“Arbeit und Struktur” — Das Vermächtnis des Wolfgang Herrndorf

Anfang 2010 erhält der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf eine niederschmetternde Diagnose: Hirntumor. Das Todesurteil. Der Statistik nach hat er noch knapp ein Jahr zu leben. Es werden letztendlich mehr als drei Jahre, drei Hirnoperationen und ein stetig fortschreitender Verlust an Kontrolle. Am Ende ist es jedoch nicht die Krankheit, die ihn besiegt, sondern sein eigener Entschluss, dem Leben ein Ende zu setzen. Im August 2013 vollendet Herrndorf seine Exitstrategie und erschießt sich. Der Weg, den Herrndorf bis dahin gegangen ist, dokumentiert er in seinem Internettagebuch “Arbeit und Struktur”, das Anfang Dezember als Buch erschienen ist.

Von Peter Killert.

Die Kultur-Magazine besprechen “Arbeit und Struktur” durchweg positiv. Geschieht dies nur aus Respekt vor dem Autor? Herrndorf selbst bezeichnet sich selbst als “Behelfsschriftsteller”. Besseres Mittelmaß vielleicht. Untergegangener Bachmannpreis-Teilnehmer. Einer aus dem “Riesenmaschine”-Dunstkreis um Kathrin Passig und Sascha Lobo, beide zu Lebzeiten kommerziell erfolgreicher, bekannter. Jetzt erscheint also das Sterbe-Tagebuch von Herrndorf. Darf man das kritisieren? Wäre dieses Buch ohne das tragische Ende überhaupt in den Bestsellerlisten?

Herrndorf hat sich das selbst auch gefragt. Er schreibt schon 2010, als die beinahe panische Arbeit an seinem Roman “Tschick” — er weiß ja nicht, wie viel Zeit ihm zur Vollendung seiner Arbeit noch bleibt — ihrem Ende entgegen strebt: “Abends kommen mir so starke Zweifel an dem Buch, dass ich mich frage, ob das Geld von Rowohlt auf regulärem Wege zustande gekommen ist oder Helfer ihre Finger im Spiel gehabt haben. Ich frage mich das ernsthaft.”

Es ist makaber, aber natürlich ist ein sterbender Autor mit unzweifelhaftem literarischen Talent für einen Verlag lukrativ. Aber wie sieht das der Autor selbst? Schon im August 2010 schreibt er: “Mir ist nicht klar, wie man aus dieser ´Nachruhm-Sache´ irgendeinen Trost ziehen kann.”
Als “Tschick” dann zum Bestseller avanciert, kann er von seiner Bruchbude, in eine richtige Wohnung umziehen. Aber die Lebenszeit, diese Genugtuung zu genießen, ist sehr knapp bemessen und durch Anfälle und Kämpfe gegen den Verlust des Verstandes, in der Lebensqualität sehr eingeschränkt. Herrndorf, als Autor, hat nichts von seinem Nachruhm. “Die Zukunft ist abgeschafft. Ich plane nichts, ich hoffe auf nichts, ich freue mich auf nichts, außer auf den heutigen Tag.” — oder -”Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen. Und es gibt nichts, was mir egaler wäre.”

Schon im März 2010 schreibt Herrndorf: “Ich (…) weiß: Ich brauche eine Waffe.”. Er nennt es “Exitstrategie” — der Versuch, der in die Gewissheit münden soll, selbst das Ende zu bestimmen. Ein anderes Wort, das immer wieder auftaucht ist “Psychohygiene”. Er scheint von Anfang an die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen. Was, wenn der Schuss nicht das Ende bedeutet?: “X., die Erschießen für zu unsicher hält, kündigt an, dass sie in diesem Fall vor der Tür warten wird. Warten, bis sie den Schuss gehört hat und dann reinkommen und den Rest mit der Plastiktüte erledigen, falls nötig.”

Im April 2010 scheint schon der Tiefpunkt erreicht zu sein — aber er wird noch mehr als drei Jahre durchhalten: “Ich kann nicht mehr googeln, es zieht mich runter. Organspenderausweis im Portemonnaie gefunden und weggeworfen. Der genetische Schrott, der meinen Geist beherbergt, ist jetzt wertlos.” Überhaupt ist das Googeln zu neuen Studien, neuen Hoffnungsschimmern zu seiner Krankheit, eine manische Beschäftigung: “Selbstdiagnose ohne Wikipedia unmöglich.”

