Die Kunst des Erich Fromm

Meine letzten beiden Urlaube habe ich mit einem Buch von Erich Fromm begonnen. Im November habe ich „Haben oder Sein“ gelesen. Jetzt, wenige Wochen später, „Die Kunst des Liebens“. Ich bin auf Erich Fromm durch eine Rezension einer Booktuberin gestoßen. Fromms Werk ist an mir bisher gänzlich vorbeigegangen. Ein großes Versäumnis.

Von Peter Killert.

Es gibt einige Intellektuelle, die Fromm belächeln. Das soll angeblich an einem Zerwürfnis zwischen ihm und Theodor Adorno liegen. Adorno, einer der führenden Intellektuellen der Nachkriegszeit in Deutschland hatte wohl ein großes Interesse, dass seine „Frankfurter Schule“ tonangebend sein sollte. Schaut man in die Lehrpläne der Universitäten wird man kaum Lehrveranstaltungen zu Erich Fromm finden. Das hat vermutlich einen ganz einfachen Grund: Fromm ist nicht intellektuell genug. Jenseits von verklausulierter Fachsprache und stattdessen mit einem auffällig geringen Anteil an Fremdwörtern, ist wohl der Anspruch, einfach zu schreiben, eines der Merkmale der Texte von Erich Fromm. Ernsthaft — die Texte von Fromm eignen sich vorzüglich als Einstiege in Soziologie, Psychologie und Philosophie. Denn sie sind sehr verständlich geschrieben.

Nichts gegen Fachsprache, nichts gegen intellektuellen Tiefgang. Aber gerade die Philosophie hat mit einer nicht immer gehaltvollen Fachsprache zu ihrer Herabwürdigung in der alltäglichen Wahrnehmung beigetragen. „Transzendenz“ oder „Metaphysik“ haben einen beinahe albernen, esoterischen Nachklang. Wie wichtig aber eine exakte Definition (wobei man sich dabei an Kant halten sollte) wäre, zeigt sich in den philosophischen Aspekten von Fromms Texten. Zum Beispiel legt er die Herkunft des Begriffes „Liebe“ in „Die Kunst des Liebens“ verständlich dar. Es gipfelt in der Bezeichnung „transzendieren“, also einer typisch menschlichen Eigenart, sich mit seiner Rolle als Kreatur in der Welt nicht zufrieden zu geben. Fromm ist meines Wissens nach der einzige Geisteswissenschaftler, der diese Eigenart sogar als Grundbedürfnis des Menschen definiert. Aus verschiedenen Formen der Liebe und auch ihrer Irrungen definiert er letztlich die Kunst des Liebens als ein Handwerk, dem der Mensch alles unterzuordnen im Stande ist, das ohne die komplette Ausbildung der eigenen Persönlichkeit scheitern muss und das nichts mit rein körperlichem Verlangen oder pervertiert transzendiertem Lieben, z.B. in überzogener Religiosität, zu tun hat.

Da möchte der Leser gerne mehr erfahren. Ich für meinen Teil weiß bereits mehr und kann sagen, dass Fromm, der von Intellektuellen belächelt wird, hier nichts falsch macht. Wenn er Bezüge zu Kant herstellt oder anderen Denkern, mit denen ich ich ganz gut auskenne, dann sehe ich hier keine handwerklichen Fehler, die man ihm anlasten könnte.

Was Fromm besonders gut gelingt, ist die strikte wissenschaftliche Herangehensweise. Alle seine Argumentationen sind im strengen Sinne logisch aufgebaut. Lediglich seine Einschätzungen über artverwandte Denker und ihre Fehler müssen wir als einfache Leser hinnehmen. Uns wird schlicht die Zeit fehlen, hier in die Tiefe gehen zu können. So unterstellt er einigen Denkern wesentliche Fehler in ihren Theorien — wir müssen das mal so hinnehmen obwohl es möglich ist, dass diese Beiträge zur Geisteswissenschaft an sich vielleicht auch allzu oft uminterpretiert wurde.

Herausragend an seinem Text „Haben oder Sein“ ist seine unglaubliche Weitsicht. Dieser Text aus den 70er Jahren ist aktueller denn je. Ausgehend von einer sprachlichen Analyse, die sehr deutlich zeigt, wie das „Haben“ statt dem „Sein“ auch in der Sprache Einzug gehalten hat, zeigt Fromm, wohin eine Gesellschaftsform führt, die strikt auf Besitz ausgerichtet ist. Die Wahrhaftigkeit von „Sein“ geht verloren, muss verloren gehen. Die notwendige Entschleunigung, die Zerstörung der Ressourcen, die Entfremdung, ja, die Entsozialisierung der Menschen — Fromm hat das alles erkannt und mit einfachen Argumentationen dargelegt. Er fordert den Leser, aber er überfordert ihn nicht.

Fromm wandelt sicher durch Beispiele der Weltgeschichte — man kann wirklich nicht sagen, welcher Geisteswissenschaft dieser Text als Grundlage dienen kann. Soziologie, Psychologie, Philosophie. Nun, wer sich mit einer dieser Wissenschaften eingehender beschäftigt, wird bei Fromm grandiose Einführungen finden.

Eine Sache ist mir bei der Lektüre von „Die Kunst des Liebens“ besonders in Erinnerung geblieben. Fromm geht mit Sigmund Freud hart ins Gericht. Er unterstellt ihm einen massiven Fehler. Dieser Fehler ist bis heute in den Köpfen von vielen Menschen eingepflanzt. Das erlebe ich selbst, wenn ich mit diversen Menschen über dieses Thema diskutiere. In den letzten Jahren gibt es einige Feministinnen (allen voran Laurie Penny), die in ihre Weltsicht ein reformiertes, aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen folgendes Bild von Sexualität mit einbauen. Aus meiner Sicht fängt der Feminismus damit erst an, ein solcher zu sein, denn Freud und auch die Feministinnen der ersten Stunde haben einen Fehler gemacht — sie haben Sexualität komplett männlich definiert. So hält sich bis heute in alltäglichen Diskussionen die Auffassung, die männliche Sexualität sei eine andere als die, der Frauen. Das ist Unsinn. Erich Fromm leitet dieses Erkenntnis aus seiner Lektüre von Freud selbst ab.

Was man Fromm in diesem Zusammenhang vielleicht ankreiden muss: er argumentiert sehr plakativ. Sein Rollenbild wirkt sehr antiquiert — seine Schlussfolgerungen ebenso. Aber man mag es ihm nachsehen. „Die Kunst des Liebens“ wurde in den 50er Jahren publiziert. Heute würde er vermutlich anders argumentieren.

Fazit: Lesen Sie Erich Fromm, wenn sie mal etwas anspruchsvolles Lesen möchten. Als universalen Einstieg in jegliche Geisteswissenschaft.