Kommunikationsagentur 4.0: Die neue Transformationsberatung?
Die Zeichen für eine Neupositionierung stehen gut. Kommunikation ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren in Change Projekten. Agenturen können mit einem großen Schatz an Kommunikationskompetenz und Beratungs-Know-how aufwarten, der von Kunden geschätzt aber bisher nur selten honoriert wird. Zeit, das eigene Geschäftsmodell anzugreifen und sich neu zu erfinden.

Montagmorgen 08:00 Uhr. Treffpunkt im Meeting Raum einer Kommunikationsagentur, mit Blick auf die Frankfurter Skyline. Der letzte Durchlauf der Präsentation steht an, bevor es zum Kunden-Pitch geht. Ca. 4 Stunden Fahrt für eine Chance von 45 Minuten, um sich von der Schokoladenseite zu zeigen. Eine Chance für weitere drei Agenturen an diesem Tag. Überzeugt werden will, ein Marketing Leiter, die Einkäuferin und drei Damen der Kommunikationsabteilung. Drei verschiedene Blickwinkel, eine Präsentation die alles abdecken muss. Mit Leidenschaft und Druck im Nacken, haben 2 Mitarbeiter der Frankfurter Agentur zuvor Wissen von über 3 Jahrzehnten in Präsentationsfolien gepresst. Der Kunde freut sich, kann er doch aus einer großen Auswahl an dargestellten Kommunikationsstrategien die besten Ideen für sich rauspicken. Umsonst versteht sich. Ehre als Gegenwert, überhaupt eingeladen worden zu sein und vorsprechen zu dürfen. Mit derselben Hoffnung in der Tasche mit der man angereist ist, wird man auch wieder höflichst verabschiedet. „Der Einkauf entscheidet nun in nächster Instanz, wir melden uns bei Ihnen.“ heißt es vom Marketing Leiter, dem man seine Handlungsnot im Gesicht ansieht. 4 Stunden Fahrt wieder zurück nach Frankfurt, mit der Gewissheit, dass viel Zeit, Wissen und Ressource investiert wurde aber zu guter Letzt der Rotstift des Einkäufers entscheiden wird. Für die Agentur bedeutet das zunächst: Honorierung mit Hoffnung.
Die GWA-Studie “Agentur-Kunden-Beziehungen von morgen” sprach bereits 2016 von einem Wendepunkt. Die Zusammenarbeit sollte zukünftig konfliktreicher werden, weil der steigende Preisdruck zu kurzfristigeren und austauschbaren Beziehungen führt. Agenturvertreter und Mitglieder von *FAMAB- und ISES sehen es ähnlich. Im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema „Live-Kommunikation 2020: Die Eventbranche der Zukunft“ wurde kräftig debattiert und reflektiert. Die Stimmen sind klar, Konzerne agieren immer globaler und sind in ihren Verhaltensweisen deutlich „amerikanischer“. Das bedeutet vor allem härtere Compliance-Regeln und eine stärkere Macht des Einkaufs. Die Herausforderung besteht jetzt darin, den Added Value (Mehrwert) der Agenturen darzustellen.
Geschäft aus Beratung oder operativer Dienstleistung. Agenturen in der Zwickmühle.
Die Kunden wurden von dem eigens inszenierten Konkurrenzkampf der Agenturen erzogen: Beratung und Ideen gibt es umsonst. Eine meist unterschwellige Erwartungshaltung der Auftraggeber.
Auf der anderen Seite werden die operativen Leistungen und standardisierbaren Prozesse zunehmend digitalisiert und über Apps, Plattformen und vielleicht bald auch durch künstliche Intelligenz verfügbar. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, das den Agenturen in Zukunft nur noch der erlebte Erfahrungsschatz, die Beratungskompetenz, als Basis für ihr Business bleibt. Eine Zwickmühle?
Kommunikation als Erfolgsschlüssel für Unternehmen: Chance für Agenturen und Kommunikationsberater

