Keiner davon ist witzig / 2016–03

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die dritte Ausgabe des zweiten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem März 2016.


Einer von diesen Sätzen, die das Zeug haben, mein Kommunikationsverhalten nachhaltig zu verändern. Ich habe nie viel mit Ironie anfangen können, sie ist mir nur begegnet als Technik, mich auflaufen zu lassen, wenn ich ein ernsthaftes, dringendes Gespräch suchte. Inzwischen habe ich gelernt, die ernsthaften Gespräche mit mir selber zu führen und kann mir Ironie distanzierter, neugieriger ansehen. Ich verwende sie mitunter selbst, und ich will nur hoffen, dass niemand, der sie von mir abbekommt, jemand ist wie ich selber damals.

Ironie, die als solche gekennzeichnet wird, ist keine. Sie lebt ja gerade von der scheinbar absurden Aussage, dem Affront, dem Aufwand, der zur ihrer Entschlüsselung erforderlich ist.

Ich versuche es also mit der folgenden Regel: Verwende Ironie nur, wenn du erwarten kannst, dass sie auch ohne ;-) verstanden wird. Oder wenn du bereit bist, das Risiko einzugehen, dass sie nicht verstanden wird. Ähnliches gilt für das vor-ironische :-). In Situationen, in denen das Risiko der Ironie nicht angebracht scheint, entschärfe sie nicht, sondern rede anders.

Der Satz von Rilke, dass man nicht ein einziges Buch lesen dürfe, wenn man sich nicht zugleich verpflichtet, alle zu lesen, hat mir immer eingeleuchtet. Nicht, weil es irgendeine realistische Aussicht gäbe, auch nur einen messbaren Anteil »aller« Bücher zu lesen. Sondern weil das ein Leser ist, wie ich ihn mir vorstelle, auch einer, der ich selber gern wäre — für den es überhaupt nicht darauf ankommt, ob ein Buch gut oder schlecht ist, sondern zu welchen Gedanken, welchen Einsichten, welcher Art von Bewusstwerdung es führt. Und da sind schlechte Bücher mitunter besser als gute. Musil sagte von sich, er könne leider überhaupt keine Bücher lesen, ausgenommen ganz schlechte, in denen man mit den Zähnen stecken bleibt wie in Spaghetti, die in Whisky getaucht sind.

Welche Technik lässt sich ernsthaft als verhinderbar vorstellen? Eine Welt ohne eine bestimmte Art von Waffen kann man sich vorstellen, allerdings nur unter der Bedingung, dass schon eine effektivere Waffe entwickelt wurde. Eine Welt, die auf andere Energieformen umsteigt, noch bevor der letzte fossile Brennstoff verbraucht ist, kann mich sich ebenso vorstellen, allerdings wohl eher aufgrund ökonomischer Zwänge. Ich kann an den Robotern von Boston Dynamics nichts ungewöhnlich bedrohliches finden, oder eher: Sie erscheinen mir als ein unverhinderbarer Schritt der maschinellen Evolution.

Was nicht darauf hinausläuft, die Missverständnisse hinter sich zu lassen. Oder vielleicht hab’ ich das auch falsch verstanden.

Es wird nicht möglich sein, irgendetwas zu diskutieren, solange man die andere Seite als unbelehrbar betrachtet. Oder auch nur lernbedürftig. Ob es allerdings vielversprechender ist, sich selber genauso infrage zu stellen wie die anderen, weiß ich nicht. Die Gründe, aus denen Menschen ihre Meinungen ändern, so selten es ohnehin passiert, bleiben rätselhaft.

»Ich kann nicht mit dir diskutieren, weil ich restlos davon überzeugt bin, dass du Unrecht hast.« Man muss diesen Satz vielleicht nicht einmal aussprechen, sondern nur solange warten, bis man ihn nicht mehr aussprechen müsste.

Ich weiß nicht, ob die Begriffe gut und böse sich beim Ernstnehmen nicht auflösen.

Es wird Frühling, wir werden horny, sie sind wieder da, die üblichen Missverständnisse und unerfüllten Sehnsüchte zwischen Männern und Frauen. Der Tweet macht keinerlei Anstalten, zu entscheiden, ob er selbstironisch oder aufschreiend-anklagend gemeint ist. So soll es auch bleiben.

Nein, das Verhalten eines Menschen mit zuwenig Schlaf kann man sich nicht schönreden. Er wird auch nichts hervorbringen, das auch nur in die Nähe dessen käme, was er ausgeschlafen zu machen imstande wäre. In meinem Fall ist es allerdings auch nicht so, dass die guten Sachen dann passieren würden, wenn ich ausgeschlafen bin. Auf der Höhe meiner Leistung bin ich dann, wenn ich vor einiger Zeit so gut geschlafen habe, dass ich es mir jetzt leisten kann, ein paar Nächte zuwenig zu schlafen, weil die Gedanken sich überschlagen und umgesetzt werden wollen.

Keine traurigen Zeiten, solange uns das Vorwärtskommen wichtiger ist als die Perfektion.

Show your support

Clapping shows how much you appreciated André Spiegel’s story.