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“Was machst du so?” oder: Worüber definierst du dich?

Photo by rawpixel on Unsplash

Menschen stehen und sitzen in kleinen Gruppen zusammen, im Hintergrund spielt eine Playlist der angesagten Hits des Jahres, das leise Murmeln angeregter Unterhaltung liegt in der Luft. Es ist eine entspannte, angenehm unaufgeregte Party an einem warmen Sommerabend.

“Hi ich bin Marta Mustermann. Was machst du so?” — Direkt vor mir beginnt eine Konversation. Marta, die natürlich nicht so heißt, eröffnet sie mit der allen nur zu gut bekannten Frage:

“Was machst du so?”

Der Angesprochene reagiert erwartungsgemäß: “Hi. ich bin Max, ich arbeite als …” an diesem Punkt schweife ich gedanklich ab. Max, sein Name ist ebenfalls verfälscht, hat so geantwortet, die tausende Menschen es jeden Tag bei dieser Frage tun. So wie ich es auch bis vor einiger Zeit reflexartig getan habe.

“Was machst du” wird dabei implizit als “Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?” oder “Welchem Beruf gehst du nach?” verstanden. Doch was, wenn ich die Frage mal anders verstehe? Was wenn ich sie aus der Sicht der Lebenskarriere angehe? Immerhin lautet der Untertitel:

“Du bist mehr als dein Beruf.”

Worüber definierst du dich?

Wenn du, so wie ich, die Frage “Was machst du so?” in der Regel als Frage nach Beruf oder Arbeit verstehst, oder dir das zuerst einfällt, geht es dir wie den meisten anderen Menschen in Deutschland.

Das ist auch kein Wunder, messen wir gesellschaftlich Beruf und Arbeitsplatz doch eine enorme Bedeutung zu. Sowohl der soziale Status als auch unsere gesellschaftliche Position und, leider nicht übertrieben, unser Wert als Person hängen von unserer Arbeit und unserem Job ab.

Angesichts dieser gesellschaftlichen Realität bitte ich dich, dir zwei Fragen zu beantworten:

Definierst du dich über deine Arbeit? Bist du nur dein Job?

Ich vermute jetzt ganz frech, dass du zumindest die zweite Frage mit nein beantwortet hast. Du bist mehr als dein Job, mehr als dein Beruf.

Lange habe ich die Frage “Was machst du so?” reflexartig so beantwortet: “Hi, ich bin Christian, freiberuflicher Kommunikationsberater und Digitalisierungsbegleiter für soziale Einrichtungen.”

Diese Antwort stimmt auch heute noch. Als Freiberufler ist meine Arbeit auch meine Leidenschaft, mir ist bewusst, wie unglaublich glücklich ich mich schätzen darf, und mehr als ein Job.

Dennoch antworte ich heute manchmal auch anders auf die Frage. Wie ich antworte hängt davon ab, was ich bewirken will. Für mich selbst habe ich die grundsätzlich drei Optionen gefunden:

  1. Will ich das Gespräch nicht auf den Beruf lenken sondern die Person anders kennen lernen, lautet meine Antwort heute: “Hi, ich bin Christian. Ich beschäftige mich mit …” und dann folgt ein Hobby oder ein Thema, das mich zu diesem Zeitpunkt interessiert und mit dem ich mich befasse. Diese Antwort sorgt in der Regel dafür, dass auch mein Gegenüber mit Interessen statt mit seinem oder ihrem Job antwortet.
  2. Will ich herausfinden, wofür mein Gegenüber brennt, antworte ich heute so: “Hi, ich bin Christian. Meine Leidenschaft ist, Menschen auf dem Weg zu menschenfreundlicherer Arbeit begleiten.” In der Regel antwortet dann auch mein Gegenüber mit seiner oder ihrer Leidenschaft. Auch dieses Gespräch nimmt eine ganz andere Richtung, als mit einer Antwort, die auf meiner Arbeit basiert.
  3. Will ich das Gespräch freundlich verhindern und habe eigentlich keine Lust auf Unterhaltung, antworte ich heute: “Hi, ich bin Christian. Ich beobachte gerade die Menschen hier und lasse die Atmosphäre auf mich wirken.” Manchmal wird das so ausgesprochene Signal erkannt, manchmal nicht. Wenn sich aus dieser Antwort eine Konversation ergibt, ist sie meist auf den Moment und die aktuelle Situation fokussiert.

Natürlich antworte ich, abhängig vom Kontext, auch mit der klassischen “Ich bin Kommunikationsberater …” Antwort. Und ja, alle drei der oben genannten Antworten führen in der Regel zu etwas irritierten Reaktionen.

Doch diese Irritation — und so manch unausgesprochene Frage: “Ein wenig seltsam ist der schon, oder?” — nehme ich gerne in Kauf. Denn mit denn mit den Antworten oben entscheide ich, worüber ich mich im jeweiligen Augenblick definiere.

Natürlich kannst du es übertrieben finden, so viel Zeit und Gedanken für eine simple, fast alltägliche Frage zu verwenden. Dieser Gedanke kommt mir sogar heute noch ab und an.

Doch dann erinnere ich mich an eine Erfahrung, die sich für mich in den letzten Jahren immer wieder bewahrheitet hat: Worte — und vor allem die Worte, mit denen du über dich selbst sprichst — haben eine Wirkung.

Nicht jedes einzelne Wort wirkt gleich stark. Doch wenn du bestimmte Worte immer und immer wieder nutzt, dich mit den immer gleichen Worten beschreibst, akzeptierst du irgendwann auch die damit verbunden Zuschreibung. Dann akzeptierst du, dass du so bist, wie die Worte es beschreiben.

Und genau deshalb bitte ich dich: Geh achtsam und bewusst mit der Sprache um, mit der du dich — und andere — beschreibst. Überlege dir bitte, was du sagst, worüber du dich definierst, wenn du gefragt wirst:

“Was machst du so?”