Papier vs. Bits — Der Unterschied zwischen Fortschritt und Bequemlichkeit

Wir wissen es doch alle schon längst. Das Buch ist tot. Aber die Zeiten ändern sich so schnell — Nostalgie ist nicht mehr schwarz/weiß. Vergänglichkeit wird nicht mal mehr in Jahrzehnten gemessen. Die Folge sind Irritationen und Polemik. Und über allem schwebt der Garant des Schwarzsehens: die menschliche Bequemlichkeit.

Von Peter Killert

Also wenn der Besitzer eines guten eReaders diesen einem Buchliebhaber ausleiht, damit dieser mal sehen kann, wie sich elektronische Bücher anfühlen … und wenn dieser Buchliebhaber ganz ehrlich ist … dann wird er dem eReader etwas abgewinnen können.

Die Haptik eines Buches, der Geruch des Papiers — das sind Pseudoargumente. Mit einem guten eReader hat jeder das gleiche Leseerlebnis, wie mit einem normalen Buch. Und wenn andererseits der Besitzer des eReaders ganz ehrlich ist, dann wird es auch für ihn nichts geben, was die Gemütlichkeit eines Raumes mit Büchern oder das Wiederlesen eines Buches, welches 20 Jahre im Regal stand und wo die Seiten leicht vergilbt sind, als sinnliches Erlebnis übertrifft. Aber beide Befindlichkeiten sind irrelevant. Das eBook wird weiter auf dem Vormarsch sein. Es wird sein, wie einst mit den Schallplatten. Natürlich hat das Vinyl der Schallplatte etwas ganz besonderes. Aber einen Plattenspieler kann ich nicht zum Joggen mitnehmen. Ich kann auch niemals meine ganze Plattensammlung in den Urlaub mitnehmen. Das eBook ist in allen Belangen dem gewöhnlichen Buch überlegen. Seine Alltagstauglichkeit jenseits des gemütlichen Wohnzimmersessels, wo das gigantomanische Bücherregal dem Speicher des eReader gegenübersteht, ist unschlagbar. Als Germanist haben sie alle Klassiker immer dabei, können eine bestimmte Stelle per Volltextsuche mal eben aufrufen, können Notizen am Text anbringen, diese in der Cloud speichern und teilen. Wer Platz braucht, mobil sein will, Hausstaub hasst, die Natur schonen will (wobei ich mich bei der CO2 Bilanz von eReadern nicht so ohne weitere Recherche festlegen möchte) — der muss zum eReader greifen.

