Keiner davon ist witzig / 2017–11

Falls jemand noch ein Weihnachtsgeschenk in letzter Minute braucht, hier sind ein paar Tweets, die ich empfehlen kann. Keiner davon ist witzig. Dritter Jahrgang, elfte Ausgabe. Alle aus dem November 2017.


Ich weiß es. Besser als alle anderen, die auf den Tweet geantwortet haben. Ich weiß es, hier, Frau Lehrerin, hier! Ich werde es aufschreiben, schließlich habe ich sogar ein Forum dafür, das von vielen Leuten gelesen und geschätzt wird.

Nein, ich werde meine Antwort — obwohl sie wirklich sehr gut ist! — für mich behalten und diesem Tweet die Anerkennung geben, die er verdient. Dafür, eine Frage gestellt zu haben und ihre Offenheit auszuhalten. Fragen reichen weiter als Antworten.

Für diesen Account aus Mikro-Science-Fiction-Geschichten eine summarische Folgeempfehlung. Eine so gute und neue Ausnutzung des Mediums findet man selten. Und ich frage mich unwillkürlich, wieviele Geschichten, SF oder sonstige, darauf harren würden, in so eine Mikroform gebracht zu werden, und für welche das ohne Informationsverlust möglich wäre.

Dafür führe ich die neue Disziplin der kommentarlosen Rezension ein.

Und hier haben wir noch eine Königsdisziplin: den stammlosen, den nicht-tribalistischen Retweet. Eng verwandt mit der Erfahrung, von jemand mit einem unerwarteten Gedanken überrascht zu werden. Mir ist öfters gesagt worden, dass ich bestimmte Twitterer hier nicht bringen dürfte, und andere haben sich beschwert, wenn ihre Tweets zusammen mit jemand, den sie nicht mochten, in derselben Ausgabe auftauchten. Ich habe mir lange über diese Proteste den Kopf zerbrochen, und ich war drauf und dran, mich dem Druck zu beugen. Hab’ ich dann doch nicht, und erst als ich diese Entscheidung getroffen hatte, wurde mir klar, dass ich damit leben kann und mit der anderen nicht. In meinem Kopf und hier kommt jeder vor, der mich zum Nachdenken bringt.

Ich glaube auch, dass die Formulierungen, die wir benutzen, tiefe Einblicke in den Stand der Integration von Technik geben. Vor ein paar Monaten fiel mir auf mehreren Flughäfen in den USA auf, dass es Wegweiser zu App-Based Ride Services gab, ausdrucksmäßig ein ungelenkes Monstrum, während anderswo auf den Schildern schon von Rideshare die Rede war. In New York ist die Integration am geringsten oder am tiefsten, je nachdem wie man es sehen will, denn da wird mit keiner Silbe erwähnt, dass das Transportgewerbe umgewälzt wurde, man schreibt einfach nur Passenger Pick-Up.

An der Formulierung reading his phone fällt einerseits die Kürze und Eleganz auf, die durchaus für ein Jahrhundert reichen könnte. Andererseits ist sie bis dahin vielleicht nicht sprachlich, sondern technisch überholt, oder wie lange wollen wir eigentlich noch phone zu etwas sagen, das alles mögliche andere ist, aber nur noch in Ausnahmefällen ein Telephon. Oder vielleicht ist das eine Art Fossil, das sich wegen seiner Kompaktheit und Härte noch lange nach seiner ursprünglichen Bedeutung in der Sprache halten wird.

Das Problem an diesem Schema ist nur, dass auch die dunklen Deutschen sich selber als die hellen sehen. Und sie hassen die andern, die für sie die dunklen sind, und brauchen dazu noch nicht mal eine ferne Menschheit, die sie lieben können.

Ich habe mehr als einmal gesehen, wie sich jemand bei Facebook anmeldete, und als dann die ersten zehn, fünfzehn Freundschaftsanfragen von Leuten eintrudelten, die diejenigen schon vorher irgendwoher kannten, zuckten sie erschrocken zurück und löschten sofort ihren Account. Und ich kann mir nicht helfen: Leute, die das Ungeheuerliche an Facebook so stark spüren, dass sie es nie wieder anfassen wollen, sind mir eigentlich sympathisch, und bei ihnen bedaure ich es am meisten, dass sie wegen ihrer Angst unweigerlich aus meinem Horizont verschwinden.

Es gibt Leute, die Facebook aus Angst und Überforderung nicht benutzen, selbst wenn sie das hinter einer Maske aus trotzigem Stolz verstecken. Ansonsten fallen mir zwei Gründe ein, nämlich Unkenntnis und Widerstand. Unkenntnis würde bedeuten, dass jemand nicht weiß, wie Facebook funktioniert, was man damit machen kann, oder wie es die Struktur der globalen Öffentlichkeit verändert, und dass es keine Welt ohne Facebook mehr gibt. Für diese Menschen ist Facebook ist irgendwas, aber nichts wichtiges.

Und Widerstand schließlich würde bedeuten, dass jemand sehr wohl versteht, was Facebook ist, aber sich aktiv entscheidet, dabei nicht mitzumachen. Zwar mag auch Angst oder Unkenntnis zu Widerstand führen, aber es gibt auch den Widerstand in Reinkultur.

Manchmal wünsche ich mir, Facebook wäre wenigstens wie das Telefonbuch, wo jeder grundsätzlich drinsteht, es sei denn er unternimmt vorsätzliche Anstrengungen, daraus gestrichen zu werden. Wie wertvoll alte Telefonbücher sind! Und wie wenig die meisten sich darüber aufregen, dass da zu lesen steht, wie sie heißen und wo sie wohnen und wie man sie erreichen kann.

Ich dachte immer, Postprivacy wäre eine Diagnose und kein Programm. Eine Beschreibung von Entwicklungen, die stattfinden, ohne dass wir darauf Einfluss hätten — was nicht bedeutet, dass wir sie nicht gestalten könnten, aber wir können sie nicht aufhalten oder umkehren. Dass die Welt, die daraus entsteht, notwendig und in jeder Hinsicht eine schlechtere wird (der Schamloseste gewinnt), halte ich für genauso einen Fehlschluss wie die Annahme, wir kämen alle ins Paradies.

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