Die Dystopie ganz nah

Es gibt sicher amerikanische Schriftsteller, die wissen nicht, wer Günter Grass ist. Dave Eggers gehört nicht dazu. Er ist 2009, als Günter Grass mit seinem Israel-Gedicht für großes Aufsehen gesorgt hat, nicht zur Verleihung des von Grass gestifteten „Albatross-Literaturpreises“ nach Deutschland angereist. Er wollte nicht in den Sog dieser damals heftigen Diskussion hineingeraten. Egal, was man davon halten mag: Dave Eggers ist ein Beobachter. Wie präzise er die Welt beobachtet wird in seinem Werk „Der Circle“ deutlich. Das Buch sei eine Dystopie in der Tradition von Orwell und Huxley — so die Werbung. Nun, das stimmt nicht ganz …

Von Peter Killert.

Das Buch wird derzeit „gehyped“. Eine heftige Medienmaschinerie wurde angeschmissen. Alle großen deutschen Zeitungen berichten über „Der Circle“ von Dave Eggers. Es ist das Buch unserer Zeit. Ein Hype schürt auch die Vorurteile, denn ein gutes Buch braucht keinen Hype. Ohne Vorbehalte an dieses Buch heranzugehen, war daher auch für mich schwierig. Um es vorwegzunehmen: das Buch sollte schleunigst verfilmt werden und auch die Menschen erreichen, die dieses Buch gar nicht erst lesen werden. Um genau diese Menschen geht es. Solche, die die „Work-Life-Balance-Scheiße“ so sehr verinnerlicht haben, dass sie zu unmündigen Menschen geworden sind. Das Buch spielt in einer nahen, ganz nahen Zukunft. Mae hat einen Traumjob ergattert. Mit Hilfe ihrer alten WG-Mitbewohnerin Annie. Sie arbeitet jetzt beim „Circle“, dem größten, mächtigsten Unternehmen, dass die anderen globalen Player der Internetwelt aufgekauft hat. Für Mae ist es ein grandioser Aufstieg. Vom finsteren Büro aus der Verwaltung eines Stadtwerkes hin in das Zentrum des wichtigsten Unternehmens der Welt. „Der Circle“ hat die Technik von Google und die Archive von Facebook gekauft. Das Leben seiner Angestellten ist transparent. Wie auch der „Campus“. Dank der gläsernen Büros, der transportablen Webcams, die nahezu jeden Ort, jeden Moment festhalten, was dort geschieht, gibt es nichts Privates mehr. Mae, die schnell Kontakt zu einem Kollegen fast, wird vorgeführt, als sie ungewollt bei einer Keynote zum Prototypen für ein neues Modul einer Kontaktbörse wird. Eggers konstruiert die Geschichte sehr geschickt, in dem er analog zum Circle, der maßgeblich von drei Firmengründern gesteuert wird, auch in Mae´s Leben drei Ebenen aufbaut, von denen die berufliche Ebene des „Cirlce“ allmählich die der Realität und die des Traumes durchdringt und nahezu auflöst. Mae flüchtet in ihren Sport, dem Kajakfahren, bei dem sie ganz alleine sein kann. Aber auch hier dringt der Circle ein. Die brutale Realität durch die Krankheit ihres Vaters — er leidet an Multipler Sklerose — wird durch den Gesundheitswahn des Circle, der alle Vitalwerte eines Menschen zur Optimierung überwacht, konterkariert. Einige Rezensenten fanden die Lektüre langweilig. Weil nichts passiert. Oder zu wenig passiert. Ich sehe das anders. Denn dass nicht wirklich etwas passiert, kann man dem Buch nicht vorwerfen, sondern lediglich seinem Thema. Social Media ist belanglos, denn es ersetzt den sozialen Kontakt. Alles, was Menschlichkeit ersetzt, ist belanglos. Wer sich aber in Mae hineinversetzt, der dürfte die tiefe Zerrissenheit der Protagonistin spüren. Vier Monitore hat Mae ständig um sich. Sie muss Kundenanfragen beantworten, die Anweisungen ihres Chefs im Auge behalten, die Anfragen der neuen Mitarbeiter koordinieren und — das ist besonders wichtig — sie muss teilen, teilen, teilen. Und wenn sie mal die Einladung zu einem Treffen, ausgelöst von einem Kollegen, den sie persönlich zuvor gar nicht kennengelernt hat, gar nicht über den Social Stream des Circle wahrgenommen hat — der Kollege hat sie nur ausgewählt, weil sie beiläufig mal etwas in einem Kommentar erwähnt hat, was zum Thema des Meetings passte — dann steht prompt ihre berufliche Existenz auf dem Spiel. Und wehe, sie hat ihr Smartphone nicht dabei. Innerhalb von Minuten und wenigen verpassten Follow-Ups verschwinden ganze Freundschaften.

Dave Eggers (c) Kiwi-Verkag

Die Endzeitstimmung in „Der Circle“ ist im Gegensatz zu Orwell eine, die aus den Menschen selbst herauskommt. Die Menschen sind fremdgesteuert durch ihr eigenes Kollektiv. Der BigBrother von Orwell wurde durch die stringente Fehlleitung des Individuums in seiner eigenen Unmündigkeit ersetzt. Gesteuert wird der Mensch durch seinen Drang, etwas Wichtiges sein zu wollen. Und durch die irrige Annahme, dass sich der Wert eines Menschen durch seine virtuellen Kontakte und durch virtuelle Anerkennung bemessen ließe. Ein schnelles Aufsteigen in der Hierarchie, versüßt durch sündhaft teuere Werbegeschenke und Produkte, die die Mitarbeiter des Circle als Erste bekommen — diese materialistische Anerkennung betäubt den letzten Rest von Individualität, indem sie letzte Zweifel aushebelt. Der in die „Work-Life-Balance“ integrierte Individualkonsum greift die armseligen Bestände menschlicher Würde an. Eggers folgert sehr richtig, dass dieses individuelle Fehlverhalten existenzbedrohend ist. Für den Einzelnen und für das Kollektiv. Aber hat dieses Buch das Zeug zu einem Kultbuch? Das lässt sich nicht abschließend beurteilen. Ich tendiere zu einem „Nein“. Nicht, weil das Buch schlecht wäre oder langweilig — der Unterschied zu Orwell ist ganz einfach. Eine Dystopie basiert auf Ausweglosigkeit. Der Circle ist lediglich eine egomanische Momentaufnahme. Auch wenn ich Eggers Position teilen würde und seine Zukunftsvision für sehr wahrscheinlich halte — das Durchschauen eines Unternehmen, dass Mitarbeiter mit kostenlosen Benefits ködert und dessen „Campus“ nur die Dynamik der Jugendlichkeit repräsentiert, wird sich verstärkt mit ethischen und demographischen Fragen konfrontiert sehen. Mit der Realität also. Die Virtualität wird niemals die Realität ersetzen, sie wird sie blass und belanglos übertünchen. Denn Leben, als gäbe kein Morgen, geht in 1984. Bei Orwell nämlich, ist die Unmündigkeit die Folge der Kontrolle. Bei Eggers ist sie die Grundlage. Ich glaube nicht, dass die Dummheit passiv dem Menschen zugewiesen wird. Weder dem Individuum, noch dem Kolletiv. Der Mensch entscheidet sich heute bewusst für seine eigene Unmündigkeit. Im Circle aber hat die menschliche Dummheit von Anfang an gewonnen. Wäre dies eine reale Option, dann hätte niemand dieses lesenswerte Buch wahrgenommen. Dumme Menschen lesen keine Bücher. Hype hin oder her.