Erst durch Kommunikation kann ein nachhaltiges Erlebnis entstehen, das zu Veränderung bewegt. Kundenzentrierte Kommunikation ist somit einer der wesentlichen Schlüssel in Change Prozessen.
Die Ansprüche an Kommunikationsstrategien haben sich mit der zunehmenden Digitalisierung massiv verändert. Heute vernetzen sich Menschen und Gegenstände. Hybride Gemeinschaften kommunizieren und leben in der Zukunft nicht mehr nur online oder offline, sondern permanent real und digital zugleich. Das WIR erlebt trotz des Fokus auf das Individuum eine Renaissance. Teams, Kollaborationen, und Gemeinschaften möchten offline Erlebnisse teilen die sie dann in digitaler Geschwindigkeit online posten können. Entscheidungen werden verstärkt mit Hilfe der Communitys oder durch Blogger als Vorbilder beeinflusst. Rückschluss: Online Kommunikation profitiert von Live Kommunikation, die den passenden Inhalt liefert. Und ohne kundenzentrierte Orientierung kann es keine erfolgreiche Kommunikationsstrategie geben.
Eine Begebenheit dessen sich ein Kommunikationsberater heute bewusst sein sollte. Es reicht daher nicht mehr aus, sich nur in seinem Kommunikationssegment zu versteifen. Es ist Verständnis für das Zusammenwirken der Kommunikationskanäle und Kommunikationsgewohnheiten der jeweiligen Zielgruppen gefragt, sonst wird man auf lange Sicht keine „LIKES“ mehr bekommen und vom Kundenradar verschwinden.
Dies haben bereits viele Unternehmen begriffen und suchen Hände ringend nach innovativen Lösungen. Die Chance für Kommunikationsagenturen ihr eigenes Geschäftsmodell auf die aktuellen Rahmenbedingungen hin zu überdenken, sich neu auf zu stellen und zu positionieren.
Aber auch renommierte Unternehmensberatungen haben die Kommunikation als einen wesentlichen Erfolgsfaktor für Unternehmen erkannt und bieten das Thema nun als einer ihrer Beratungsschwerpunkte an. Roland Berger beispielsweise, ist offensiv mit einem Kompetenzzentrum: Executive Communications/Corporate Affairs in den Kommunikationsmarkt eingetreten und hat sein Beratungsportfolio erweitert. Der gesamte Webauftritt lässt eine hohe Affinität zu Agenturen spekulieren und hat nichts mehr mit einem eher angestaubten Unternehmensberatungs-Image zu tun. Genauso Arthur D. Little mit Ihrer Positionierung: Breakthrough Enablers und einem Webauftritt der manche Digitalagentur altbacken aussehen lässt.
Hinter den Kulissen werden fleißig über Think Tanks mit Studenten, Studien, Summits, Fähigkeiten aufgebaut die Agenturen aus ihrem täglichen Business bereits mitbringen: maximale Flexibilität, Kreativität, Innovationskraft, Kommunikationsstärke und ein starkes, gewachsenes Netzwerk, um komplexe Projekte stemmen zu können.
Zeit für Agenturen sich ihrer Potentiale bewusst zu werden.

Der Agenturmarkt ist in Bewegung. Erste Branchenvertreter gehen mutig voran und die Schlagzeilen werden lauter. Die W+V berichtete jüngst über pro Event aus Heidelberg, die radikal 8 Wochen die Agentur zugesperrt und mit ihrem Team in Klausur gegangen sind, um sich in Teilen neu zu erfinden.
Die Kommunikationsagentur PP Live mit Sitz in Frankfurt und Köln haben mit Hilfe einer Transformationsberaterin ihre bestehenden Prozesse und Positionierung kritisch hinterfragt, um nun mit Rückgrat, basierend auf über 30 Jahre Beratungskompetenz in der Live Kommunikation, den neuen Bereich PP Consulting nach vorne zu stellen. „Wie könnten wir unsere Kunden kompetent beraten, wenn wir für uns nicht selbst das anwenden was wir Ihnen empfehlen.“ erläutert Christoph Symeonidis, Innovationstreiber der Agentur.
Fazit Es sind nun Selbstbewusstsein, Mut und Veränderungsbereitschaft gefordert, um die Chancen zu nutzen und das eigene Potential zu schöpfen. „Pick up the low hanging fruits“ wurde in der Vergangenheit vielleicht für sich selbst zu selten beherzigt.
