Karolien Berkvens

Die Stunde von Zimmerman

Het uur van Zimmerman — Die Stunde von Zimmerman — Karolien Berkvens

Die Kamera blitzt, als sich Zimmerman den Rest Sahne aus dem Mundwinkel leckt. Er blickt auf, nimmt sein Taschentuch und wischt sich den Mund ab. Den lauwarmen Mandarinenschnitz, der an seinem Gaumen klebt, schluckt er ohne zu kauen hinunter.

Die Fotografin, ein vorwitziges Gör aus der 10. Klasse, würdigt ihn keines Blickes. Sie betrachtet das Foto und langt mit der freien Hand in eine Schale Nüsse. Das Mädchen ist zweifellos darauf aus, jeden möglichst unvorteilhaft aufs Bild zu kriegen. Sie drückt ab, wenn die Lehrer an ihrem Weinglas nippen, so dass es aussieht, als wären ihre Wangen vom Alkohol rot. Die staubige Hitze, die im Lehrerzimmer hängt, ist auf einem Foto ja nicht zu sehen.

Auf seiner Torte stand: LOET, DANKE. Zimmerman hat das Stück mit dem großen L bekommen, als ginge es um seinen zehnten Geburtstag, nicht um seine Pensionierung. Er spült den nächsten Bissen mit Rotwein hinunter. Die Kombination ist scheußlich.

Neben ihm tauschen zwei Geschichtslehrerinnen Wissenswertes über das Périgord aus.

„Man kann das eigentlich nicht mehr kaufen“, sagt die eine leise, „aber die Foie gras aus der Gegend ist köstlich, die kann man sich einfach nicht entgehen lassen.“

Die andere befeuchtet sich die Lippen, als würde sie in Gedanken die köstliche Foie gras essen. „Man weiß doch gar nicht, inwiefern die Tiere wirklich leiden, oder?“

Die beiden Damen sehen Zimmerman fragend an. Ihm ist noch nie aufgefallen, dass sie sich ähnlich sehen. Derselbe Augenaufschlag hinter demselben Brillengestell.

„Das ist tatsächlich die Frage“, sagt er.

Sie nicken beflissen und setzen ihr Gespräch über die Qualität der französischen Hotels im Allgemeinen und den mangelhaften Service der Franzosen im Besonderen fort.

Zimmerman lächelt jedes Mal bestätigend. Es ist sein Abschied. Ein Abschied braucht nicht dramatisch zu sein.

Vor einem halben Jahr klopfte Job Boerhaeve an seine Zimmertür. Ohne Zimmermans „herein“ abzuwarten, steckte er den Kopf durch die Tür und zog die Augenbrauen hoch. „Störe ich?“, fragte er.

Zimmerman fürchtete, er könnte in der kommenden Prüfungswoche der Oberstufe wieder eine Raumänderung durchführen. Boerhaeve war ein sympathischer Mann, aber er ließ keine Gelegenheit aus, sich in was auch immer einzumischen.

„Komm rein“, sagte Zimmerman dennoch freundlich. Er konnte seinem Vorgesetzten schlecht den Zugang zu seinem Zimmer verwehren.

„Sehr gern“, sagte Boerhaeve. Er ließ die Tür einen Spalt offen. Seit er die Brille gegen Kontaktlinsen getauscht hatte, blickte er wehrlos in die Welt.

„Wie geht es dir, Loet?“, fragte er. Er rieb sich die Hände. „Du hast ein großartiges Arbeitszimmer. Immer wenn ich hereinkomme, fällt mir auf, wie schrecklich ordentlich du bist. Ich erzähle meinen Kindern, dass sie ihr Zimmer aufräumen sollen, aber selbst ich bin mindestens genauso unordentlich. Ich gebe es offen zu, Loet: Ich bin ein unverbesserlicher Schludrian.“

Boerhaeve brauchte jedes Mal eine Vorrede. Er war ein ziemlich ineffizienter Mann.

Zimmerman lächelte. „Ach, bei mir geht das von selbst.“

„Ich glaube, es gibt zwei Arten von Menschen. Du hast die gewissenhaften, die rechtzeitig am richtigen Ort auftauchen, ohne in den Kalender zu sehen, und nie einen Geburtstag vergessen. Und du hast du Chaoten. Das sind die Leute, die atemlos hin und her laufen und gleichzeitig ihr Portemonnaie suchen. Zu meinem Bedauern gehöre ich zu dieser letzten Kategorie. Meine Frau hat beiden Nachbarn unsere Hausschlüssel gegeben.“

Der Bildschirmschoner sprang an, und Zimmerman sah einen Augenblick auf die sich verfärbenden Linien auf seinem Monitor. Boerhaeve hatte große Schwierigkeiten, auf den Punkt zu kommen. Zimmerman selbst bereitete das keine Mühe. Er wusste nicht, was er mit anderen als den strikt notwendigen Wörtern anfangen sollte.

