese Regung jeder? Oder sind das nur so empfindsame Seelchen wie ich und die Autorin dieses Tweets? Und je länger ich darüber nachdenke: Warum soll eigentlich schon fast alles verloren sein? Ist nicht eher schon beinahe alles gewonnen? Aber ich kann’s nicht leugnen: Erst diesen Sommer habe ich in einem Nationalpark fast dieselbe Formulierung gebraucht: »Es ist noch nicht alles zu spät«.

Wie kommen wir darauf, dass es arg steht mit uns, aber dann doch wieder nicht ganz so arg, und zwar ausgerechnet im Angesicht von Zugvögeln? Sonst noch wo? Wenn Leute bei einem astronomischen Ereignis auf die Straße gehen zum Beispiel, wenn sie dort andere treffen, und jemanden, der ein Teleskop mitgebracht hat, fragen, ob sie mal durchgucken dürfen. Oder wenn man beim Suchen eines Geocaches jemanden sieht, der nach demselben sucht. Oder wenn man zum Drehort einer Fernsehserie fährt, lange nach ihrem Finale, nur um zu gucken, wie es da aussieht.

Doch nicht? Das ist eher peinlich? Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass wir in diese Fast-alles-verloren-Rhetorik hineinsozialisiert werden, und ich werde beim nächsten Mal die Gegenprobe machen: schon fast alles gewonnen.

Ich möchte nie mehr zu einem Gedanken die Fußnote lesen, dass er in einem Blog veröffentlicht wurde. Ich möchte eine Welt, die fließend ist, in der sich Gedanken wie Ströme verhalten, in der alles zugänglich ist und keine medialen Hürden das Denken behindern. Und ich möchte, anders als der Sofawandler, zu den Dingen, die den Blick auf die Schrift verstellen, noch die Bücherregale hinzufügen, die wohlgestalteten Hardcover-Ausgaben, den Büchergeruch und die Haptik-Verehrung.

Bei Goodreads sehe ich, dass mein Lesevolumen 2014 seine Talsohle erreichte. Seither nimmt es wieder zu. Ich bin mir sicher: Wenn wir weniger Bücher lesen, liegt das daran, dass es anderswo wichtigere Dinge zu lesen gibt. Auf Twitter passiert gerade das größte kulturelle Erdbeben seit Jahrhunderten, wir wären schön blöd, wenn wir da nicht genau hingucken würden. Es wird andere Zeiten geben, in denen uns größere Formen wieder mehr zu sagen haben. Was sich nicht ändern wird, ist unser Denkvermögen und unsere Neugier. Wir werden uns schon den richtigen Lesestoff suchen, und zur Not schreiben wir ihn halt selber.

Das ist so eine Beobachtung, bei der einem der Mund offen stehen bleibt und die man dann nicht wieder aus dem Kopf kriegt. Warum muss man bei Radio eigentlich nicht für Volumen bezahlen? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, was in den letzten zwanzig Jahren passiert ist, könnte allein durch eine Änderung der Bezahlstruktur ausgelöst worden sein, die beiläufig und ungeplant eintrat, als in den siebziger Jahren das Internet gebaut wurde. Anders als beim Telefon musste man plötzlich nicht mehr pro Verbindung bezahlen, das Netz war einfach da, zunächst nur für das Militär und die Universitäten, weshalb es noch Jahrzehnte dauerte, bis die Tragweite dieses Zufalls so richtig spürbar wurde. Und als es spürbar wurde, hatten wir vergessen, worin der Zufall bestand. Heute steht uns der ganze Planet offen, aber wir bezahlen für Volumen. Man fragt sich, was eigentlich noch alles möglich wäre, wenn man ein paar Bezahlmodellen mal einen kleinen Schubs geben würde.

Dieser Tweet ist schon darum interessant, weil er das Medium auf den Kopf stellt: Es ist eigentlich ein Bild-Tweet und kein Text-Tweet, und der Text, obwohl vorhanden, macht keine Aussage, sondern ruft noch einen anderen Kanal auf: ein Geräusch.

Mein erster Instinkt war, zu fragen, warum Manhattan — wo ich seit sieben Jahren wohne — sich nie verbraucht. Erst letzte Woche war ich in einem Schulungsraum in Long Island City, und vor den Fenstern stand die Skyline, größer als gewohnt, massiv wie ein Schiff. »Ich möchte die Veranstalter doch bitten, beim nächsten Mal für eine bessere Aussicht zu sorgen«, frotzelte einer der Teilnehmer. Jeden Tag stand jemand vor den Fenstern und fotografierte die Häuser.

Dann allerdings fiel mir ein, dass das nicht so einzigartig für Manhattan ist. Auch viele Berliner fotografieren regelmäßig ihren Fernsehturm. Und ich dachte an die Kirche im Dorf: Man mag sich an sie gewöhnen, aber sie wird nie nichts, auch nach Jahrhunderten nicht.

Immer mehr kommt’s mir so vor, als wäre die große Diskussionsschule, in die wir gerade alle gehen, der eigentliche Entwicklungsschritt, auf den es jetzt ankommt. Keine Digitalisierung, sondern eine Debattisierung. Die Regeln sind dieselben wie damals bei Sokrates, nur dass der Marktplatz jetzt um viele Zehnerpotenzen größer ist. Ich weiß, dass ich nichts weiß, wusste Sokrates noch.

Es ist alles zu einem Minenfeld geworden, Geschlecht, Politik, Erziehung. Ein falsches Wort, ein falsches Spielzeug, und man ist erledigt, hoffnungslos disqualifiziert und auf der falschen Seite verloren. Es beruhigt mich, wenn ich an zwei Freunde denke, deren Kinder inzwischen erwachsen sind. Sie haben versucht, sie nach fortschrittlichsten Prinzipien zu erziehen, geschlechtsneutral, mit ausgewogenem Spielzeug, unter Vermeidung aller Farbfallen. Der Erfolg? Als die Tochter zum ersten Mal ein normales Mädchenzimmer sah, rief sie Puppen! und stürzte sich glückselig auf sie, dem Sohn ging es mit Autos! genauso. Ich habe wenig Sorge, meine Kinder mit den Dingen spielen zu lassen, mit denen sie nun mal spielen wollen, und wenig Sorge, wenn sie sich mit Rollenmodellen identifizieren, die ihnen angeboten werden — ihre Lebendigkeit ist in jeder Hinsicht größer als meine; sie werden ihren Weg durch diese Welt schon machen und mir dabei größere Überraschungen bereiten, als mir lieb sein wird.

Keiner davon ist witzig

Eine monatliche Kolumne von guten, großartigen, wunderbaren Tweets. Keiner davon ist witzig.

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