Mein kleines, hässlich verdrücktes Ding

Taschengeflüster

Zora Kubinec

Eckig und dreckig mit Schulterriemen und einem zusammengerollten Polarfüchslein, das unter Istanbuls Sonne reflektiert. Ein Polarfuchs in Istanbul? Das neugierige und charismatische Füchslein hat seine Reise vor mehr als 30 Jahren hoch oben im nordischen Stockholm begonnen. In Paris hat sie sich in das Füchslein verliebt und seine Schönheit entdeckt. Doch erst nach einer zweiten Begegnung an Zürichs Sihlquai haben die beiden schliesslich zusammen gefunden.
Als Hüter über Kaugummi, Portemonnaie, Agenda und Kompanie ist das Füchslein zum treuen Begleiter geworden. Zusammen sind die beiden weit herumgekommen.
Auf Kreta gingen sie dem Mythos von Minos nach. Minos, der König von Kreta in der griechischen Mythologie, baute ein Labyrinth, in welches griechische Jünglinge und Jungfrauen hineingeschickt wurden und einem menschenfressenden Ungeheuer zum Frass vorgeworfen wurden. Huch! Als wäre die griechische Sonne nicht Grund genug zum Schwitzen, trieften sie in Angstschweiss schon alleine mit dem Gedanken an Minos‘ Labyrinth. Ein Waschgang hat da nichts genützt, die Schweissspuren sind noch heute zu sehen.
In Lissabon hat die portugiesische Küche sie so entzückt, dass das Füchslein unter dem Tisch vergessen gegangen ist. Lange musste es dort verharren. Deshalb weiss es wohl auch als Ausnahmefall, wie die Bistrotische in Lissabon von unten aussehen. Unter den lissabonnischen Bistrotischen lauert keine andere Überraschung als unter mancher Schulbank. Eine unförmige Punktewolke aus Kaugummis. Manche sauber hingedrückt, andere unter dem eigenen Gewicht ausgeleiert und an Kaugummifäden hängend.
Vielleicht war es die Sehnsucht nach einem Höhlenbau oder das Regenwetter in Locarno, welche das Tierchen zum Ausbüxen bewegten. Eines Tages war es plötzlich weg. Drei Monate versteckte es sich in den Katakomben von Paris und hat sein Antlitz keiner Menschenseele gezeigt. Die Katakomben sind ein hartes Pflaster. Leicht ist es, sich in den endlosen Gängen zu verirren. Aber das Füchslein ist ein flinkes Geschöpf. In arktischen Gebirgsregionen und der Tundra bewegt es sich durch das Gelände wie ein Orientierungsläufer mit Landkarte und Kompass im einsamen Wald fernab von der Zivilisation. Der Mythos vom skandinavischen Nerd, der in das Füchslein vernarrt war, lange bevor es in die weite Welt hinaus ging, scheint naheliegend. Irgendwann sehnte sich das Füchslein dann doch nach Tageslicht und wollte wieder auf den Schultern getragen werden. So stieg es aus dem Untergrund und trat den Weg zurück zu ihr an.
Wieder vereint gingen die beiden weiter ihren gemeinsamen Weg. Doch je älter das Tierchen wurde, umso mehr Geschwisterchen bekam es. Diese tanzen mittlerweile auf den Rücken der hübschesten Mädchen und hippsten Jungen. Die Lust sich in diesen Reigentanz einzureihen ist nicht so gross, aber das Tierchen hat sich als nützlich bewährt und ist ihr ans Herz gewachsen. Es einfach so aufzugeben, würde wehtun. „Es ist mein kleines, hässlich verdrücktes Ding“, sagt sie und fügt lachend hinzu „Hier mit seinen kleinen Pfötchen“, während sie die abwetzten Enden der Schulterriemen tätschelt.