Herr Aydemir

Kundschaft

Aydemir steht im Eingang seines Geschäfts und raucht eine Zigarette, die Tür der Änderungschneiderei steht offen, und im Hintergrund sieht man seine Frau bügeln. Er macht mir einen Platz frei auf dem Stuhl, der als Ablage dient. Hinter ihm sind alle möglichen Fäden auf Nägeln an der Wand fixiert, sofort bereit um verwendet zu werden. Links die 5000 Meter Spulen, und rechts die kleinen. Es ist sehr eng, wie in einem kleinen Labyrinth.

Gleich danach kommt eine Kundin hinein; eine alte Dame, die sich hier offensichtlich auskennt. Sie will ihre Sachen abholen, aber alles ist noch nicht fertig. Den Rock, bitte bis Freitag, vor ihrem Urlaub. Sie sieht mich da sitzen mit meinem Notizheft am Schoß und meine große Kamera zwischen der Knopflochmaschine und der Overlock liegen, und fragt mich was ich will, und dann nochmal ein bisschen lauter, weil sie ja schwer hörig ist. Ich erkläre ihr, dass ich Geschichten sammle, sie fasst sich ans Herz, “oh, da habe ich viel zu erzählen, es hat sich viel verändert, aber früher war es schlimmer, so verrufen alles hier, mit dem Messer haben sie einen auf der Straße erstochen!” Und dann, im ganz kleinen Kämmerchen, beugt sie sich zu mir und mit einer Hand ihren Mund abschirmend, sagt sie ganz laut, “Unsere musst du interviewen, nicht deren. Im Café Susanna oder im Wirtshaus, das macht Sinn”. Ich sage, dass ich von allen hören will , und blicke zum Schneider und seiner Frau, der mit seinem Metermaß um den Hals und seiner Brille am Nasenflügel der Inbegriff von Ruhe bleibt.

Die Anfänge

“Was wollen Sie wissen?”, fragt er mich. “Seit wann sind Sie hier?”, fange ich an und mache gleichzeitig eine Geste und deute auf den Raum, aber das versteht nie jemand. Egal, ob ich frage “Seit wann bist du im 10.?” oder “Seit wann hast du diese Schneiderei?”, die Leute denken immer, ich will wissen, seit wann sie in Österreich sind. Nun so. Er ist 1976 aus der Türkei angekommen. Er wollte am Anfang nach Deutschland, weil die Familie dort war, aber er konnte nicht mehr hin. Er war für Weihnachten mal hier seinen Onkel besuchen, der in der Kreta arbeitete, und der sagte ihm: “Bleib hier, es gibt Jobs.” Seine Frau kam nach, und 1980 kam die erste Tochter zur Welt und 1982 schon die zweite. Bis 1996 war er in einer Konfektionsfirma tätig, aber die musste schließen weil alles in den Balkan übersiedelt wurde. Da war er erstmal ein, zwei Jahre arbeitslos. 2002 war er dann in der Lage, dieses Lokal zu kaufen, sich neu zu erfinden und die Schneiderei schließlich 2003 zu öffnen.

Von Geld und Gerechtigkeit

Viel Geld verdiene ich nicht, aber ich bin ein einfacher Mensch, und sehr glücklich in Österreich.” Nächstes Jahr kann er in Pension gehen, das hat er uns schon gesagt: in einem Jahr werde ich Zeit haben. Seine Frau, die bis jetzt nur aushilft wird dann ein paar Jahre übernehmen, sie ist ja jünger. Er liebt seine Kunden, fast alle sind Österreicher. Er meint, “ich bin Ausländer, aber ich bin gestört von den Ausländern”. Es geht um Sauberkeit, und um die alten Menschen, die bei ihm reinkommen und meinen, ihnen wurde etwas gestohlen. Ich frage, ob er sich nicht einfühlen kann in die frische Generation von Migranten und AsylwerberInnen, ob er ihre Schwierigkeiten nicht spürt. Wir reden über das Geld vom Staat und wie es aufgeteilt wird, ich erzähle ihm, dass AsylwerberInnen kein Recht auf Arbeit haben. Ich meine zu verstehen, dass er das nicht wirklich wusste. Auf jeden Fall bekommt er nicht sehr viel Pension. Er hat 38 Jahre lang gearbeitet und hat ein Recht auf 800 € pro Monat. Sein Buchhalter hat ihm erklärt, dass er nicht mehr einzahlen darf, weil er ein freies Gewerbe hat.

