Taschenuhren

Taschengeflüster

Klaus Klingler

Bernd konnte sich nicht erinnern, wann ihn das letzte Mal jemand mit Achtung und Respekt behandelt hatte. In den Augen seiner Mitmenschen war er ein Versager, eine Verschwendung von Knochen und Fleisch. Ein nutzloser Straßenpenner. Vielleicht war das der Grund, warum er die Gesellschaft des Luzerner Sees so sehr schätzte, der sich in vollkommener Ergebenheit zu seinen Füssen ausbreitete. Wie fast jeden Tag saß Bernd zusammen mit seiner roten Plastiktüte, die seinen gesamten Besitzt enthielt am Hafen und verfolgte aufmerksam das hektische Treiben der Touristen. Während sich die Herde von kaufwütigen Reisenden am Seeufer eine Verschnaufpause gönnte, kreischten ihre Kinder mit den Möwen um die Wette. Ekstatisch scharten sie sich an einem schmalen Steg um einen Mann im bunten Anzug und seine Wolke aus Luftballons. Nicht weit entfernt machte ihm ein Clown mit seinen Luftschlangen die junge Kundschaft streitig. Plötzlich entdeckte Bernd einen farbigen Punkt am Horizont. Ein roter Luftballon hatte sich gelöst und trieb im Wind schnell Richtung Stratosphäre. Unruhig raste sein Blick über die Wasseroberfläche. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Dann endlich sah er sie. Ein kleines Mädchen trieb hilflos in dem kühlen Wasser des Gebirgssees und drohte jeden Augenblick in dem glitzernden Blau zu verschwinden. Geistesgegenwärtig brachte Bernd seine alten Glieder in Schwung und sprang in das kalte Wasser. Nach wenigen Zügen erreichte er sie und zog sie an Land. Angelockt von dem Spektakel drängten sich die Touristen um Bernd und das blasse Mädchen. Niemand rührte sich. „Ayumi!“ rief plötzlich ein kleiner Mann und stürzte aus der Menge. Mit panischer Angst in seinen Augen, nahm er Bernd den reglosen Körper aus den Armen. Liebevoll und mit zitternden Fingern strich der Mann seiner Tochter die nassen Haare aus der Stirn. Endlich öffnete Ayumi ihre Augen. Als sie in das Gesicht ihres Vaters sah, bildete sich ein schwaches Lächeln auf ihren blauen Lippen. Bernd hatte das Geschehen gerührt mitverfolgt und wollte sich bereits heimlich davonstehlen, als ihn jemand am Ärmel zupfte. Mit Tränen der Erleichterung in seinen Augen und vielen Verbeugungen wollte der Japaner Bernd seine Dankbarkeit erbringen. Bescheiden wiegelte Bernd ab und sagte, dass er ihm nicht zu danken brauchte. Doch der Japaner war anderer Meinung. Im Rausch der Gefühle streifte er seine neue Rolex ab und legte sie in die Hände des Obdachlosen. Noch ehe Bernd etwas erwidern konnte, war die Familie in der Menschenmenge bereits verschwunden. Mit schelmischem Grinsen unter seinem grauen Bart, kehrte Bernd zu seiner Tasche zurück und legte die Rolex hinein zu den anderen Uhren.

„Deins, Meins. Euer, Unser. Tik-­‐Tak. Tik-­‐Tak.“