Kreativkai mit “Zoo-Effekt”?

Ausgabe #1 | 15. September 2015

Stadtgespräch: Was bewegt die Stadtgesellschaft? Diese Seite bietet Raum für eine Meinung.

Was für eine Karriere! In den 80er Jahren war der Stadthafen I ein schmutziger Hinterhof, den die Münsteraner konsequent ignorierten. Dann kam die Idee vom „Kreativkai“ — die westfälische Version der Londoner Docklands oder der Hamburger Speicherstadt. Creative Industries waren weltweit als Motor für Urbanität und Wachstum in aller Munde. Auch Münster verliebte sich schnell in die Vorstellung von Architekten, Designbüros, Werbeagenturen, Fotografen und Künstlern in Lofts mit leicht abgewracktem Industriecharme als angenehmem Kontrast zum Lodenmantel-Image der Stadt. Doch nichts lockt Immobilienentwickler zuverlässiger als der Hautgout des Kreativen. Bis 2007 entstand an der Nordseite des Hafenbeckens eine geschlossene Kette an Neubauten. Juristen, Wirtschaftsprüfer oder Investmentgesellschaften finden sich auf den Türschildern — hochehrenwerte Branchen, die allerdings von den wenigsten zu den Creative Industries gezählt werden.

Diese erste Stufe der Hafen-Entwicklungsrakete ist nichts gegen die wohl mehr als hunderttausend Quadratmeter, die in den nächsten fünf Jahren entstehen. Man wird den Stadthafen nicht wiedererkennen. Nicht nur architektonisch. Die hohe Porsche-Dichte wird weiter steigen. Zwar sah Hafenforscher Christian Krajewski 2010 noch eine knappe Mehrheit von Kreativen. Doch schon diese Statistik täuscht: Sie zählt Unternehmen, nicht Mitarbeiter oder Quadratmeter. