Wenn Pipi Langstrumpf zur Furie mutiert … .

CHVRCHES — Live in Köln, E-Werk, 4. April 2016

Von Peter Killert.

Wenn man sich bei einem CHVRCHES Konzert so umschaut, dann fällt eines ganz besonders auf: die breite, vielschichtige Fanbasis. Da sind Teenies, alte Säcke wie ich, der Student, der Öko, der Bürokaufmann, die mehrfache Mama, der Typ in der MidLifeCrisis, die 80er Waver oder die Lowcarb-Vegan-Bratze. Alles da. Ein Querschnitt der Gesellschaft, eine stetig wachsende Masse an Menschen, die eines gemeinsam haben — einen guten Musikgeschmack.

Ich habe CHVRCHES vor einigen Jahren entdeckt. Da waren sie Opening Act bei Depeche Mode. Und die Depeche Mode Vorbands waren schon immer legendär (Nitzer Ebb, Front 242). CHVRCHES sind noch keine Legende, aber sie sind auf dem besten Weg dahin. Ihr zweites Album “Every Open Eye” enthält mindestens so viele Ohrwürmer, wie das erste Album “The Bones Of What You Believe”. Gestern Abend im E-Werk wirkte jeder Song wie ein Feuerwerk. Und das lag vor allem an der Sängerin.
 
Lauren Mayberry turnt über die Bühne, wie eine zur Elektro-Furie mutierte Pipi Langstrumpf. Frech, klein, zart und dennoch explodiert sie beinahe vor Energie und überträgt diese auf ihr höriges Publikum. Wenn sie dann auf die eigens für sie aufgebauten E-Drums in “Playing Dead” einprügelt, wird es richtig hypnotisch — zusammen mit der grandiosen Lightshow nichts für Epileptiker.
 
CHVRCHES haben sich in den letzten Jahren, in denen sie unentwegt durch die ganze Welt tourten, eine beeindruckende Routine angeeignet. Routine kann Langweile bedeuten — bei CHVRCHES bedeutet sie Souveränität und Zuverlässigkeit. Die neuen Songs zünden sofort. Das eher spröde Highlight des ersten Albums “Science & Visions” ist live jetzt so perfekt, dass man aus der Gänsehaut nicht mehr rauskommen will. CHVRCHES können es sich sogar leisten, ihren ersten großen Song “Lies” aus der Setlist zu streichen. Die wenigsten haben es vermutlich überhaupt bemerkt. Und wenn Mastermind Martin Doherty für zwei Songs den Gesangspart übernimmt, ist das nicht nur Abwechslung — dieser Rollentausch ist jetzt schon Kult und darf niemals fehlen.
 
Der dritte im Bunde, Iain Cook verkörpert ein weiteres, unverwechselbares Merkmal. Ich glaube, CHVRCHES sind die einzige Synthie-Pop Band, bei denen ein Bassist vorne an der Bühne steht und den elektronischen Klängen eine besondere Tiefe verleiht — Bassgitarre und Elektro-Pop, diesen abgefahrenen Part übernimmt Iain Cook.

CHVRCHES sind gewachsen, entwickeln sich weiter und sind auf einem exzellenten Weg. Die Location in Köln wurde vom Gloria zum E-Werk erweitert. Gut tausend Fans mehr. Und ein alter Sack kann irgendwann sagen: “Ja, ich war dabei. Damals. Als CHVRCHES noch nicht die großen Stadien gefüllt haben … .”
 
 Solange Depeche Mode in ihrer Dreijahrespause sind, besetzen CHVRCHES den Platz der besten Synthiepopband der Welt.