Nervosität ist keine Schwäche, sondern eine wichtiges, und positives, Zeichen

“man in green pullover hoodie looking down” by Hermes Rivera on Unsplash
Da liegt er, der erwartete Brief. In meinem Magen macht sich ein leicht flaues Gefühl breit, es kribbelt leicht. Als ich den Umschlag öffne, atme ich tief durch. Dutzende Fragen und Spekulationen schießen mir durch den Kopf. Doch dann ein in Blick auf die Zeilen und ich atme erleichtert auf.

Diese Situation wiederholt sich bei mir fast monatlich. Sie tritt immer dann ein, wenn ich die Teilnehmerbewertungen aus meinen Seminaren und Kursen bekomme.

Okay, wenn ich ganz ehrlich bin, geht es mir vor Workshops und Vorträgen ähnlich. Äußerlich sieht man mir es oft nicht an, doch es stimmt: Ich bin nervös.😓

Auch nach Jahren und zig Vorträgen und Workshops macht sich jedes Mal noch leichte Nervosität breit. Genau so wie vor dem Lesen der Teilnehmerbewertungen, auch wenn die seit Jahren stabil gut sind.

Warum ich nervös bin? Weil es mir wichtig ist.

Nervosität ist keine Schwäche

Immer wieder erlebe ich, dass bei Pitches, Präsentationen, Workshops oder einfach in Meetings und sogar im privaten Bereich Nervosität als Schwäche und Problem wahrgenommen wird.

Irgendwo kann ich das verstehen. Wer nervös vor einer Gruppe steht wirkt nicht souverän und kann ein Thema oder eine Idee nicht so überzeugend rüber bringen wie der oder die — augenscheinlich — selbstsichere.

Was mich jedoch wirklich nervt und stört ist die Schlussfolgerung, die oft aus Nervosität gezogen wird. Da fallen Sätze wie “Den können wir nicht schicken, der ist nicht kompetent” oder “Die schafft das niemals, viel zu unsicher”.

Klar, die Schlüsse liegen nahe. Und manchmal mögen sie zutreffen. Doch in vielen Fällen ist Nervosität das Symptom für einen von zwei Fällen:

  1. Es fehlt ihm oder ihr noch an Erfahrung. Das ist keine Schande sondern völlig normal, alle haben mal grün angefangen. Statt dann auf mangelnde Kompetenz zu schließen oder sich gar lustig zu machen, wäre Unterstützung angesagt.
  2. Er oder sie nimmt die Aufgabe oder das Thema sehr ernst und ist deshalb nervös. In diesem Fall zeigt Nervosität nur ein enormes Pflichtbewusstsein und hohe Motivation. Natürlich kann die Nervosität dennoch zum Problem werden. Doch auch hier wäre Unterstützung besser als Lästern.

Was du tun kannst, wenn du nervös bist

“person doing yoga on floor” by JD Mason on Unsplash

Es ist klar: Jeder und jede ist irgendwann nervös. Selbst große Musiker und Schauspieler haben Lampenfieber.

Wenn du selbst nervös bist, helfen dir vielleicht dir folgenden fünf Schritte, die ich jedes Mal in einer solchen Situation durchspiele:

  1. Atme tief durch und entspanne dich so gut wie möglich.
  2. Konzentriere dich für 20 bis 50 Atemzüge lang nur auf das Ein- und Ausatmen.
  3. Lege dir einen Song zu, den du immer zur Entspannung hörst. Wenn du das oft genug tust, assoziierst das Lied irgendwann automatisch mit Entspannung und kommst instantan zur Ruhe.
  4. Frage dich: “ Warum bin ich nervös?” Hängt wirklich viel von den nächsten Minuten ab? Sind sie für dich wichtig? Oder sind sie nur wegen der Erwartung anderer wichtig, interessieren dich aber nicht wirklich?
  5. Mache dir klar: Wenn es dir wirklich wichtig ist, hängt es von dir und deiner Performance (sorry fürs Denglisch 😉) ab, wie gut es läuft. Fokussiere dich auf die nächsten konkreten Schritte und leg los.

Kein Patentrezept, doch mir hilft es in 9 von 10 Fällen. Im zehnten bin ich einfach weiter nervös. 😊

Was du tun kannst, wenn du Nervosität beobachtest

“person's left palm” by Jordan Whitfield on Unsplash

Fast hätte ich hier aufgehört. Doch dann fiel mir ein, dass ein wichtiger Aspekt noch fehlt: Die Reaktion, wenn du Nervosität beobachtest.

Wie oben geschrieben wird Nervosität oft belächelt, oft verspottet oder ignoriert. Dabei wäre Unterstützung viel sinnvoller.

Wenn du das ausprobieren willst — und meine Empfehlung hast du dafür 👍— dann helfen dir vielleicht die drei folgenden Optionen:

  1. Gehe, unter vier Augen, auf die Person und frage ganz neutral nach, ob du unterstützen kannst.
  2. Wenn die Nervosität akut ist und du die Person kennst, kannst du sie auch mit einer konkreten, und für sie einfachen, Frage abholen und aus einer vielleicht einsetzenden Erstarrung lösen.
  3. Wenn die Person um ihre Nervosität weiß, sprich sie — am besten im geschützten Rahmen — ganz offen und neutral darauf an. Und frage dann, ob du unterstützen und dabei helfen kannst, die Nervosität zu reduzieren.

Bei all diesen Optionen sind Empathie und Fingerspitzengefühl gefragt, klar. Doch selbst wenn dein Angebot abgelehnt wird hat die Person erfahren, dass Nervosität nicht belächelt, sondern ernst genommen wird. Das ist viel wert.

Ein wichtiger Hinweis: Ich schreibe hier bewusst über Nervosität. Angststörugen sind eine ganz andere Liga und sollten professionell behandelt und begleitet werden.

Call to Action und Bitte 🙏👋

Wie immer habe ich zum Schluss eine Bitte an dich:

Teile mit mir und den anderen LeserInnen, wie du mit Nervosität umgehst und was du von meinem Ansatz hältst.

Ich freue mich auf eine rege Diskussion. Mehr Artikel findest du in der Lebenskarriere-Publikation.