Bilder Deiner großen Liebe

Mein Eindruck von Wolfgang Herrndorfs Roman Fragment aus dem Nachlass

Zuerst habe ich gedacht, es war wohl ein Fehler, in meiner Rezension von „Arbeit und Struktur“ vom Vermächtnis Wolfgang Herrndorfs geschrieben zu haben. Denn jetzt kommt noch etwas hinterher. „Bilder deiner großen Liebe“ ist ein fragmentarischer Roman-Entwurf mit einer Protagonistin aus dem Roman „Tschick“ namens „Isa“. Eigentlich sollte dieses Buch gar nicht erscheinen — die Nachlassverwalter haben sich aber für eine Veröffentlichung entschieden und begründen dies auch in einem ausführlichen Nachwort.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist während der Arbeit am Weblog entstanden, immer im Bewusstsein, dass es nie fertig werden würde. Herrndorf schreibt gegen Ende seines Blogs und seines Lebens, wie er nicht mehr weiterkommt. Man kann dieses Fragment auf zweierlei Art und Weise lesen. Als Ergänzung zu „Tschick“ oder als Versuch, ein letztes Werk jenseits des alles bestimmenden Kampfes gegen den Tod, jenseits des alltäglichen Versuchs „Arbeit und Struktur“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, zu erschaffen. Ich befürchte, dass letztere Lesart dominieren wird.

Dieses Fragment hat nicht die Bedeutung wie andere große Fragmente der Literaturgeschichte. Es ist die Welt aus der Sicht von „Isa“, dem Müllmädchen und seiner Sicht auf die Welt. Realität und Traum verschwimmen. Isa weiß so oft nicht, ob sie verrückt ist oder einem vernünftigen Gedanken nachjagt. Eine Situation, die Herrndorf so oft in „Arbeit und Struktur“ beschreibt.

Als Isa in den Himmel schaut und über Endlichkeit oder Unendlichkeit nachdenkt, kommt sie zu einer Erkenntnis: „Im einen Moment denkt man, man hat s. Dann denkt man wieder, man hat es nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dreht er sich unendlich im Kreis, und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr rauskommt, ist man wieder verrückt. Weil man etwas verstanden hat.“

Herrndorf hat die Ausweglosigkeit seiner eigenen Gedanken, die um das nahe Ende kreisten, literarisch etabliert. In einer Protagonistin, die unfertig ist. Die Unfertigkeit aber ist Grundlage von Naivität. Naivität ist die natürlichste Form der Neugier. Und mit Neugier beschreibt man die Welt am besten. Isa ist Naivität — nicht aus Unwissenheit, sondern geboren aus der Unfertigkeit von nahender Verzweiflung.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist sehr lesenswert. Je nachdem, aus welcher der beiden Sichtweisen sie an das Werk von Herrndorf herangehen wollen: lesen sie „Tschick“ und dieses Buch als Ergänzung. Oder „Arbeit und Struktur“. Oder alles drei. Und überhaupt — wenn da noch mehr kommt, die Korrespondenz von Herrndorf mit den Menschen, die nahe an ihm dran waren vielleicht. Oder eine Biographie irgendwann, ein Bildband, eine Dokumentation — nun, es ist in jedem Fall eine Bereicherung.