“Arbeit und Struktur” ist ein Manifest, ein systematisches Bekenntnis zur sinnvollen Nutzung der eigenen Lebenszeit. Herrndorf möchte die wenige Zeit, die ihm bei klarem Verstand vergönnt ist, sinnvoll für seine Arbeit nutzen. Dafür muss er jeden Tag um die passenden Strukturen kämpfen. So stößt er Menschen vor den Kopf, die ihm diese Zeit mit Mitleidsbekundungen rauben. Er liest nur noch, was lesenswert ist. Er spielt Fußball, er geht Schwimmen. “Große Lektüre von großem Mist zu scheiden, ist ein zeitraubendes Unterfangen.”

So wird er auch zu einem präzisen Chronisten, reduziert Nachrichten aus das Wesentliche. Er nimmt Teil am Weltgeschehen und kommentiert das Israel-Gedicht von Grass, den Horror von Fukushima oder das tägliche Einerlei im Fernsehen: “Im Frühjahr noch verursachte Heidi Klum im Fernsehen mir Todesangst. Nicht polemisch jetzt oder als lustige feuilletonistische Übertreibung, sondern tatsächlich: Todesangst. Nackte Angst. Das nutzlose Verrinnen der Zeit.”

Herrndorf ist Hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Stärke, Arbeitsdrang und dem Kampf mit der Nostalgie. Bittere Ironie, die nicht nur unfreiwillig komisch wirkt. Herrndorf ist froh, als er seine vermutlich letzte Steuererklärung machen muss. Aber im ersten Jahr sterben sei für Muschis. Und als die erste von drei Hirnoperationen ansteht, quittiert er es mit drei Worten: “Auf Wiedersehen. Haare.”
Seine Verzweiflung drückt Herrndorf präzise ohne Umschweife aus. Er schreibt, wenn er weinen musste. Er schreibt, wenn ihm alles zu viel ist: “Das Eingeständnis der kompletten Sinnlosigkeit des eigenen Lebens. Nichts neues, aber so grauenvoll war es selten. (…) Nie wieder wird sich jemand in mich verlieben. Stinkend und krebszerfressen.”

Es wird über die Monate hinweg immer schlimmer. “Meine Freunde reden mit einem Zombie. Das macht mich traurig.” Sein Internettagebuch füllt er in klaren, wachen Momenten. Dann, wenn er keine Anfälle hat. Diese Anfälle äußern sich durch komplette Desorientierung. Er fragt Passanten nach dem Weg, obwohl er schon angekommen ist. Blut läuft aus seinem Mund, weil er sich unkontrolliert auf die Zunge beißt. Und als er Gefahr läuft, gewalttätig zu werden, weist er sich selbst in die Psychiatrie ein. Groß. Ganz groß.

Herrndorf hat große Angst davor, dass die Berichterstattung über ihn, in die falsche Richtung läuft. Als die Tagesthemen mit ihm ein Interview machen wollen, möchte er eine Garantie dafür haben, dass auf keinen Fall “armer Hirnkranker, schreibt sein letztes ergreifendes Buch” als Eindruck zurückbleibt. Diese Garantie bekommt er nicht.

Die Garantie ist die Lektüre von “Arbeit und Struktur” selbst. Das ist keine voyeuristische Mitleidslektüre. Herrndorf sagt selbst, dass die letzten drei Jahre seines Lebens die besten waren. Das spürt man in und zwischen den Sätzen. Bei allem Leid, bei allem mitleiden, wenn die Monate des Tagebuchs von neuen Diagnosen, neuen Operationen, neuen, stärkeren Anfällen geprägt sind — Herrndorf transportiert darüber hinaus die Essenz des Lebens, das sich Konzentrieren auf, das Genießen von Wesentlichkeiten. Freundschaften, die Kostbarkeit von Zeit, die Nichtigkeit von Geld und Prestige. Herrndorf bringt es pointiert auf den Punkt: “Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.”

“Arbeit und Struktur” ist ein beeindruckendes Zeitdokument. Es transportiert das Wesen von dem, was das Leben ausmacht, im Spiegel der Zeit. Im Spiegel steht der Autor selbst, der Mühe hat sich zu erkennen. So lange es gelingt, so lange lebt der Autor. Gelingt es nicht mehr, dann greift die Exitstrategie.

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