“JOBS” — Oder: Kann Ashton Kutcher wirklich schauspielern?

Ich schaue mir ja diese ganzen SitComs grundsätzlich nicht an. Kutcher soll ja jetzt bei “Two and a Half Men” diesen Charlie Sheen ersetzt haben — egal, das lässt mich kalt. Als ich aber gehört habe, dass Kutcher Steve Jobs in einer Verfilmung seiner Biographie spielen würde, war ich skeptisch. Allerdings waren die ersten Fotos, die ihn in der Rolle zeigten durchaus vielversprechend. Jetzt, wo ich den Film gesehen habe, fällt das Urteil eindeutig aus: Kutcher kann schauspielern. Sehr gut sogar.

Von Peter Killert.

Man kann über Apple denken, was man will. Fakt ist, dass Steve Jobs und Steve Wozniak den Heimcomputer erfunden haben. Es gab viele andere Pioniere, viele andere Ansätze — aber das Technik-Genie Wozniak und der Visionär Jobs haben eine Entwicklung in Gang gesetzt, die bis heute anhält. Man kann darüber streiten, auf welchen Sockel man Jobs hebt. Diesem Film und auch der ihm zugrunde liegenden Biographie von Isaacson zu unterstellen, Jobs werde hier zum unantastbaren iGOD stilisiert, ist Unsinn. Sowohl die geschriebene Biographie als auch die Verfilmung zeigen ein sehr differenziertes Bild von Jobs. Auf dem Campus läuft er barfuss herum, ist für seine fehlende Körperpflege berüchtigt. Ein Frauenheld, der seine Freundin sitzen lässt, als sie schwanger ist und mit Freunden kurzen Prozess macht, wenn sie nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Dann wieder wird er zum Sensibelchen — weinend kehrt er in die Garage zurück, dort wo alles anfing — kurz zuvor hat man ihn aus seiner eigenen Firma rausgemobbt. Jobs war keinesfalls ein unfehlbares Genie — menschlich eher schwierig, trotz Reifeprozess. Jedenfalls hat er den Heimcomputer erfunden und mit dem Macintosh 1984 die unfreiwillige Blaupause für Microsoft geliefert. Die Erfindung des iPods und die damit verbundenen Paradigmenwechsel der Medienlandschaft gehören ebenfalls zu seinem Vermächtnis. Und zumindest hat er einen großen Anteil an dem, was wir Smartphone nennen. Der Film beginnt mit einem Auftritt von Jobs im Jahr 2001, bei dem er den ersten iPod vorstellt. Das war vier Jahre nach seiner Rückkehr zu Apple. Dann geht der Film zurück in das Jahr 1974. Jobs gelingt es, zusammen mit seinem Kumpel Steve Wozniak, das Spiel “Breakout” in Rekordzeit für Atari zu produzieren. Nach einer spirituellen Reise nach Indien treffen sich “Woz” und Jobs erneut. Als Wozniak dann das erste Computerboard für einen Fernseher demonstriert, erkennt Jobs das Potenzial. Der Apple 1 wird als Bausatz verkauft — wer heute einen solchen besitzt und ihn verkauft, hat ausgesorgt. Der Apple 2 wird dann der erste maschinell produzierte Heimcomputer und nimmt das vorweg, was später Commodore und Atari kopieren. Der Film zeigt dann den Niedergang und den großen Fehler von Jobs, als er 1983 John Sculley, Chef bei Pepsi, zu Apple holte. Die Marketing-Strategie von Sculley führte Apple in die Versenkung. In der letzten Phase des Films wird die Rückkehr von Jobs zu Apple gezeigt, seine erste Begegnung mit dem Designer Jonanthan Ive und sein stiller, aber konsequenter Rachfeldzug an denen, die nicht loyal zu im gestanden haben.

Die letzte Phase des Lebens von Jobs wird nicht gezeigt. Das ist auch ein Kritikpunkt, der den Film bei den Kritikern durchfallen liess. Er zeigt viele wichtige Ereignisse nicht. Die Krankheit, sein Clinch mit Bill Gates (der wird nur angedeutet) oder seine Selbstfindungsphase bei seiner Firma NeXt. Wussten sie, dass Tim Berners-Lee das Internetprotokoll HTTP und die ersten Varianten von HTML auf einer NeXt-Workstation aus der Taufe gehoben hat? Das alles fehlt und das darf man kritisieren — aber zwei Stunden können unmöglich den Anspruch von Vollständigkeit der Biographie ins Zentrum stellen. Es mussten Abstriche gemacht werden. In zwei Stunden eines biographischen Spielfilms wirken die Veränderungen eines Menschen wie eine Metamorphose im Zeitraffer. Kutcher spielt seine Rolle in jeder dieser Phasen sehr glaubwürdig. Der schlacksige Gang von Jobs, seine Unplatziertheit in feinen Anzügen und seine Gestik, die bei den vielen Keynotes von Apple bekannt sein dürfte. Das macht die Qualität eines Schauspielers aus — das Erkennen individueller Eigenheiten und ihre bestmögliche Darstellung. Da zeigt Kutcher echtes Talent. Andere Kritiken, die das bemängeln, kann ich nur schwer nachvollziehen. In diesem Jahr beginnen die Dreharbeiten an einer weiteren Verfilmung des Lebens von Steve Jobs. Aaron Sorkin schreibt das Drehbuch (“Social Network”, “The Newsroom”) und was man so hört, soll Leonardo Di Caprio in die Hauptrolle schlüpfen. Da fehlt es mir im Moment etwas an Phantasie, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Diese Verfilmung mit Ashton Kutcher ist jedenfalls gelungen. Wenn man zu Beginn der Handlung die Fernseher mit “Pong!” und “Breakout” sieht, fühlt man sich an die Kindheit erinnert. Ich kann mich noch erinnern, wie unser Nachbar seine Enkel mit den ersten Telespielen am Fernseher bei Laune hielt und ich mitspielen durfte. Dieser Film holt uns bei diesen Erinnerungen ab und zeigt im Zeitraffer, was in den letzten 30 Jahren alles passiert ist. Selbst wenn man Apple und Steve Jobs nicht mag — allein das macht den Film sehr sehenswert.