Bouldern ist das Beste!

Daniel Jung bouldert auf Mallorca

Bouldern ist das Beste! Punkt. Ich bin getaucht, Wildwasser gepaddelt. Geflogen. Bin auf jeden Extremsporttrend aufgesprungen. Gebungeed. Geinlined. Gesnow-, geskate-, gesurfboarded.

Nichts schlägt Bouldern! (okay, Wellenreiten ist auch super, wenn man einen anständigen Ozean vor der Haustür hat)

Bouldern wohnt tiefer in uns als laufen und schwimmen. Bouldern kann man überall. Oder hast du im Stau noch nicht darüber nachgedacht, welch reizvolles Dachkantenproblem der Lastwagen vor dir darstellt?

Zum Bouldern braucht man nichts. Boulderzeitungen füllen ihre Seiten nicht mit dämlichen Tests von irgendwelchem Krempel. „2-oder 3lagiges Gore-Tex für Fontainebleau? Welche Sonnenbrille im Yosemite? 20 geile Tuningtips für ihre Kletterschuhe!“ Bouldern ist purer. Bouldern ist die Seele des Kletterns.

Bouldern ist sozial

Die Königsdisziplin…

Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich erstaunlich, wie sich bei den Haaren herbeigezogene Aktivitäten, wie das Wasserfallklettern oder das Besteigen kalter, zugiger Bergspitzen, so in den Vordergrund des Interesses spielen konnten. JEDER kann heute auf jedem Berg stehen, wenn er dieses Ziel nur hartnäckig genug verfolgt. Die Ausrüstung für die sogenannten Extremsportarten wird ständig verbessert, bis zu dem Punkt, wo ich mich fragen muss: Bin ich es, oder ist es die Satellitenunterstützung, die diese radikale Begehung möglich gemacht hat?

Wenn ich dagegen ein Problem durch unglaublich kreativen Einsatz meiner Gehirnwindungen und meines durch jahrelanges Üben perfektionierten Körpers mit einer waghalsigen Choreographie löse, dann habe ich wirklich allen Grund stolz zu sein.

Der Autor bouldert in Castle Hill, Neuseeland

Wann das Bouldern angefangen hat, lässt sich gar nicht mehr nachvollziehen. Auf jeden Fall heißt das Bouldern so, seit ein gewisser John Gill es so genannt hat.

Gill kletterte bei einem Picknick irgendwo im Süden der USA an den umliegenden Felsen herum und hatte höllisch Spaß dabei. Dieses Jahr ist er sechzig geworden und man muss sich vergegenwärtigen, dass zu der Zeit, als er mit siebzehn zum ersten Mal „richtig“ kletterte, eine Kletterei nur dann als solche galt, wenn sie auf einen richtigen Gipfel führte. Das Bergsteigen war in den Händen einiger konservativer, alter Männer.

An der Uni besucht Gill zu jener Zeit einen Turnkurs. Über einmeterachtzig groß, ist er fürs Bodenturnen weniger geeignet, jedoch entwickelte er erstaunliche Fähigkeiten an den Ringen (von denen ein sauberer Kreuzhang noch das harmloseste ist) und in dem damals noch olympischen Tauklettern.

Seilklettern wurde an einem rund sechs Meter langen Seil mit Sitzstart ausgetragen und Johns Bestzeit für diese 6 Meter war 3.4 sek. Das ist schneller, als die meisten von uns ein Seil, das zwischen unseren Füßen auf dem Boden liegt durchziehen können.

Wer das Klettern nach Hermann Hubers Lehrbuch Richtig Bergsteigen aus dieser Zeit gelernt hat, erinnert sich vielleicht noch an die 3-Punkt-Regel, die seinerzeit propagiert wurde. Dynamische Züge galten damals als Verzweiflungstat. John sah, dass der damalige Standard des Kletterns dem des Turnens meilenweit hinterherhinkte, obwohl die beiden Aktivitäten einiges gemeinsam haben.

Er experimentierte zu dieser Zeit nicht nur mit verschiedenen Trainingsmethoden, sondern auch mit Meditation und Entspannungsmethoden zur Verbesserung seiner Leistungsfähigkeit. Auf ihn geht auch die dankenswerte Erkenntnis zurück, dass Magnesia nicht nur beim Turnen, sondern auch beim Klettern hilft.

