TOP7 — Dokumentation/Biographie

Im zweiten Teil der Serie zur wichtigsten Literatur aller Zeiten geht es jetzt um die TOP7 aus dem Bereich “Dokumention/Biographie/Zeitgeschichte”. Auch diese Liste entspringt wieder der subjektiven Einschätzung des Autors.
Warum TOP 7 und nicht TOP 10? — Die Anzahl sieben ist übersichtlicher und lässt Raum für drei weitere großartige Bücher. Immer mal wieder schafft es ein weiteres Buch in die TOP10 — aber diese sieben sind wie in Stein gemeisselt.

Von Peter Killert

TOP 7 — Dokumentation/Biographie

Platz 7:

Kurt Cobain (1967–1994)

TAGEBÜCHER, erschienen 2002.

“Das hier sollte nicht ernst genommen werden.

Das hier sollte nicht als Meinungsäußerung gelesen werden.

Das hier sollte als Poesie verstanden werden.”

Wie auch seine Songtexte selbstverständlich als Poesie durchgehen könnten, so gilt dies auch für die Tagebücher von Cobain. Sie sind hingerotzter Zeitgeist. Es sind keine “Bücher” sondern Notizhefte, die als Faksimile mit abgedruckt sind.

Cobain ist mit der Zeit, in der er lebt, schlichtweg nicht einverstanden. Ressentiments, falsche Schwerpunktsetzung, zu wenig Auflehnung gegen die Elterngeneration. Cobain sagt von seinen Eltern, dass er sie über alles liebt, obwohl es nichts gibt, in dem er mit ihnen übereinstimmt.

Aus diesem Dilemma, aus diesem Hass an den Zeitgeist, der sich kaum ikonifiziert, der für Cobain kein Gesicht hat, entstehen diese Notizen — aus vielen dieser Gedanken entwickeln sich die Songtexte, die eine ganze Generation beeinflusst haben.

Eine Mischung aus Poesie und dokumentiertem Zeitgeist. In Verbindung mit der Musik von Nirvana eine teuflisch gute Dokumentation.

Ich für meinen Teil mag von Cobain heute nur noch die Musik. Die Tagebücher zeigen einen Reifeprozess, der bei Cobain niemals einen Abschluss gefunden hätte. Als Künstler ein Genie, als Mensch ein Idiot. Zu diesem einfachen aber faszinierendem Urteil führen diese Tagebücher.

Platz 6:

Simone De Beauvoir (1908–1986)

BRIEF AN SARTRE (1930–1939), erschienen 1997.

Eigentlich sollte dieser Briefwechsel bereits kurz nach Sartres Tod Anfang der 80er Jahren unter der Regie von Simone de Beauvoir erscheinen. Das geschah aber nicht, weil Beauvoir ihre Briefe an Sarte nicht mehr finden konnte und vermutete, sie seien bei einem Brand vernichtet worden. Erst bei einem Umzug fand die letzte Lebensgefährtin von Beauvoir die Briefe und sie wurden so erst in den 90er Jahren veröffentlicht.

Was erzählt uns die Korrespondenz der Wegbereiterin des Feminismus und des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? — In diesem Fall ist der Briefwechsel einseitig (einen Band mit den passenden Briefen Sartres gibt es ebenfalls) und zeigt viel Banales, Alltägliches. Aber ab und an offenbaren sich ganz neue Wesentlichkeiten der Feministin. Und die haben es in sich.

Die Briefe werfen ein ganz neues Licht auf die Feministin. Wenn Sie Sartre “Kleines, liebes Geschöpf” nennt und Sartre wohl der Einzige für sie war, der die für Frauen so typische, aber für die Feministin untypische Seite zum Vorschein bringt: “… meine Liebe zu ihnen hat alles verwüstet … ein richtiger Feuerstoß …”

Ich bin sicher: ohne Sartre hätte Beauvoir niemals ihr Werk erschaffen können. Und die zentralen Thesen des Feminismus sollten im Kontext dieser Briefe endlich mal neu bewertet werden. Vielleicht werden sich viel mehr Frauen ihrer eigentlichen Weiblichkeit bewusst und leugnen nicht mehr länger biologische Bestimmungen.

