Keiner davon ist witzig / 2016–07

Die ersten Tweets in dieser Ausgabe sind schon eineinhalb Monate alt und wirken auf mich jetzt, beim Wiederlesen, fast antik. Ist das gut oder schlecht? Es ist erstaunlich.

Dies ist die siebte Ausgabe des zweiten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Juli 2016.


»Es wird Zeit, das Wehklagen der Nostalgiker zu ignorieren«, schreibt @mspro in »Das Neue Spiel«. Eine Stufenfolge der Nostalgie: Erstens, das untätige Bedauern, etwas verschwinden zu sehen, stille Sentimentaliät. Zweitens, das laute Wehklagen darüber, Kulturpessimismus. Und drittens, der aktive Widerstand: »Deutsche, kauft nicht bei Amazon.«

Ich weiß nicht, ob es in Deutschland genauso ist, aber es gibt ein paar Filme, die ich vor kurzem im Kino gesehen habe, weil mich die Diskussion über diese Filme interessierte und ich nicht noch zwei Jahre warten wollte, bis sie per Streaming verfügbar sind. Bei diesen Filmen trat vorher entweder der Regisseur oder ein Schauspieler auf und bedankte sich beim Publikum, dass es ins Kino gekommen war, um den Film in der Form zu sehen, für die er gedacht wäre. Es geht hier offensichtlich um Rentensicherung für die Filmbranche, die letzte Generation derer, die durch Lichtspielhäuser reich werden konnten. Oder ist es vorstellbar, dass die Leute auch in zweihundert, dreihundert Jahren noch ins Kino gehen werden, weil man sie beharrlich daran erinnert, dass das die Art ist, wie man Filme anschauen sollte?

Kein Geschäftsmodell, das an den guten Willen der Kunden apellieren muss, ist es wert, verteidigt zu werden.

Es ist viel über diesen Vorfall geschrieben worden, der zum üblichen Repertoire Jarretts gehört; seine Arroganz und Verbohrtheit ist beklagt worden, und gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass Beethoven noch viel größere Allüren hatte, und dass wir sie den großen Künstlern als Preis ihrer Genialität zugestehen müssen. Worüber ich wenig gelesen habe, sind dagegen die letzten zwei Worte dieses Tweets, und allein dafür gehört dieser Tweet hierhin.

Kein Tweet hat meine Wahrnehmung des US-Wahlkampfs so verändert wie dieser hier. Es ist einfach, gegen Trump zu sein, wer wäre das nicht. Und es ist viel zu wenig.

Ich glaube, dass es so etwas wie politische Schulden gibt. Man kann solche Schulden aufnehmen wie andere Schulden auch, erst einmal passiert gar nichts und das Leben geht ganz normal weiter. Aber irgendwann, plötzlich und aus heiterem Himmel, bricht das ganze Gebäude unter der Schuldenlast zusammen.

Die Schulden, die aufgenommen wurden, betreffen die Bildung, den rationalen Diskurs und die Debattenkultur. Sie abzutragen, braucht Zeit und Arbeit. Unangenehme Arbeit. Anders geht es nicht.

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn ich bei wichtigen Ereignissen einfach nur meine Timeline anschauen muss, um auf dem Laufenden zu bleiben, ohne nach irgendetwas suchen oder einem Hashtag folgen zu müssen. Andererseits finde ich die Aufregung darüber, welche Effekte sich bei schnell entwickelnden Ereignissen auf Twitter abspielen, übertrieben und belanglos zugleich. Wir lachen hämisch über das Fernsehen, weil Twitter schneller ist, wir lachen hämisch über Twitter, weil das Fernsehen seriöser ist. Beides wirkt nicht besonders erwachsen. Bestimmte Medien legen bestimmte Kommunikationsweisen nahe; wichtiger als der vergebliche Versuch, sie zu beeinflussen, wäre eine Medienkompetenz, die die Medien als das erkennt, was sie sind, mit ihren Stärken und Schwächen, und aus ihnen das Beste herauszuholen in der Lage ist.

Ein Tweet in der Kategorie derjenigen, die mir gefallen, weil sie einen plausiblen und mir vertrauten Gedanken enthalten, und die ich gleichzeitig für vollkommen falsch halte. Ich habe oft gedacht, während ich mit dem Flugzeug über Labrador und Neufundland unterwegs war, wie lange wohl eine Tagesreise da unten wäre. Von dieser Hügelkette bis zu dieser? Oder noch weiter? Dieses Flußtal entlang bis zur Mündung?

Aber dann müsste man fragen, ob Motorschlitten erlaubt sind oder Jack-Wolfskin-Thermounterwäsche, ob man sein Essen in industriell gefertigten Konservendosen mitnehmen darf oder es unterwegs selber erlegen muss, und wenn ja, ob Schusswaffen erlaubt sind oder allein selbergeschnitzte Pfeile und Bogen.

Und wer würde in dieser Zeit, während ich mich in eine technisch mehr oder minder verharmloste Wildnis zurückziehe, die Erfahrung machen, in einer Woche auf drei Kontinenten zu sein und über sechs Zeitzonen hinweg zu kommunizieren?

Es gibt keinen untechnischen Grundzustand. Technik lügt nicht. Technik ist das, was noch niemand vor uns gesehen hat.

Was wichtig ist, haben Kinder ganz gut raus.

Und das gilt leider für alle gut gemeinten Ratschläge, was man bei Depressionen tun soll. Sogar in die Apotheke zu gehen und Johanniskrautdragées zu kaufen — ein Mittel, das bei leichten Depressionen immerhin nachweisbar hilft — , und dann die einmal gekauften Dragées auch tatsächlich einzunehmen, setzt ein beträchtliches Maß an Energie voraus, das noch nicht der Depression zum Opfer gefallen ist. Wenn diese Energie fehlt, ist komplett unklar, woher sie zu beschaffen wäre. Obwohl es nichts anderes als Biochemie ist.

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