„Loet, ich bin nicht einfach so zum Plaudern gekommen. Ich möchte über deinen Abschied reden“, sagte Boerhaeve mit einem Seufzer. Er stützte beide Hände auf Zimmermans Schreibtisch und bewegte die zusammengekniffenen Lippen hin und her. Sein Gesicht war voller Sommersprossen.

Die Linien gingen von Grün in Lila über. Zimmerman hoffte inständig, dass er nicht vorschlagen würde, bowlen zu gehen, so wie letztes Jahr bei der Verabschiedung von Boerhaeves Sekretärin.

Boerhaeve richtete sich auf. „Das Jahr ist irrsinnig hektisch. Oder nicht? Du weißt das besser als jeder andere.“ Er schüttelte den Kopf. „Irrsinnig“, sagte er und verzog dann die Mundwinkel zu etwas, was als Lächeln gemeint war.

„Du weißt, dass ich es wichtig finde, Kollegen angemessen zu verabschieden. Ich habe stundenlang nachgedacht, wie wir all unsere verschiedenen Aktivitäten aufeinander abstimmen können, aber ohne Ergebnis. Daher möchte ich dir folgenden Vorschlag machen.“

Er schnaufte und schob dabei das Kinn nach vorn.

„Fändest du es schlimm, wenn dein Abschied mit dem Umtrunk vor den Sommerferien zusammenfällt?“

Boerhaeve sah ihn ernst an, als fragte er, ob Zimmerman bereit wäre, auf einen Teil seines Gehalts zu verzichten.

Zimmerman musste den Impuls unterdrücken, aus dem Stuhl aufzuspringen. Er hatte nicht erwartet, nach fast vierzig Jahren sang- und klanglos verschwinden zu können, aber er war erleichtert, dass man nichts Besonderes für ihn organisieren würde.

„Das ist wirklich kein Problem“, sagte er. „Ich halte das für eine hervorragende Lösung.“

Boerhaeve ließ das Kinn sacken. Er schien die Vor- und Nachteile des Plans noch einmal abzuwägen.

„Es ist wirklich ein hektisches Jahr“, sagte Zimmerman. Er überlegte, welche Aktivitäten das Jahr so viel hektischer machten als die vorigen. „Es ist viel zu tun“, sagte er schließlich.

„Du gehörst zu den Gewissenhaften, wenn du einen besseren Vorschlag hast, dann musst du mir das ehrlich sagen.“

Boerhaeve war zu jung für seinen Posten. Neben Mangel an natürlicher Autorität fehlte es ihm an Erfahrung, auf die er hätte zurückgreifen können.

„Ich hätte mir das nicht besser ausdenken können.“

„Ich möchte dir auf keinen Fall das Gefühl geben, dass ich deinen Abschied nicht wichtig finde.“

„Aber nein“, sagte Zimmerman. Er berührte die Tastatur. In Kombination mit Boerhaeves Trödelei begannen ihn die farbigen Linien zu irritieren.

„Es ist ein wichtiger Moment, Loet“, sagte Boerhaeve leise.

„Unbedingt“, sagte Zimmerman.

„Sieh es als Neubeginn.“

„In Ordnung“, sagte Zimmerman.

„Pensionierung und Abschied, das sind so beladene Wörter.“

„Ja.“

„Obwohl sich dir gleichzeitig eine neue Welt eröffnet, mit neuen Möglichkeiten und neuen Chancen. Stell dir nur vor, Loet, was du alles machen kannst. Denk nur an die grenzenlosen Stunden, die vor dir liegen.“

Zimmerman hatte nicht das geringste Verlangen nach einer neuen Welt. Und grenzenlose Stunden sagten ihm nichts. Eine Stunde dauerte sechzig Minuten beziehungsweise 3.600 Sekunden, unabhängig davon, wie man sie füllte.

„Wir nehmen heutzutage unsere Arbeit viel zu wichtig, da bin ich felsenfest von überzeugt.“

Boerhaeve konzentrierte sich auf die Wand hinter Zimmerman. Übte er schon seine Rede, wollte er testen, wie Zimmerman reagierte?