http://www.fluter.de/de/125/thema/11883/

Platz 5:

Reiner Stach (1951)

KAFKA — Jahre der Erkenntnis / Jahre der Entscheidungen, erschienen 2002 und 2008

Wenn man als Schüler/Student zu Kafka etwas schreiben muss, dann wird man mit ganzen 
Bibliotheken an Sekundärliteratur erschlagen. Wie schön wäre es da doch, wenn irgendein talentierter Autor, ein Kafka-Besessener, all das mal so zusammenfasst, dass man einen schönen Zusammenschnitt aller wichtigen Informationen und Hintergründe bekommt.

Das gibt es. Der Besessene heisst Reiner Stach. Allerdings muss man selbst auch besessen sein, um diese beiden Bücher um die 600 Seiten jeweils, an einem Stück zu lesen. Ich habe die Bücher “quer” gelesen. Die Zeit um die Entstehung von “Der Prozess”, die Liebe zu Felice Bauer und die letzte Lebensphase. Hier erfahren wir, dass Kafka möglicherweise Sterbehilfe eingefordert und erhalten hat. Aber so weit mir bekannt haben diese Recherchen nie zu größeren Diskussionen geführt.

Jedenfalls plädiere ich dafür, dass man die ganzen Bibliotheken mit Sekundärliteratur zum bescheidenen Werk von Franz Kafka einmottet und nur noch die beiden Bände (ein dritter Band “Die frühen Jahre” ist kurz vor der Vollendung) von Reiner Stach heranzieht.

Platz 4:

Joachim Fest (1926–2006)

HITLER — Die Biographie, erschienen 1973

Deutschland Anfang der 70er Jahre. Die Republik erholt sich von den Studentenunruhen. Die Jugend aber begehrt weiter auf und will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bahnbrechend für die intellektuelle Aufarbeitung ist der Bestseller “Hitler” der Historikers Joachim Fest.

Das Buch ist eine Mischung aus Biographie, Soziogramm und Geschichtsbuch. Ein sprachlich unerreichter Geniestreich, der es tatsächlich schafft, selbst für Nachgeborene, die Person “Hitler” aus der Verwobenheit von Tatsachen und Mythos heraus zu schälen. Ein Lesegenuss sondergleichen. Jede Biographie, die sich an diesem Maßstab orientiert und ihn auch nur ansatzweise erreicht, wird zu einem Referenzwerk.

Die Biographie war monatelang auf den Bestsellerlisten. Sie war Grundlage für den Film “Der Untergang” und machte Fest zu einem der gefragtesten Historiker der Republik.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/joachim-fest-gestorben-der-intellektuelle-unter-den-konservativen-1.894754

Platz 3:

Stefan Aust (1946)

DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX, erschienen 1985

Stefan Aust, Chefredakteur von so unterschiedlichen Blätter wie “St. Pauli Nachrichten” und “Der SPIEGEL” war mittendrin im heissen Herbst. Er kannte Ulrike Meinhof, war sogar an der Rückführung ihrer beiden Töchter nach Deutschland mit beteiligt.

Die Beschäftigung mit der Baader-Meinhof Bande, aus der später die RAF entstanden ist, wird zu seinem “opus magnum”. Der BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ist ein detaillierter Abriss der Geschichte der RAF, Grundlage für so viele Dokumentationen und dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger.

