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Stehst du zu dir oder läufst du Anerkennung nach?

“brown dried leaves on sand” by sydney Rae on Unsplash
Stehst du zu dir selbst?

In 90 Prozent der Fälle bekomme ich auf diese Frage die fast schon reflexhafte Antwort: “Natürlich stehe ich zu mir, das ist doch klar.”

Klingt gut, stimmt jedoch oft nicht.


Vorab noch der Hinweis: Wenn ich im Folgenden von meinen Erfahrungen berichte mag das teilweise so klingen, als würde ich aus der Perspektive des Menschen schreiben, der all das hinter sich hat.
Es dürfte klar sein, dass dem nicht so ist. Wie jeder und jede andere falle ich genau so in Verhaltens- und Denkmuster, die mir nicht gefallen und die ich nicht mag. Das ist menschlich und lässt sich nicht verhindern. Entscheidend ist jedoch, es immer wieder zu bemerken, daraus zu lernen und zu versuchen, es jedes Mal besser zu machen.

Was bedeutet es, zu dir selbst zu stehen?

Zu sich selbst stehen definiere ich so:

  • Du hast Werte, Grundsätze und Prinzipien denen du folgst und die du, so gut du kannst, zur Grundlage deiner Handlungen machst.
  • Du weißt was du kannst und was du nicht kannst, du kennst deine Grenzen und nimmst sie ernst.
  • Du stehst für deine Meinung ein, bist aber — wenn auch in meinem Fall erst nach einiger Zeit, ich kann stur sein — bereit, zu lernen und zu reflektieren und deine Meinung auch zu ändern.
  • Du weißt wer du bist, lebst das und kommunizierst authentisch. Du gibst nicht vor jemand zu sein, der du gern wärst.

Wenn das die Grundlage deiner Handlungen ist und du versuchst, authentisch und klar Werte geleitet zu leben, stehst du zu dir selbst.

Wichtig: Da steht nirgends, welche Werte und Prinzipien das sind. Das liegt ganz allein bei dir. Klar habe ich meine Werte und meine Haltung und bewerte Themen aus dieser Sicht. Und ja, das bedeutet auch, das manche Menschen bei manchen Themen aus meiner Sicht falsch liegen.

Was mich zu den Risiken bringt, die du eingehst, wenn du zu dir stehst.

Der Hunger nach Anerkennung als Risiko und Bremse

In drum rum zu reden: Wenn du zu dir selbst stehst, wirst du dich unbeliebt machen — dir vielleicht sogar Feinde machen — und Anerkennung verlieren. Und das kann, ja ziemlich sicher wird, weh tun.

Denn du klar zu dir selbst stehst, wirst du mit anderen kollidieren, die andere Werte und Prinzipien pflegen.

Das ist keine Wertung, keine Haltung und kein Wert sind per se besser oder schlechter. Sie sind einfach nur anders.

Dennoch kann und wird das ziemlich sicher dazu führen, das manche Menschen sich von dir abwenden und dir ihre Anerkennung entziehen, vielleicht sogar negativ über dich reden.

Das kannst du nur verhindern, in dem du nicht zu dir stehst und deine Werte und Postionen aufgibst.


Wichtig: Das ist kein Aufruf, alle Menschen mit anderer Meinung und Haltung abzutun. Manchmal ist es gut, zur Reflexion herausgefordert zu werden. Manchmal kannst du lernen, vielleicht sogar deine Meinung und Haltung ändern. Doch manchmal sind Positionen eben auch unvereinbar.

Das führt zu einem Spannungsfeld, das zutiefst menschlich ist: Einerseits tut Anerkennung allen Menschen gut. Wir freuen uns alle, wenn wir von anderen Anerkennung erfahren. Der Hunger oder das Bedürfnis nach Anerkennung ist unterschiedlich stark ausgeprägt, jedoch bei jedem Menschen in irgendeiner Form vorhanden.

Andererseits wollen wir uns jedoch auch alle treu bleiben. Denn im Grunde spürt jede und jeder, dass es auf Dauer der einzig richtige Weg ist, sich selbst treu zu sein.

Und dieser Weg lohnt sich.

Warum du dir trotz der Risiken selbst treu bleiben solltest

Wenn ich, was durchaus vorkommt, an einen Punkt komme, wo ich mich zwischen Anerkennung und zu mir selbst stehen entscheiden muss, stelle ich inzwischen nur noch eine Frage.

Diese Frage setze ich auch im Coaching und in Beratungen ein und sie wirkt immer:

Werde ich es in sechs Monaten bereuen, der Anerkennung nachzulaufen?

Wenn die Antwort “ja” lautet, ist die Entscheidung klar.

Was bedeutet “bereuen” in diesem Kontext? Für mich heißt es, ich …

  • … kann nicht mehr problemlos in den Spiegel schauen.
  • … stelle mir ständig die Frage: “Was wäre gewesen, wenn ich mich anders entschieden hätte?”
  • … fühle mich mit der Entscheidung absolut nicht wohl.
  • … spüre, das meine Intuition gegen die Entscheidung ist.
  • … ärgere mich, schwach geworden zu sein und nachgegeben zu haben.

Wenn auch nur einer dieser Aspekte nach sechs Monaten voraussichtlich noch eine Rolle spielt, ist der Preis der Anerkennung zu hoch.

Und abschließend noch ein Gedanke:

Anerkennung ist flüchtig. Selbst deine größten Bewunderer sind nur eine gewisse Zeit Teil deines Lebens. Du selbst lebst mit dem Wissen um deine Entscheidungen im wahrsten Sinne des Wortes bis an dein Lebensende. Daher lohnt es sich, dir treu zu sein.

Wie gehst du mit diesem Thema um? Ich freue mich auf deinen Kommentar.