Aber zurück zu dem eigentlichen Problem: Vinyl und MP3 existieren mittlerweile friedlich nebeneinander. Die Schallplatte hat mittlerweile viele neue Freunde — die meisten Labels bringen eine Neuerscheinung auch als Vinyl heraus. Weil es sich immer noch lohnt. Als der Siegeszug von MP3 begann, standen sich herkömmliche Labels und neue Musikportale unversöhnlich gegenüber. Das ist mittlerweile anders. Das hat auch etwas mit den Preisen zu tun. Ein eBook zu demselben Preis wie ein gedrucktes Buch, ist schlichtweg eine Schweinerei. Als sich die Preise für Musik zum Download geändert hatten, waren auf einmal auch die vernünftigen Geschäftsmodelle da — es dauert eben seine Zeit, bis nicht nur ein Individuum, sondern auch eine ganze Branche die Bequemlichkeit ablegt. So wird es auch mit den Büchern sein. Warum sollte ein Anhänger eines eBooks gegen den klassischen Bücherliebhaber polemisieren? — Weil aufgrund der Schnelllebigkeit unserer Zeit jeder Vergleich eine Polemik sein muss. Wir glauben, das eBook ersetzt das Buch. Ja, das ist so. Die Reclam-Heftchen sind alle im Altpapier. Die vergilbten Taschenbuchausgaben der anderen Klassiker ebenfalls. Aber entsorgen wir deshalb den Bildband von New York oder die Illustrierte Weltgeschichte? Sicher nicht — und warum nicht? Das Buch ist eine Komposition, das eBook eine Kompilation. Kunstwerk und Zusammenstellung. Natürlich kann auch eine Zusammenstellung ein Kunstwerk sein. Aber dazu gibt es im Bereich eBook noch keine wirklichen Standards. Wenn das in naher Zukunft geschieht, dann wird das eBook mit Videos und Tondokumenten angereichert sein. Damit grenzt es sich vom herkömmlichen Buch schließlich ab. Das eBook dann noch als Buch zu bezeichnen oder mit ihm zu vergleichen, ist absurd. Durch diese Abgrenzung wird das Buch als solches erhalten bleiben. Es wird ebenso wie die Schallplatte mehr als nur ein Nischendasein fristen. Woher aber kommt die Polemik? Vordergründig weil alles Neue immer auf Widerstand stößt. Das betrifft alle Lebensbereiche — in unserer Zeit noch beschleunigt. Diese Widerstände haben in der Regel aber nur eine rationale Begründung: die Bequemlichkeit, einen so zentralen, so wichtigen Vorgang wie die Aneignung von Wissen durch das Lesen fundamental zu ändern. Es ist wie das Erlernen von 10-Finger Technik beim Schreiben. Man kann es üben, verfällt aber in den alten Trott. Für manche ist es vielleicht einfacher, wenn sie die Vorteile erkennen. Was der Bauer nicht kennt, dass sucht er erst gar nicht — weder auf dem Feld noch im Stall. Ein weiteres Argument, dass mit neuen Medien im Allgemeinen verbunden wird, ist ihre angeblich begrenzte Lebensdauer. Ein absurdes Argument, ist sich die Industrie dieses Umstandes ja schon lange bewusst. Man kann sicher nur schwer manche Dateiformate aus den 80er Jahren öffnen — aktuelle Medien folgen aber MarkUp-Prinzipien, d.h. der Inhalt und die Darstellung des Inhaltes sind voneinander getrennt. Man wird also auch in 50 Jahren ein eBook von heute noch öffnen können. Außerdem ist die Vergänglichkeit von Information kein Argument. In jeder Bibliothek kann ein Feuer ausbrechen, jedes Papyrus wird irgendwann zerfallen. Ja sogar an Steintafeln nagt der Zahn der Zeit. Es kommt darauf an, Informationen auf ein neues Medium zu transportieren. Dieser Vorgang ist ein wesentlicher Bestandteil von kultureller Identität einer Gesellschaft. Er eignet sich nur sehr bedingt für Polemik. Der dümmste Grund für die Polemik aber ist die Gleichsetzung von neuen Medien und ihrem Konsum mit dem Verlust von Werten. Sicher gibt es in unserer Gesellschaft den Verlust von Werten zu bemängeln. Warum sollte aber der Austausch eines Mediums daran schuld sein oder dies befördern? Ob ich Goethe, Schiller oder Shakespeare auf Papier oder digital lese — wie können in einem Medium Werte verloren gehen? Das Gegenteil ist der Fall — werden Inhalte vernünftig transportiert, dann auch ihre Werte. Sie werden so für neue Generationen erschließbar. Vielleicht ist das der Sinn und Zweck von Fortschritt überhaupt. Aber das erreicht man nicht, in dem man alten Medien nachtrauert. Ich würde sogar noch weiter gehen: Jemand der gegen ein neues Medium polemisiert hat den wahren Gehalt der Werte des »Originals« noch gar nicht verstanden. Was also ist der Unterschied zwischen Fortschritt und Bequemlichkeit? Die einen lesen eBooks, weil es bequem ist. Weil es bequem ist, hunderte Bücher immer dabei zu haben. Die anderen lesen herkömmliche Bücher, weil sie zu bequem sind, sich mit etwas Neuem zu befassen oder sogar zu arrangieren. Fortschritt ist also dann gegeben, wenn die Bequemlichkeit mit Neugier kombiniert wird. Ich bin neugierig. Sehr neugierig. Und wenn ein Blogger auf der Internetseite eines großen klassischen Verlages gegen eBooks polemisiert, dann frage ich mich, warum dieser Verlag der Vergangenheit nachtrauert, anstatt selbst neugierig in die Zukunft zu sehen. Aber der Suhrkamp-Verlag als iTunes der eBooks? — Ich möchte meinen Text jetzt nicht in Polemik enden lassen … . (Dieser Artikel ist eine Antwort auf diesen Artikel von Friedrich Forssman — “abgedruckt” im Blog des Suhrkamp-Verlages.)