Wer sich als Kind an die ausgehenden 70er Jahre erinnern kann, der wird hier erfahren, warum sich viele Dinge genau so zugetragen haben. Einziges Manko dieses Buches: viele Dinge, besonders in Bezug auf Vermutungen zu Tatbeteiligten (Wer hat Schleyer erschossen?), gründen auf den Angaben des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der nachweislich gelogen hat und dem sämtliche seiner Mitstreiter Geltungssucht unterstellen. Dennoch ist dieses Buch ein Echolot der BRD mit vielen Fakten, die die Radikalisierung junger Menschen ausgehend vom Mord an Benno Ohnesorg, darlegen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/stefan-aust-im-interview-wer-die-raf-verstehen-will-muss-moby-dick-lesen-1103231.html

Platz 2:

Jon Krakauer (1954)

INTO THE WILD, erschienen 1996

Der Journalist Jon Krakauer liest 1992 per Zufall eine Randnotiz in einer Zeitung über den Fund einer Leiche eines jungen Mannes in der Wildnis von Alaska. Er beginnt zu recherchieren und findet die Story seines Lebens.
Christopher McCandless war ein junger Mann, den es radikal in die Wildnis zog. Er spendete sein Vermögen, brach alle Kontakte ab, vernichtete seine Ausweispapiere und zog durch ganz Amerika. Im Kanu durch den Grand Canyon, als Holzfäller im Norden und schließlich, als Ziel seiner Reise, ein einsames und abgeschiedenes Leben in Alaska. Seine Naivität und Fahrlässigkeit kosten ihm 1992 das Leben.

Krakauer, freier Journalist und Autor, zeichnet die Reise von McCandless nach und begibt sich auf eine detaillierte Spurensuche. Das Buch war Vorlage für den tollen gleichnamigen Film, bei dem Sean Penn Regie führte und Eddie Vedder (Pearl Jam) den Soundtrack beisteuerte.

http://einestages.spiegel.de/s/tb/25362/into-the-wild-christopher-mccandless-tod-in-alaska.html

Platz 1:

Sophie Scholl (1921–1943) / Fritz Hartnagel (1917–2001)

DAMIT WIR UNS NICHT VERLIEREN — Briefwechsel 1937–1943, erschienen 2005.

“Als gestern der Russe ein recht heftiges Feuer auf unsere Stellungen legte und ringsherum der Kriegslärm tobte, saß plötzlich ein Vöglein am Rande meines Schützenlochs und piepste vergnügt, als ob es sich darum gar nicht kümmern würde. Ich weiß nicht was mich dazu bewegte in diesem Moment so sicher anzunehmen, dass dies nur ein Gruß von Dir sein könnte.”

Das schreibt der Oberleutnant Fritz Hartnagel am 09.12.1942 in der Nähe von Stalingrad an seine Freundin zu Hause, die junge Studentin Sofie Scholl. Bis März 1943 bleibt er in Stalingrad und wird mit Erfrierungen mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen.

Hartnagel hat sich immer gegen eine Veröffentlichung dieser Briefe gewehrt. Er wollte sich nie im Ruhm der “Weissen Rose” sonnen — er sei schließlich selbst nicht im Widerstand gewesen, hat sich aber nach dem Tod der Geschwister Scholl bis zu seinem Tod 2001 für einen ihm eigenen, sehr bodenständigen Pazifismus engagiert. Eine Lesung dieser Briefe, die im Besitz seiner Ehefrau, Elisabeth Scholl, eine Schwester von Sophie Scholl sind, anlässlich des 60. Jahrestag der Hinrichtung der Geschwister Scholl, hat dann doch zu einer Veröffentlichung geführt. Was für ein Glück für die Nachwelt!

Die Briefe haben durch die Kenntnis von uns Nachgeborenen einen besonderen Wert. Sophie Scholl durfte niemals ihren Verlobten in Gefahr bringen — Fritz Hartnagel ahnte bis zuletzt nichts von ihrer Zivilcourage. Auch die Berichte, die von der Ostfront kamen, zeigten niemals die ganz Bandbreite des Grauens dort, denn die Feldpost wurde stark zensiert.

Dennoch lässt sich an der Tiefe der Worte erkennen, was zwischen den Zeilen ungeschrieben bleiben musste. Besonders im Hinblick auf das Schicksal dieser beeindruckenden jungen Frau.

“So hart und schrecklich diese Tage sind, sie machen mich frei von irdischen Wünschen.” — (Fritz Hartnagel)

“Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft.” — (Sophie Scholl)

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/23554/Liebesbriefe-von-Sophie-Scholl