Zdravko

Zdravko in seiner Bäckerei in der Quellenstraße.

Der Lokalbesitzer eilte aus dem Hintergrund hervor, stellte sich hinter die Kasse und warf uns ein herzliches “Bitte!” zu. Lächelnd bekundete ich, dass wir eigentlich keine Kundinnen sind. Er verschränkte seine Arme und wartete höflich ab. Ich habe den erprobten Einführungssatz vorgetragen, nämlich: “Wir sind von “Liebes Kreta”, einer Gruppe von und über diese Gegend, und wir suchen Geschichten von und über Leute, die hier leben oder arbeiten”. Zvradko war sofort zum Erzählen bereit, er könnte sogar ein ganzes Buch schreiben.

Nachdem er uns zu einem Tisch begleitet und was zu trinken bringt, setzt er sich zu uns. Erst seit zwei Monaten gibt es die Bäckerei, er hätte keine Werbung gemacht, gar nichts, und trotzdem kommt der Laden ganz gut an. Er arbeitet da mit seiner Frau und einem Bäckermeister. Fast alle Waren sind selbst gemacht. Sogar die verschiedenen Teige. Aber ab September wollen sie expandieren, neue Produkte anbieten. Aus Ex-Jugoslawien, Bosnien, Mehlspeisen aus der Kindheit, verschiedene Teigtaschen gefüllt mit Käse oder Speck oder Marmelade, ganz klein. “Die haben wir als Jause in der Schulzeit bekommen.” Er war immer schon sehr sportlich, seine Kinder sind es jetzt auch, sein neunjähriger Sohn spielt Fußball und seine zwölfjährige Tochter Tennis.

Zdravkos Mehlspeisen. Schon oft haben wir hier in unserer Mittagspause eingekauft. Mmmmmhhh….

Beverly Hills

Früher war er Bodyguard. Er war also in einer ganz anderen Branche tätig: Security für das Beverly Hills. “Kennen Sie das Beverly Hills? Im ersten Bezirk, ein Strip Club mit ganz vielen prominenten Menschen.” Die hat er alle gekannt. Security war die schönste Zeit seines Lebens. Die Söhne von Nikki Lauda und die Frau…. Ich musste gestehen, dass sie mir unbekannt waren, ich bin ja aus Frankreich. Oh, na er hat auch Tapi dort gesehen. Er ist sehr viel gereist, 10 Jahre lang hat er dort gearbeitet. “Wirklich, die schönste Zeit meines Lebens.

Wir diskutierten über Kampfkunst und die Ausbildung im israelischen Geheimdienst. Er erzählte von einem Aufenthalt in Israel, bei welchem er die Via dolorosa mit einem jüdischen Freund besuchte, der konnte nicht rein. Es gab da zu viele Spannungen.

Respekt im Hier und Jetzt

Jetzt haben Jugendliche einfach nicht mehr so viel Respekt, findet Zvradko. Sie gehen durch die Straßen, ihr Kopf steckt im Smartphone, sie haben keinen Kontakt zur realen Welt. Sie tauschen sich mit anderen nicht mehr aus. Sie nehmen Drogen, und die Medien und diese ganzen Sachen stehen ihnen im Weg.

Die politische Situation ist ja nicht die beste. Früher waren 50–60 m² 2000 Schilling wert, und jetzt sind sie 600 Euro wert, und mit Kindern und allem drum und dran ist es unmöglich, das zu bezahlen. “Wie soll das denn funktionieren, wenn man wenig verdient?” fragt er uns, ohne eine Antwort abzuwarten. “Die Leute sind in die Ecke gedrängt und dann ist es normal, dass sie narrisch werden.” Und die Polizei scheint überfordert zu sein. Am Karlsplatz hat er mit eigenen Augen gesehen, wie sie den Jugendlichen zugeschaut haben, beim Drogen nehmen in einer Telefonzelle. Sie haben kurz über die Schulter der Jugendlichen hineingeschaut und sind ohne zu intervenieren gegangen.

