Shadows Of The Ones We Love

In den 70er Jahren bekam die elektronische Musik ihre besondere Ästhetik. Federführend hierbei die Menschmaschinen von Kraftwerk. In den 80er Jahren ging eine Schere auseinander — Pop und Darkwave. Mittendrin Bands wie Depeche Mode als Konstante. Das setzte sich den 90er und den 00er Jahren fort. Niedliche Tanzbarkeit oder Lethargie die Leitmotive, irgendwo zwischen Pet Shop Boys und Anne Clarke. Jetzt greifen „hearhere“ mit ihrem Debüt den Weltschmerz wieder auf und liefern eine neue Interpretation elektronischer Musik.

Von Peter Killert.

„Weltschmerz“ ist sicher eine abgedroschene Vokabel. Aber der Wunsch der Jugend, sich in ersten existenziellen Gedanken und Zweifeln auszudrücken ist in jeder Generation präsent. Die dunklen Augen und Klamotten der Grufties und Waver der 90er Jahre finden sich heute bei den Emos. Was als individuelle Ausgrenzung dient, ist dennoch eine Art kollektive Depression. Was passiert aber, wenn solche Menschen erwachsen werden? Was, wenn aus Zweifeln ein künstlerischer Anspruch erwächst? Was, wenn man die elektronische Musik neu erfinden und Worte für den Weltschmerz finden möchte? Alles schon mal gehört? Alles schon mal gesagt? Mitnichten.

„hearhere“ haben genau das versucht. Ihr Debüt „Shadows Of The Ones We Love“ greift sich das Beste aus Synthiepop, Industrial und Darkwave auf musikalischer Ebene. Textlich bringt Crystin Fawn die Gedanken und Zweifel einer Generation auf den Punkt. Wir sind nur die Schatten derjenigen, die wir lieben. Wir alle wollen eine Vorstellung erfüllen, flexibel sein, die Möglichkeiten als Möglichkeiten erhalten. Und vergessen dabei, konkrete Wege zu gehen. Diese Komplexität unserer Zeit spiegelt sich im Titelsong, der erst nach etlichen Durchläufen eingängig wird. Zuvor poppige Eintracht. „Do I Have a Flower in my hair or what?“ im Song „Flowers“ — die Stimme der Sängerin erinnert hier ein wenig an „Propaganda“ bei ihrem kaum beachteten Comeback im Jahr 1990. Dann so etwas wie normative Romantik in „The Essential Thing“. Das ist natürlich die Liebe. „The centre of our life should be the love inside“. Das kommt dann textlich Anne Clarke schon sehr nahe. Texte mit melancholischer Substanz.

Da stellt sich die Frage, was die Liebe außerhalb von uns sein mag? Das führt dann unweigerlich zu depressiven Einschüben wie im Song „Anytime“ — das sind Songs, die klarer Hinweis darauf sind, dass „hearhere“ niemals das große Publikum erreichen werden. Es sei denn, die Masse hätte Hermann Hesse gelesen und interpretiert „You could go anytime“ als den beständigen Ausweg, der jedem Menschen jederzeit offensteht — der Steppenwolf zog seine Kraft aus diesem Ausweg. Es macht einfach Sinn, an einen Sinn zu glauben. Eine Alternative gibt es nicht wirklich. „For trying to go on, longing for the sun.“ Wenn eine Band mit vornehmlich elektronischen Mitteln Musik machen möchte, dann hat sie das Problem, dass sie nicht allzu bemüht klingen darf. Das haben „hearhere“ geschickt mit einer guten Mischung aus eingängigen Songs und mehreren Aufforderungen zum Wiederhören umgangen. „Rain“ oder „New Heart“ — meine persönlichen Highlights neben dem Titelsong — sind dafür gemacht, sie immer wieder zu hören. Fenster öffnen, ein Gewitter kündigt sich an. Die Sonne weicht den Schatten. „hearhere“ erfinden die elektronische Musik nicht. Sie interpretieren sie neu.

www.hearhere.de