Deine Leidenschaft muss nicht zu deinem Beruf werden

“silver Apple MacBook Pro on” by rawpixel on Unsplash
Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.

Dieses Zitat — es wird Konfuzius zugeschrieben, auch wenn er es so vermutlich nie gesagt hat — bewegt mich in den letzten Monaten immer stärker. Die Gründe sind vor allem viele (Social) Entrepreneure und GründerInnen, die dem Mantra

Mache deine Leidenschaft zu deinem Beruf.

folgen. Das klingt gut und passt hervorragend in unsere Zeit der fast allgegenwärtigen Selbstverwirklichung. Doch dieses Mantra hat in der Praxis ein gewaltiges Problem:

Wer sagt, dass deine Leidenschaft sich für einen Beruf eignet?

Leidenschaft bedeutet nicht, dass du darin gut bist

Natürlich sind die Chancen und Möglichkeiten, sich ein eigenes Business aufzubauen und einen Beruf zu schaffen, den es vor wenigen Jahren nicht gegeben hätte, heute besser denn je.

Der von mir — inhaltlich, nicht unbedingt stilistisch — geschätzte Gary Vaynerchuk sagt immer wieder: Wenn du in einem Job arbeitest, den du hasst, kannst du das ändern. Und er ist ein großer Verfechter von Leidenschaft. Alles valide Punkte, die ich unterschreibe. Doch Vaynerchuck sagt auch:

Die Kurzfassung: Nur weil du leidenschaftlich für ein Thema brennst, hast du keinen Anspruch darauf, daraus ein Business oder deinen Beruf zu machen.

Um das herauszufinden solltest du dir zwei Fragen stellen:

  1. In was bin ich wirklich gut, wo liegen meine Talente und Stärken?
  2. Wo liegt meine Leidenschaft, wofür brenne ich?

Die Reihenfolge ist bewusst so gewählt. Wenn du Glück hast, gibt es zwischen deinen Stärken und deiner Leidenschaft viel Überlappung und Anknüpfungspunkte.

Wenn nicht, hast du zwei Möglichkeiten:

  1. Du versuchst dich mit einem Geschäftsmodell und einer Arbeit selbstständig zu machen, die sich um deine Leidenschaft dreht. Dazu musst du dir vermutlich neue Fähigkeiten aneignen und deine Stärken vielleicht vernachlässigen.
  2. Du akzeptierst, dass deine Leidenschaft und dein Beruf nichts oder nur sehr wenig miteinander zu tun haben. Dann suchst du nach Wegen, deine Leidenschaft neben deinem Beruf zu leben.

Das bedeutet nicht, dass du einem drögen und stumpfen Job nachgehst. Auch ein Beruf und ein Arbeitsplatz, die nichts mit deiner Leidenschaft zu tun haben, können sinnvoll sein und dir Freude bereiten. Sie drehen sich nur nicht um deine Leidenschaft.

Leidenschaft ist nicht immer der beste Ratgeber

Neben den genannten Punkten kann — nicht muss — Leidenschaft auch ein schlechter Ratgeber sein.

Nimm an, du wählst einen Beruf, der mit deiner Leidenschaft übereinstimmt. Du gehst darin auf und hast Spaß daran. Doch dann ändert sich deine Leidenschaft.

Wenn deine Leidenschaft der Hauptgrund war, deinen Beruf zu wählen, müsstest du jetzt ernsthaft darüber nachdenken, den Beruf zu wechseln. Das muss kein Problem sein, kann aber zu zahlreichen Berufswechseln im Lauf der Jahre führen. Ob das für dich okay ist, kannst nur du entscheiden.

Mirko Schubert schreibt dazu auf Medium:

In meinen Augen gibt es nicht die eine Berufung, mit der man ein Leben lang glücklich wird. Genauso wenig wie die eine Liebe, die bis zum Lebensende hält. Das ist eine Idealvorstellung, die leider noch in den Köpfen vieler Menschen verankert ist.

Und selbst wenn Leidenschaft zu Beginn dein Kompass ist, kann der im Alltag verloren gehen. So erging es Nadine Carolin die in ihrem Bericht schreibt:

Es ist nicht so, dass ich meine eigene innere Stimme neben denen anderer überhaupt nicht mehr gehört hätte, aber ich habe sie nicht ernst genug genommen. Habe das Sollen höher als das Wollen gewertet.

Leidenschaft ist keine Garantie für Erfolg. Und auch nicht dafür, dass dein Beruf dir auf Dauer Spaß macht.

Leidenschaft ist wichtig und es lohnt sich nach ihr zu suchen

Mir ist klar, dass das bisher alles sehr negativ klingen kann. Daher will ich zum Abschluss betonen:

Leidenschaft ist für deine Lebenskarriere enorm wichtig und es lohnt sich, dir Zeit zu nehmen, um deine Leidenschaft zu kennen.

Wir haben zu viele Menschen auf der Welt, die sich nie mit ihrer Leidenschaft befasst haben und diese ignorieren. Das tut auf Dauer definitiv nicht gut. Deine Leidenschaft zu kennen hilft dir auch dabei, zu dir zu stehen.

Warum dieser Artikel dennoch negativ klingt: Er ist eine Warnung.

Deine Leidenschaft ist wichtig, doch sie muss dich nicht definieren. Sie kann dich voranbringen, muss jedoch nicht dein Beruf sein.

Deine Leidenschaft bereichert deine Lebenskarriere — auch dann, wenn du sie nicht zum Beruf machst.