Kevin lernt Bitcoin. Denn wenn Kevin es versteht, kann es jeder verstehen!

Ruben Moor
Sep 26, 2017 · 7 min read
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TL:DR Auch nach sieben Jahren ist Bitcoin für viele immer noch Neuland. Ich erkläre heute die Grundidee von Bitcoin. Spoiler: Es geht nicht darum, schnell viel Geld zu verdienen.

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Warum gerade Kevin?

Ich habe schon meiner Mutter Bitcoin erklärt, musste aber beim Erklären der technischen Details Kompromisse eingehen. Dies ist der erste Artikel einer Erklär-Serie. Ich werde auf einem allgemein verständlichen Niveau bleiben, aber nach und nach auch technische Aspekte erläutern.

Im Rahmen der Serie werde ich die Blockchain verständlich machen und zur Krönung widmen wir uns später Altcoins mit ihren besonderen technischen Finessen.

Was soll denn Bitcoin eigentlich?

Eine sehr gute Frage, Kevin. Vergessen wir erst einmal die technischen Details und widmen uns der Grundidee hinter Bitcoin. Das kommt nämlich häufig zu kurz und ganz ehrlich — wen interessiert schon Elliptische-Kurven-Kryptografie?

2008 ist das Bitcoin White Paper aufgetaucht. Das kann man mal lesen. Seit Januar 2009 existiert außerdem die Open-Source-Software Bitcoin Core frei herunterzuladen für jeden, der bei Bitcoin mitmachen will.

lnzwischen gibt es viele Services für den Bitcoin-Nutzer, sodass der sich nicht mehr mit dem Original Bitcoin Core auseinandersetzen muss.

Für die Programmierer: Bitcoin Core ist leider Gottes aber der De-facto-Standard
bzw. die Referenzimplementierung von Bitcoin und zwar in der zukunftssicheren Programmiersprache C++.

Am Anfang, d.h. 2009, konntest du also Bitcoin Core herunterladen und eigene Bitcoins schürfen. Bei Bitcoin nennt sich das “Mining”. Irgendwo ist das so, wie die Coins, die du beim World-of-Warcraft-Zocken verdienst, letztlich Geld, das erst einmal in seinem eigenen Universum existiert — ohne Bezug zur realen Welt und also auch ohne Gegenwert.

Du darfst aber davon ausgehen, dass Bitcoin-Besitzer untereinander Bitcoins versenden = Transaktionen machen, und weil das ganze online passiert, sind Transaktionen prinzipiell

  • fast kostenlos
  • potenziell so schnell wie eine E-Mail
  • unabhängig davon, wo du dich auf der Welt befindest
  • unabhängig von der Hochfinanz, Wolfgang Schäuble und Falk, der dir immer alles wegnimmt

In den ersten Tagen wurde wohl mal eine Pizza mit Bitcoins bezahlt, warum auch nicht?

Und was bringt das jetzt? Hab auch schon mal ne Pizza mit WoW-Coins bezahlt.

Ist doch super. Es spricht nichts dagegen, Sachen in der realen Welt mit World-of-Warcraft-Coins zu bezahlen. Nur wenn man das mal zu Ende denkt vielleicht. Der Besitz von WoW-Coins ist irgendwo riskant. Die Admins von World-of-Warcraft können dir jederzeit alles abnehmen, was du mühsam geschürft hast, und sich selber beliebig viele Coins erzeugen. Aber auch wenn die Admins cool sind, die können auch von Regierungen gezwungen werden, deine Coins zu pfänden.

Oder der Handel mit WoW-Coins wird reguliert oder verboten. Außerdem können die WoW-Server attackiert werden — ich hab also die Sicherheit nicht selbst in der Hand. Insgesamt würde mir bei WoW-Coins ein transparentes Konzept fehlen, wie die erzeugt und verteilt werden und wie der Werterhalt in Zukunft sichergestellt ist. Nicht dass irgendein Programmierer da was ändert und meine Ersparnisse verpuffen!

Lass mich raten! Bitcoin ist also anders als WoW-Coins?

Richtig! Nun komm ich zu den Unterschieden. Inwiefern die ausschlaggebend sind, muss sich zeigen. Der Name von Bitcoin ist kein Zufall, es gibt ein paar Analogien zu BitTorrent, einem Protokoll um dezentral Dokumente im Internet zu verteilen. Nämlich:

  • Die Software Bitcoin-Core ist eine Open-Source-Client passend zum Bitcoin-Protokoll, so wie qBittorrent ein Open-Source-Client für das BitTorrent-Protokoll ist.
  • Jeder, der Bitcoin-Core auf seinem PC laufen hat, ist ein Node im Bitcoin-Netzwerk und alle Nodes sind gleichberechtigt. Es gibt keine Admins und keine Server (praktisch stimmt das leider nicht ganz, erklär ich unten).
  • Es gibt keine Firma, die hinter dem ganzen steht, und keinen zentralen Angriffspunkt, weder für Hacker noch für die Verbrecher in den Regierungen.
  • Ein Verbot von Bitcoin an sich wäre — wie ein Verbot von BitTorrent — praktisch folgenlos. Letztlich wird immer nur die illegale Nutzung verboten, was für ehrliche Menschen natürlich schon abschreckend genug ist.

lch hab mal das Wort Blockchain gehört

Das ist schön, Kevin. Eine wichtige Sache bei Bitcoin ist: Die Information, wer wie viele Coins besitzt, ist in einer Datenbank gespeichert. Weil das keine gewöhnliche Datenbank ist, verdient die einen eigenen Namen: Blockchain = Kette von Blöcken. Das ist aber ein Thema für später. Jetzt ist wichtig, dass jeder Node die gesamte Blockchain hat und somit die gesamte Information aller getätigten Transaktionen.