Überhaupt stand die Steigerung der Schwierigkeiten im Vordergrund seines Denkens, und 1959 gab er sogar der Versuchung nach, einen Griff zu vergrößern, bloß um ein Problem zu schaffen. Im Gegensatz zu vielen anderen wiederholte er diesen Fehler jedoch nie mehr, sondern betrachtet ihn als Moment der Schwäche, einen Moment, an dem er den Glauben an die eigenen Fähigkeiten verloren hatte. Griffe schlagen ist ein Eingeständnis der eigenen Schwäche und das Ende der eigenen Entwicklung.

Ob John Gill klettermäßig seiner Zeit wirklich voraus war, darf mit dem Blick über den Atlantik zu dieser Zeit bezweifelt werden, denn schon 1950 wurde in Fontainebleau ungefähr 7a gebouldert.

Auf jeden Fall war er der erste, der das Spiel des Boulderns beschrieb, und der beim Bouldern beschrieben wurde. Legendär ist sein Aufsatz The art of bouldering, der 1969 im American Alpine Journal erschien, und in dem Gill zum ersten Mal auch eine Schwierigkeitsbewertung einführt.

Sein Ansatz einer B1-B3 Bewertung (B1 fängt da an, wo normales Klettern aufhört, und B3 wird etwas genannt, was nur einmal gemacht wurde, bekommt es eine zweite Begehung, wird es zur B2) ist immer noch interessant.

Auch wenn also, wie erwähnt, zwischen 1960 bis 1980 auf dieser Seite des Atlantiks, hart oder vielleicht härter gebouldert wurde als in den USA, waren es doch meistens die Amerikaner, die die Philosophie des Boulderns prägten.

a Streetcar named Desire, Joshua Tree

Eine wichtige Erkenntnis ist den meisten von ihnen im Laufe ihres Boulderlebens gekommen, nämlich, dass es eine wirklich objektive Bewertung eines Boulderproblems nicht geben kann, sondern dass das Bouldern mehr eine Reise zu den eigenen Grenzen ist. Ein Boulderproblem kann wegen seiner Linie, seiner coolen Züge und seiner Choreographie befriedigend sein, oder weil es für sich sehr schwer angefühlt hat und nur durch eine „Reise um die Welt“ zu bewältigen war, aber nicht weil es den Stempel eines Schwierigkeitsgrades hat und ein paar Erbsenzähler eine Einordnung vorgenommen haben.

Amerikanische Boulderer dieser Zeit, die wirklich großartige Probleme hinterlassen haben wie Ron Kauk, John Holloway oder Bob „Hätte ich niemals versagt, hätte ich das Gefühl, nie wirklich versucht zu haben“ Murray, kamen nach einer jugendlichen Profilierungsphase irgendwann mal zu dem Punkt, an dem sie die Schwierigkeiten eines Problems bestenfalls mit „leicht, mittel, hart“ bewerteten oder es ganz ließen.

Die Juwelen dieser Zeit, zum Beipiel Midnight Lightning, Center El Murray, oder die 45 Degree Wall werden, egal wie schwierig unsere Kinder und deren Kindeskinder noch bouldern werden, immer zum Besten gehören, was man bouldern kann!

In den folgenden Jahren geriet das Bouldern etwas ins Hintertreffen, selbst in seinen Hochburgen wie Fontainebleau und England. Es wurde von Sportkletterern mehr als „ausgezeichnetes Training“ und nicht als Selbstzweck angesehen.

Es schien, als ließen sich kleine schäbige Boulderprobleme in Touren besser vermarkten als stolze, seilfreie Boulder.

Selbst, in England, wo schon immer viel gebouldert wurde, war diese Tendenz sichtbar. Es geschah, was Reinhard Karl schon vorausgesehen hatte, das Klettern wurde zu einem Spiegelbild der Gesellschaft. Schwierigkeitsgrad, Leistung und Trainingsdisziplin bekamen stärkere Bedeutung. Die Beschreibung von Wolfgang Güllich, der Sportkletterer sei jemand, der den ganzen Tag auf der Wiese liegt und abends für ein paar Minuten etwas Hartes macht, ließ sich angesichts der Anforderungen, die das Wettbewerbsklettern stellt, nicht mehr durchhalten.

