Die Stadtstärker

Ausgabe #1 | 15. September 2015

Die Stadtstärker Matthias Lückertz und Tobias Viehoff.

Die Initiative Starke Innenstadt (ISI), Münsters innerstädtischer Zusammenschluss von Handel, Gastronomie und Hauseigentümern mit kurzem Draht zu Politik und Verwaltung, gilt bundesweit als Vorzeigemodell. Seit fast zehn Jahren mischt sich ISI ein und hat viele Spuren hinterlassen. Wir sprachen mit Matthias Lückertz und Tobias Viehoff über die ISI, über Urbanität und über Münsters Entwicklungspotenziale.

Die beiden Kaufleute vertreten im ISI-Vorstand den Einzelhandel und sind seit dem Start 2006 dabei. Zugleich bilden beide gemeinsam mit Jan Eismann das Herausgeberteam von Münster Urban.

Münster Urban: Die Initiative Starke Innenstadt gibt mit Münster Urban erstmals ein Magazin heraus. Suchen Sie mehr Öffentlichkeit?

Matthias Lückertz: Wir sind da eher uneitel. Aber zu unserem Selbstverständnis gehört es, Dinge anzufassen, die der Stadt helfen.

Tobias Viehoff: Seit Jahren hören wir, dass wir etwas brauchen, in dem Handel und innerstädtisches Leben in seiner Unverwechselbarkeit differenzierter dargestellt werden. Eine umfangreiche Leserbefragung im Herbst 2014 hat bestätigt, dass es ein großes Interesse an Geschichten aus Münster gibt. Und das nicht nur in der Region. In Lippstadt, Lüdenscheid oder Leipzig sitzen auch Fans dieser Stadt und da kommen kaum Infos über Münster an. Diese Lücke wollen wir mit Münster Urban füllen. Denn ein Standort muss seine Fans binden und seine Vielfalt aktiv vermitteln.

Münster Urban: Wie kam es 2006 zu der Gründung der ISI?

Matthias Lückertz: Wir haben gemerkt, dass die lokalen Aktivitäten in den Vierteln uns haben vor die Wand laufen lassen. Die Gründung von ISI ist fast eine Überlebensstrategie gewesen. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und versucht, alle Player in der Stadt einzubinden, und so kam es zum Dreiklang Handel, Eigentümer und Gastronomie. Wir wollen uns einmischen und die Stadt mitgestalten.

Münster Urban: Und was ist das ISI-Erfolgsmodell?

Vorstand der Initiative Starke Innenstadt Münster: Matthias Lückertz.

Matthias Lückertz: Gerade wenn es einem gut geht, muss man Vollgas geben. Wir Münsteraner neigen ja mitunter zur Selbstverliebtheit. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir als ISI regelmäßig sowohl eine Fremdbild- als auch eine Eigenbildanalyse in Auftrag geben. Wir wollen verstehen, wie sich die Münsteraner selbst sehen und wie Münster bei Außenstehenden ankommt. In den letzten sieben, acht Jahren hat sich das Bild Münsters weiterentwickelt.

Tobias Viehoff: Die besondere Münster-Atmosphäre halten viele für selbstverständlich. Sie ist es aber nicht. Wir müssen einiges tun, damit Münster attraktiv bleibt. In Münster wird ja gern — und das zu Recht — an das Engagement der Kaufleute für ihre Stadt beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Doch heute ist die Situation für die Stadt und den Handel in der Stadt vielleicht noch schwieriger als damals. Heute ist es noch wichtiger, sich zu engagieren.

Münster Urban: Wo liegen die entscheidenden Gefahren für den Standort?

Tobias Viehoff: Auch hier haben wir den Druck der Handelsketten. Wenn die Kunden hier irgendwann die gleichen Läden finden wie sonst auch, ist es vorbei mit dem besonderen Flair der Stadt. Da ist gerade das Verantwortungsbewusstsein der Immobilieneigentümer gefragt. Wenn eine wichtige Immobilie für zehn Jahre an den falschen Mieter vermietet wird, leidet die ganze Straße darunter. Erfreulicherweise wächst das Bewusstsein dafür, dass ein Standort im Gleichgewicht bleiben muss und dass die ISI dieses langfristige Denken vertritt. Wir hatten auf unserem jährlichen Immobilienforum, dass die ISI veranstaltet, Hauseigentümer aus anderen Städten, deren Immobilien sich in den letzten zehn Jahren im Wert halbiert haben, weil die Standorte an Attraktivität verloren haben.

Vorstand der Initiative Starke Innenstadt Münster: Tobias Viehoff

Matthias Lückertz: Die Hauseigentümer haben schon sehr genau verstanden, dass die Werthaltigkeit der Immobilie von der Attraktivität der Stadt abhängt. Solange die Stadt Schritte nach vorn macht, freuen sich auch die Hauseigentümer.

Tobias Viehoff: Natürlich ist der Internethandel auch für Münster eine Herausforderung. Das löst eine ganze Reihe von wichtigen Fragen aus, mit denen wir uns befassen: Was ist für stationäre Händler die richtige Mischung aus Online- und Offlinehandel? Wir müssen Antworten auf folgende Fragen suchen: Wie ändern sich Geschäftszweige? Wie verändert sich das Käuferverhalten? Wie bekommen wir die Menschen auch künftig in die Stadt?

Münster Urban: Aber Münster ist begehrt, laut Prognosen wächst die Stadt. Münster hat einen Lauf …

Tobias Viehoff: Andererseits steigen die Ansprüche an innerstädtisches Leben. Und die Handelslandschaften verändern sich mit einer sehr hohen Dynamik. Es gibt wirklich keinen Anlass, sich zurückzulehnen. In Städten, denen es schlecht geht, wird sehr viel Geld in die Hand genommen. Hier sagen viele: Es läuft doch. Wir halten das für gefährlich. Wir glauben, dass wir uns weiterentwickeln und deshalb erst recht anstrengen müssen. Um uns herum, etwa im nördlichen Ruhrgebiet, gibt es Städte, die sind entmietet, die sind fast leer. Da möchte kein Händler mehr hin. Für Münster ist es total wichtig, sensibel zu bleiben. Wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.

Münster Urban: Hohe Entwicklungsdynamik soll ja nicht die Stärke der Westfalen sein und gerade Münster steht in dem Ruf, besonders lange über Veränderungen nachzudenken …

Matthias Lückertz: Ja, das stimmt. Dann reden wir halt die geplanten Hochhäuser niedriger, bis sie keine mehr sind. Es fehlt manchmal an der Traute. Wenn man anderswo sieht, welche unfassbar mutigen Projekte mitten in der Stadt platziert werden.Die münstersche Mentalität hat manche Dinge verhindert, weil wir dazu neigen, vieles zu zerreden und zu zerkauen. Da ärgert man sich schon über das ein oder andere. Das ist aber nicht schlimm. Denn das hat andererseits dazu geführt, dass wir fast alle Fehler, die in anderen Städten gemacht worden sind, hier ausgelassen haben. Unterm Strich ist auf der Habenseite mehr.

Tobias Viehoff: Ich kann das unterstreichen. Es gibt ja bei wegweisenden Projekten immer das Spannungsfeld, auf der einen Seite mutig zu sein und auf der anderen Seite kapitale Fehler zu vermeiden. Wir haben vielleicht Chancen verpasst. Aber wir haben etwa die Shoppingcenter-Debatte überlebt und eine Reihe von Bausünden vermieden.

Münster Urban: Münster ist bei Immobilienleuten begehrt und leidet darunter, dass sich das Interesse auf wenige Straßen konzentriert, deren sehr hohe Mieten fast nur noch für Ketten bezahlbar sind. Diese Ketten sind aber Gift für die Attraktivität der Stadt.

„Man kann die Vielschichtigkeit der Stadt einatmen” (Tobias Viehoff)

Tobias Viehoff: Wir müssen die Wegebeziehungen verändern und den frequenten Innenstadtbereich vergrößern und so mehr bezahlbare B-Lagen schaffen. Dann hat diese Stadt ein riesiges Potenzial. Dann haben wir Flächen für junge Gründer, die neue und individuelle Konzepte ausprobieren können, die Münster spannend machen. Es gibt eine Reihe von Bereichen mit großem Potenzial, an denen wir mit den Playern in den Quartieren arbeiten. Das Kuhviertel, die Rosenstraße, der Alte Steinweg, der Verspohl oder auch die Aegidiistraße, um nur einige zu nennen. Oder denken Sie an den neuen Bahnhof. Daran hängt auch die Chance, die Bahnhofstraße sowie die Windthorststraße als hochfrequentes Einfallstor in die Innenstadt aufzuwerten und attraktiver zu machen. Da sind wir mit der ISG Bahnhof am Ball.

