Warum wir Krautreporter auf einer fast hundert Jahre alten Maschine drucken

Krautreporter ist ein Magazin für das digitale Zeitalter. Wir lieben das Internet. Erst der digitale Kommunikationskanal zu unseren Mitglieder ermöglicht es uns, anders Journalismus zu machen.

Aber nun haben wir einen Plan, der nicht zu einem durch und durch digitalen Medium passt — auf den ersten Blick zumindest. Wir planen etwas Altmodisches, Unzeitgemäßes, Antiquiertes. Wir drucken eine Zeitungsausgabe mit einigen der besten Artikel von Krautreporter. Wir tun das wie in den Zwanzigerjahren, in Handarbeit mit schwarzer und roter Druckfarbe auf einer uralten Maschine.

Warum sollte ein digitales Magazin das tun? Glaubt auch die Krautreporter-Redaktion, dass echte journalistische Qualität sich erst auf bedrucktem Papier wirklich entfaltet? Ist das digitale Veröffentlichen nur aus der Not heraus geborener Pragmatismus, ein Trick, um billiger zu publizieren? Wünschen wir uns in Wahrheit zurück in die übersichtliche und sorgenfreie Zeit des Monopols der Zeitungen und Magazine?

Von wegen. Digitales Publizieren und eine Druckausgabe passen ganz wunderbar zusammen. Ich möchte das erklären und die Gelegenheit nutzen, ein Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Krautreporter als Projekt wollte die “alten Medien” nie ablösen, ersetzen, zerstören. Stattdessen kritisieren wir ihren Zustand, ihre Produktionsbedingungen, den Verlust ihrer Ideale. Wir wollen zurück zu einem Zustand, in dem Journalismus seine Versprechen halten konnte: Verstehe die Zusammenhänge.

Forscher vom Reuters Institute der Universität Oxford analysieren, die neuen journalistischen Gründer seien keine digitalen Revolutionäre, sondern journalistische Reformisten oder sogar Restauratoren, die zeitgenössische Technologien nutzen, um ihren Journalismus zu machen, zu verbreiten und zu finanzieren: “Sie legen ein klares Bekenntnis ab zu einer Vision von Qualitätsjournalismus, wie wir ihn aus dem zwanzigsten Jahrhundert kennen. Ihre Kritik an den alten Medien ist nicht, dass diesen eine Vision fehlt, sondern dass sie sie nicht umsetzen.”

Erik Spiekermann

Genau. Wir machen im Journalismus Vieles neu, um das Alte zurückzugewinnen: Ruhe, Unabhängigkeit und Vertrauen. Diese professionelle Gelassenheit und handwerkliche Qualität verkörpert die tonnenschwere Johannisberger Schnellpresse von 1924, auf der vor 90 Jahren (wahrscheinlich) die Weltbühne gedruckt wurde, eines der wichtigsten Blätter der Weimarer Republik, die Zeitung Kurt Tucholskys. Die Idee zur Druckausgabe stammt von Krautreporter-Mitglied Erik Spiekermann, dem bekanntesten deutschen Designer und Schriftgestalter, der sehr gut versteht, worum es uns eigentlich geht. “Die geht auch in den nächsten hundert Jahren nicht kaputt”, sagt er. “Das Metall hält. Aber was kaputt geht, ist das Wissen. Ich kann noch setzen und drucken, aber dieses Handwerk stirbt aus.”

Würde das alte Handwerk des Journalismus Geräusche machen, es klänge wie das Schnaufen der pneumatischen Arme der Johannisberger, die einzelne Papierbögen vorsichtig in Richtung der mit Farbe bestrichenen Walzen führt. Jedes falsche Komma machte den Schriftsetzern die Arbeit schwer. Jeden einzelnen Buchstaben setzten sie aus Blei neu. Jedes Zeitungsexemplar müssen Erik und seine Drucker einzeln und von Hand herstellen, mit Geduld und Ruhe. Eine doppelt hohe Auflage bedeutet doppelt lange Produktionszeiten. Da skaliert nichts.

Fotos: Norman Posselt

Zeit für solche Sorgfalt ist selten geworden. Ich gestehe, auch bei Krautreporter haben wir sie noch nicht in ausreichendem Maß (fragen sie mal meine Reporterinnen und Reporter). Aber dahin wollen wir zurück, das ist das Ziel, dem wir schon um einiges näher gekommen sind. Immer nach vorn, mit den alten Werten eines wichtigen Berufs.

Was anders ist als damals: Wir sind nicht allein. Wir arbeiten am Fortschritt gemeinsam mit unseren Mitgliedern, die an unsere gemeinsame Idee glauben und ihr Wissen, ihr Wohlwollen und ihre Hilfe anbieten. Und die sogar Geld zahlen, um die Mission dieses neuen, alten Journalismus zu verwirklichen.

Liebe Mitglieder, in ein paar Wochen haltet Ihr — wenn ihr mögt — ein Exemplar dieser Zeitung in Händen. Vielleicht wird die Farbe etwas an Eure Finger abfärben. Ihr könnt ein paar Stunden mit ihr verbringen, sie zerknittern, vergessen, archivieren oder an die Wand hängen. Oder Ihr könnt ganz wie früher die Fische darin einwickeln.


Unser Dank an Erik Spiekermann, Art Director Thomas Weyres für die Gestaltung der Zeitung, Christoph Koch für die Redaktion, Norman Posselt für die Fotos der Druckmaschine, Infographics Group für eine spektakuläre Datenvisualisierung in der fertigen Zeitung, und schließlich: der Krautreporter-Redaktion. Und vorneweg allen KR-Mitgliedern.

Mehr zum Projekt: ein Interview mit Erik Spiekermann