Das bedeutet auch: Wenn im Dritten Weltkrieg sehr viele Computer vom Netz gehen, kann man das Bitcoin-Netzwerk immer relativ problemlos wiederherstellen. Prinzipiell reicht dafür ein einziger PC aus! Man sagt: Bitcoin ist dezentral.

Find ich jetzt noch nicht so wirklich weltbewegend.

Ansichtssache. Bitcoin ist schon eine Art Revolution. Du erinnerst dich noch an die Zeiten, wo Filesharing gerade neu war, oder? Man kann sagen: Filme, MP3s, Bücher, PC-Spiele — einmal getorrentet — sind kein knappes Gut mehr, weil kopieren so einfach ist — was nicht alle Menschen freut. Bei Wikipedia und der Open-Source-Bewegung liegen die Vorteile aber auf der Hand. Wir leben in einer Welt, wo für gewisse Dinge Knappheit aufgehoben ist, dank des Internets.

Umgekehrt ist es aber sehr schwierig, im Internet Knappheit zu haben, selbst wenn man es eigentlich will — alles kann so einfach kopiert werden! Die Blockchain ist gewissermaßen die Antwort darauf. Bitcoins sind ein virtuelles knappes Gut und es ist praktisch unmöglich, Bitcoins zu kopieren wie eine MP3. Der Fachterminus für “Kopieren” von Bitcoins heißt Double Spending — es ist unmöglich denselben Bitcoin mehrmals auszugeben.

Und weil die maximale Anzahl der Bitcoins begrenzt ist, steigt der Wert einzelner Bitcoins an, sobald mehr Leute Interesse bekommen und dabei sein wollen und etwas von dem virtuellen, knappen Gut abhaben wollen.

Aha. Na und?

Kevin! Es ist inzwischen ein komplettes Ökosystem entstanden parallel zu Euro, US-Dollar und Yuan, wo Menschen mit Bitcoin bezahlen. Betrachte das als Experiment: wenn die Hochfinanz versagt, deine Euro weginflationiert sind, deine Aktien nur noch Papierwert haben und dein Gold geklaut wurde, bist du vielleicht happy über deine Ersparnisse in Bitcoin oder einer anderen Kryptowährung. Und wenn du online Grass oder Handgranaten kaufen willst: Bitcoin macht’s möglich.

lch zahl außerdem in meine staatliche Rentenversicherung ein

Jaja. lch will ehrlich sein, es gibt mit Bitcoin auch ganz reale Probleme. Deshalb hier mal die typischen Einwände und meine Meinung dazu.

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Bitcoin ist nicht wirklich dezentral!

Stimmt, das hab ich auch gehört.

Komm Kevin, lass gut sein. Richtig, es gibt zwar keine Admins, aber Bitcoin ist lange nicht so dezentral wie es den Anschein hat. Nodes zu betreiben lohnt praktisch nicht und das Mining liegt in der Hand einer Gruppe von Minern, die im großen Stil in spezialisierte Hardware investieren. Über diese Miner ist Bitcoin letztlich auch politischem Einfluss ausgesetzt.

Meine Bitcoins sind alle weg!

Ein reales Problem: Der Umgang mit Bitcoins ist gewöhnungsbedürftig und wenn ich keine geeigneten Sicherheitsvorkehrungen treffe und beispielsweise mein Passwort verliere, gibt es niemanden, den ich anrufen kann, um meine Bitcoins zu recovern.

lch kann mir noch nicht mal mein E-Mail-Passwort merken, LOL

Am besten, man schreibt sich Passwörter auf bzw. benutzt gleich ein sogenanntes Paper-Wallet. Da sind die Bitcoins dann offline und sicher. Man kann natürlich auch Services vertrauen, die dann Passwortwiederherstellung per E-Mail erlauben.

Der Kurs von Bitcoins ist mir viel zu wackelig, das kann ich nicht ernst nehmen

Du meinst volatil!

Respekt, Kevin! Ich würde sagen, der Einwand ist teilweise berechtigt. Wer kein Nerv für Kursschwankungen hat, für den ist Bitcoin wohl nichts. Meiner Meinung nach nimmt Volatilität aber mit zunehmender Liquidität ab: Je mehr Leute handeln, desto stabiler der Kurs.

Deswegen gibt es ja für Euro und so Zentralbanken, die steuern das mit …

Ja Kevin, das ist die offizielle Propaganda. Liest du etwa die Zeit? Mir ist der langfristige Werterhalt wichtiger und deswegen will ich neben Euros zumindest einen gewissen Anteil meiner Ersparnisse in Bitcoin haben.

Bitcoin ist was für Terroristen

Das ist nun Quatsch. Klar ist Bitcoin super geeignet für Terroristen, aber wir wissen inzwischen, dass Terroristen ganz normale Dollar-Konten bei der HSBC haben. Die brauchen gar keine Bitcoins. Und um einen Lkw zu klauen, braucht man auch keine Bitcoins. Regierungen werden wohl kritisch gegenüber Bitcoin bleiben und sich im Zweifelsfall für keine Ausrede zu schade, also werden wir das Terrorismusbekämpfungsargument wohl noch häufiger hören.

lch hab neulich bei dir im Zimmer eine Tüte mit Bitcoins gefunden, das waren aber in Wirklichkeit diese Schokotaler.

Geh ins Bett jetzt!

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Dies ist der erste Artikel einer Serie zum Thema Kryptogeld. Jede Form von Rückmeldung ist herzlich willkommen, auch Anregungen und Kritik in jeder Form. Das Format soll geeignet sein, interessierten Neulingen mit und ohne technischem Vorwissen den Weg in die Kryptowelt zu erleichtern.

Aus der Serie Kryptogeld verstehen

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