Matthias Lückertz: Dass man Wegebeziehungen und Laufwege verändern kann, zeigen Beispiele wie etwa die Stubengasse. Auch meine eigenen Wegestrecken in der Innenstadt haben sich komplett geändert. Da muss man der Politik Dank sagen, dass sie es verstanden hat, wie wichtig das für die Innenstadt ist. Das ist übrigens kein reines Handelsthema. Wir denken etwa auch an die Beleuchtung des Aaseitenwegs, damit man die Altstadt längs der Aa umgehen kann, ohne an Schaufenstern vorbeigehen zu müssen. Auch das erhöht die Attraktivität der Stadt, wovon alle profitieren, am Ende natürlich auch der Handel.

Tobias Viehoff: Das Aaseeleitbild und die Aaseeterrassen sind auch ein Erfolgsbeispiel, das zeigt, wie man die Innenstadt erfolgreich ausdehnen kann. Ein besonders wichtiges Thema ist die Anbindung des Schlosses an die Innenstadt.

Matthias Lückertz: Die Universität ist der größte Arbeitgeber. Stadt und Campus müssen weiter ineinanderwachsen. Es geht um die gelebte Nähe. Das Thema Schlossplatz klammern wir hier aber besser aus. Das wäre ein Thema für ein eigenes Interview. Oder besser für ein Sonderheft von Münster Urban …

Münster Urban: Was macht Münster anziehend? Kommen die Menschen, weil es hier so urban ist? Oder nicht eher, weil es so beschaulich ist? Die netten Giebelhäuser am Prinzipalmarkt sind ein toller Magnet. Aber viele beklagen, dass die Kontraste fehlen und die mutigen Akzente …

Matthias Lückertz: Ja, Münster ist in gewisser Weise glatt, schön heimelig, gemütlich. Münster hat dieses Image. Aber baulich ist schon eine Menge passiert hier. Es hat begonnen mit dem Stadttheater in den 50ern, in den 90ern die Stadtbibliothek, in letzter Zeit das Museum für Kunst und Kultur, die Diözesanbibliothek. Das alles ist so schön gemacht, dass es sich integriert. Aber manchmal wünschte ich mir mehr Kontraste in der Stadt. Brüche sind wichtig.

„Wenn Urbanität nur an Architektur gemessen wird, ist sie ein Fake.” (Tobias Viehoff)

Tobias Viehoff: Wir sind kein Museumsdorf. Wenn sich Urbanität nur an Architektur messen lässt, ist sie für mich sowieso ein Fake. Sie muss erlebbar sein. Die Vielschichtigkeit dieser Stadt kann man einatmen. Man muss sich nur auf sie einlassen. Wir haben eine große Lebendigkeit durch alle Schichten und Altersklassen. Und alle begreifen die Stadt als ihren Raum. Auch weil er so viele Facetten bietet. Gerade die mehr als 50.000 Studierenden sind ein Jungbrunnen. Und für neue bauliche Akzente gibt’s ja auch noch Freiräume: Das Lindenhofareal oder der Hörsterparkplatz sind nur zwei Beispiele.

Münster Urban: Sie erwähnten die fehlenden Brüche. Braucht Münster nicht doch ein bisschen mehr urbane Spannung?

Tobias Viehoff: Urbanität braucht das Überraschende. Das gilt für den Handel, aber auch für die Stadt insgesamt. Gemütlichkeit allein ist der Tod einer Stadt. Hier sehe ich vor allem Kunst und Kultur als Unruhegeber, der uns wach macht. Wir haben eine vielfältige und sehr urbane Kunstszene. Das strahlt auf viele Themen ab. Mit den Skulptur Projekten haben wir 2017 wieder ein Ereignis vor uns, das die Stadt erneut tiefgreifend verändern könnte, auch wenn wir das meist erst viel später erkennen.

“Vor den ersten Skulptur Projekten 1977 stand Münster eigentlich kurz vor dem Punkt, hier eine Glocke drüberzuziehen.” (Matthias Lückertz)

Matthias Lückertz: Das kann ich voll unterschreiben. Vor den ersten Skulptur Projekten im Jahre 1977 stand Münster eigentlich kurz vor dem Punkt, hier eine Glocke drüberzuziehen. Das war eine kleine, heile Welt. Man war unfassbar zufrieden mit dem, was man hatte. Auch heute gibt’s ja noch vereinzelt Stimmen, die sagen: Hört mit der Werbung auf, sonst nehmen uns noch mehr Niederländer bei Stuhlmacher die Plätze weg. Das sind heute aber Stimmen aus einer anderen Zeit. Münster hat sich in den letzten 40 Jahren grundlegend verändert. Wir sind viel offener geworden.

Interview: Jörg Heithoff | Fotos: Erik Hinz