„Meine Frau beschäftigt sich mit Yoga, und ich kann dir versichern, Loet, Yoga ist gar nicht so übel.“

„Wirklich?“, fragte Zimmerman. Er sah Boerhaeve und seine Frau, die einen Kopf größer war als er, mit den Beinen im Nacken auf dem Boden ihres Wohnzimmers liegen.

„Ich war auch skeptisch. Ich habe zu meiner Frau gesagt: Das ist nichts für mich, ich bin ein Mann der Wissenschaft, der Ratio. Sie bestand darauf, dass ich sie einen Nachmittag begleite, und siehe da, hier stehe ich nun und erzähle, wie großartig ich es finde. Wir müssen uns immer wieder neu erfinden. In dieser Hinsicht können wir uns ein Vorbild an unseren Schülern nehmen.“

In etwa zehn Minuten würde es zur großen Pause klingeln. Zehn Minuten Boerhaeves Theorien anhören, wie man zu leben habe, das würde Zimmerman noch aushalten. Schließlich war es nett, dass sich Boerhaeve die Zeit nahm, über seinen Abschied zu sprechen.

„Ich werde dich nicht länger aufhalten“, sagte Boerhaeve plötzlich. „Schön, dass wir uns einig geworden sind.“ Kurz bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich um. „Wir machen ein richtiges Fest draus.“

Zimmerman kennt sich mit richtigen Festen nicht aus, aber das hier muss wohl eins sein, denkt er.

Das Gör lehnt an einem der Tische. Die Hose schlottert um ihre Hüften, und das T-Shirt rutscht ihr ständig von der Schulter.

Zimmerman schiebt seinen Teller mit dem halb aufgegessenen Stück Torte zwischen die anderen halbleeren Teller. Aus den Augenwinkeln sieht er Boerhaeve dem Hausmeister auf die Schulter klopfen.

Zimmerman wird nachgeschenkt. Er überlässt sich dem Lärm der ausgelassenen Lehrer. Sommerferien, das brauchen sie jetzt. Es war ein gutes Jahr, die meisten Ziele wurden erreicht, die meisten Schüler versetzt. Die Aussicht auf den langen Sommer lässt die Lehrer vergessen, dass nach sechs Wochen alles wieder von vorn beginnt.

Boerhaeve spricht mit dem Gör. Die Kamera baumelt vor ihrem Bauch. Boerhaeve streckt den Arm. Das Mädchen zuckelt zum hinteren Teil des Zimmers und drückt mit theatralischer Kraftanstrengung die kleinen Fenster auf.

Boerhaeve lächelt immer noch. Gleich ist es Zeit für seine Sommeransprache. Zimmerman weiß, dass er dieses Jahr ausführlich zur Sprache kommen wird. Er trinkt zwei große Schlucke Wein. Der fade Sahnegeschmack ist endlich weg. Auf der Torte steht noch: DANK.

Boerhaeve hebt die Hand. Zimmerman lacht und nickt. Boerhaeve wedelt überschwänglich mit einem Blatt Papier. Zimmerman leert sein Glas.

Er denkt einen Moment an Daniël. Hätte er ihn einladen sollen? Er versucht sich vorzustellen, dass Daniël neben ihm steht. Die schwarze Jacke um die Schultern, das Haar vor den dunkelbraunen Augen, in der Hand eine Schachtel Zigaretten, die er ruhelos öffnet und schließt. Daniël mag inzwischen doppelt so alt wie das Gör sein, viel ist davon nicht zu merken. Er hätte die Torte ausgeschlagen und ohne Skrupel Bier verlangt. Boerhaeves Wichtigtuerei hätte er missbilligend verfolgt und die Geschichtslehrerinnen in eine endlose Diskussionen über Wohl und Weh der französischen Gänse verwickelt, auch wenn ihn das Thema nie besonders interessiert hat.

Daniël hält sich nicht an die Konventionen, das ist sein Problem. Wie oft hat Zimmerman nicht versucht, seinem Sohn die Bedeutung korrekter Umgangsformen näherzubringen? Aber den Wert eines freundlichen Lächelns oder einer naheliegenden Frage hat Daniël bis heute nicht eingesehen.

Boerhaeve klopft mit einer Kuchengabel an sein Glas. Er trinkt Cola, wie seine Schüler. Eine ungeduldige Stille füllt das Lehrerzimmer. Nach Boerhaeves Ansprache beginnen die Ferien erst wirklich.


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© Ilja Keizer

Karolien Berkvens (1986) studierte Theater an der Universität Amsterdam und schrieb verschiedene Theaterstücke. Sie wohnt und arbeitet in Berlin. Die Stunde von Zimmerman ist Karoliens Debütroman.

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