Die Politik hat den Kompass verloren, die Politiker schlafen in Hotels und haben keine Ahnung, was Leben bedeutet; was die Alltagsrealität der Leute ist.

Bücher und Bildung

Auch die Schule funktioniert nicht, erzählt er uns. In Ex-Jugoslawien musste man im Gymnasium lernen — nicht wie Streber, die nur für Prüfungen lernen, sondern ein Lernen, das die Grundintelligenz aufbaut, das ist viel mehr wert. Die Kinder heutzutage lernen in der Schule nichts. Deswegen ist seine Tochter in einer Privatschule. Aber auch da ist alles sehr oberflächlich. Aber das passt ja den Leuten; die Schule produziert Schafe, die keine Ahnung haben von der Außenwelt, die weder nach links noch nach rechts schauen, sondern nur folgen. Ihre Gehirne schlafen ein.”

Zvradko fragt uns, wie viele Bücher wir gelesen haben. Er zeigt den Raum um sich und sagt: “Ich habe wirklich so viele Bücher gelesen, dass sie diesen Raum füllen würden. Und was lesen Kinder heutzutage?” Ich werfe ein: “Facebookposts.” Zvradko erzählt weiter: “Mein Sohn meint, ‘Papa, Papa, ich habe 1200 Freunde auf Facebook’. Ich habe ihm geantwortet: Mein Sohn, wenn du” — da zeigt er auf alle Finger seiner rechten Hand — “so viele wahre Freunde hast im Leben, kannst du dich glücklich schätzen.

Spaß und Scherz

“Meine Frau ist aus Moldavien. Und die Leute fragen mich immer: wie hast du so einen Schatz gefunden? Ich antworte: mit einem Metalldetektor — bip-bip-bip- und bei ihr hat es zu piepsen angefangen. Aber dann sag ich immer dazu: Aber der Metalldetektor war kaputt!” Wir lachen, überrascht, und er freut sich. “Es ist wichtig, im Leben Spaß zu haben,” meint er. “Auch bei meinem Job damals, manche blieben immer seriös, ich scherzte mit meinen Kollegen, ich sagte mir immer, bleib cool, bleib locker, wenn dann Gefahr ist, kann man seriös werden. Wir hatten immer so einen Spaß, dass uns ein Kunde mal eine 800 Euro Flasche Dom Pérignon gezahlt hat. Nur für uns, die Banditen.” Er lacht auf.

Das Leben ist ein Spaß, wie ein Buch, man muss viel erleben zwischen der ersten und der letzten Seite, man muss Lust haben immer weiter zu blättern.”

Generationswechsel

Kunden unterbrechen uns kurz, und setzen sich an die paar Tische um Börek oder anderes zu essen. Es scheint eine gewisse Familiarität zu existieren. “Meine Tochter ist in einer zweisprachigen Schule. Sie will Englisch lernen. Sie will zur Verwandtschaft nach Orlando. Sie spart gerade ihr Geld für den Flug, sie will es in einem Monat lernen. Ich lache, und sie sagt: ‘Papa, du traust mir das nicht zu, dass ich das schaffe?’ Ich sage doch, doch.” Ich merke an, dass es doch noch ehrgeizige Kinder gibt. “Ja”, antwortet er, “sie ist ganz wach, sie geht nicht durch das Leben wie ein Pandabär.

Wir reden von Wünschen, und er meint, dass zwei gesunde Kinder ihm genug seien. “Ich bereue nichts in meinem Leben,“keinen Millimeter. Ich bin zufrieden.” Ob er irgendwelche Hoffnungen für diesen Ort und diese Bäckerei hat? “Ja, ganz normal, dass es funktioniert, nichts Großes. Wenn meine Kinder klug genug sind, dann können sie es übernehmen.” Und sonst kann er zufrieden in Pension gehen und ein Buch schreiben. So viel ist in seinem Leben passiert, es füllt ein Buch.

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