Der erste Ausländer

Er erzählt mir, dass er der allererste Ausländer war in seinem Gemeindebau, und lächelt groß. Seine Frau stimmt ihm zu. “Am Anfang war das schwierig, aber dann haben die Nachbarn uns kennengelernt und ihre ganzen Sorgen sind verflogen.” Seine Kunden kommen sogar aus anderen Bezirken zu ihm, 20., 21., weil sie so begeistert sind von seiner Arbeit. Er würde in einem anderen Bezirk vielleicht mehr verdienen, aber er liebt Favoriten. Frau Aydemir auch: Wenn sie andere besucht, im 13. oder 14., denkt sie sich, dass es schon schöner ist in Favoriten. Er ist lange im Krankenhaus gelegen wegen einer Fuß-OP, und manche Kunden haben ihm Karten geschrieben, haben ihn angerufen und sogar besucht.

Er hat die österreichische Staatsbürgerschaft; er ist jedes Jahr nur 2–3 Monate in der Türkei, weil es hier wie seine zweite Heimat ist. 40 Jahre lebt er schon hier.

Auch wenn ich schräg Deutsch spreche, ich bin Österreicher”.
“Es ist noch nicht die Zeit”

Aus dem Bezirk geht er mit seinen Töchtern — die wissen, was es im Kino spielt oder welche Parks man besuchen kann. Sie sind beide ausgezogen, leben im Elften mit ihren Ehermännern. Eine ist Buchhalter (“Was ist die feminine Form nochmal?”) und die andere Anwältin. Er stammelt herum auf der Suche nach den Namen der Schulen, die sie besucht haben, aber Frau Aydemir weiß genau Bescheid. Es gibt noch keine Enkelkinder, aber sie wünschen es sich sehr. Es ist noch nicht die Zeit.

Wir haben uns bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgestellt, er sagt mir seinen Nachnamen, Aydemir, was so viel bedeutet wie Mond und Eisen — er klopft auf die Nähmaschine vor ihm. Sein Vorname ist Arabisch. Frau Aydemir zeigt mir eine Visitenkarte ihrer Tochter, so dass ich es buchstabieren kann; erst dann sehe ich die Karten in einem Behälter am Eck vom Tisch liegen zur Tür ausgerichtet.

Arbeit und Hobbies

Ich frag Herrn Aydemir zuerst, was er sich in einer Flasche wünscht. Die Frage ist ihm ein Rätsel auf jeder Ebene, er kennt das Konzept nicht. Ich zeichne ihm ein Model, erklär das Paradoxon der Flaschenöffnung und die Idee, der Konservierung. Seine Frau hilft mit, erklärt auf Türkisch, was ein Hobby ist, um was es geht. Er sagt: “Arbeit will ich in einer Flasche, das habe ich mein ganzes Leben gemacht”. Aber Frau Aydemir findet das ist nicht ganz richtig, sie schlägt “Rauchen” vor als Hobby, er sagt nein, und sie muss schmunzeln.

Für sie sind es Kinder, Kochen, eigentlich: Gesundheit und ein gutes Leben für die Töchter.

Und was wünschen sie sich für die Zukunft? Ein Einfamilienhaus im Grünen, ganz grün, beide lächeln bei der Vorstellung. Ich schlage vor, dass ich das doch in die Flasche geben könnte, der Wunsch für die Zukunft. Sie finden das gut.

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