1991 saß ich beim Worldcup in Nürnberg neben dem Australier Geoff Weigend. Geoff war gerade ausgeschieden und natürlich etwas frustriert. Der Wettbewerb interessiere ihn überhaupt nicht mehr, denn was er in der Isolation beim Aufwärmen gesehen hätte, könne nicht mehr übertroffen werden. Geoff meinte, für ihn und für alle anderen Teilnehmer stünde der wahre Meister schon fest, egal wie der Wettbewerb ausgehen würde.

Der große Fed Nicole, Entdecker von u.a. Hueco Tanks und den Rocklands

Von derlei beeindruckenden Boulderkunststücken eines Fred Nicole hatte ich vorher schon von anderen Kletterern gehört, so dass ich schließlich, als Fred endlich raus kam und kletterte, ziemlich enttäuscht war. Er kletterte nervös mit hochgezogenen Schultern, das Wasser aus jedem einzelnen Griff pressend. Die Wettbewerbe waren offensichtlich nicht seine Welt und so hörte er, immerhin mit einem fünften Platz im Gesamtworldcup, nach Querelen mit dem Schweizer Alpenverein damit auf.

Hier das schicksalhafte Gespräch, welches die Entwicklung des modernen Boulderns stark beschleunigen sollte. Aus dem Gedächtnis nach mündlicher Überlieferung aufgezeichnet:

Fred: „Ich fahre für ein paar Monate zum Klettern nach Amerika!“

Autorität des Schweizer Alpenvereins (ASA): „Fein, wenns sein muss, dann fax uns einfach aus jeder Halle deine Trainingsinhalte zu!“…

Fred: „Äh, ich wollte klettern, nicht trainieren! Eigentlich wollte ich noch nicht mal klettern, ich wollte bouldern!“

ASA: „Tja, wenn das so ist, dann können wir dich auch nicht nominieren! Auf Wiedersehen!“

Zurückblickend war dies eine sehr weise Entscheidung von Fred, denn mit der freiwerdenen Energie revolutionierte er das Bouldern.

Letztes Jahr fuhr ich zum Filmen der unglaublichen Bouldermöglichkeiten in die Schweiz. Von Fred hatte ich außer den oben erwähnten Großtaten noch die Wettbewerbe und den Auftritt in dem Video Third Stone from the sun in Erinnerung.

Tatsächlich wirbelten diese Tage in der Schweiz meine Einstellung zum Klettern gehörig durcheinander. Ich hatte Klettertechnik als etwas gesehen, das man an den Fels ansetzt. Bei Fred ist jedoch deutlich, dass er nicht am, sondern mit dem Fels klettert. Jeder seiner Bewegungen geht eine Phase voraus, in der er in den Felsen hineinzuhorchen scheint. Sein Klettern ist nur vom Felsen vorgegeben, aus dem er die Lösung des Kletterproblems heraussaugt. Es ist eine Art der weichen Beherrschung durch die Zwiesprache mit dem Fels, anstelle einer harten Beherrschung durch das Ansetzen einer vorgeplanten Technik. Natürlich ist und war diese Fähigkeit, mit dem Fels zu kommunizieren, nicht nur Fred, sondern den meisten richtig guten Kletterern und Boulderern zu eigen. Sie erhebt das Bouldern über die Frage, wer die kleinsten Käntchen, wer die winzigsten Löcher halten kann, zu einer Bewegungskunst.

The art of bouldering eben, wie es John Gill genannt hat. Jetzt besinnen sich wieder viele talentierte Kletterer auf diese Wurzeln. Der geniale Marc LeMenestrel in Fontainebleau, die jungen Wilden, Markus Bock im Frankenjura und Chris Sharma in den USA, der Österreicher Klemens Loskot und viele andere mehr öffnen uns die Augen für das, was am Fels möglich ist. Sie widmen sich der Seele des Kletterns. Der Königsdisziplin.

Bouldern ist das Beste!

— Udo Neumann, ca. 1997 in Rotpunkt, Auszug

Mehr zum Bouldern im Buch Lizenz zum Bouldern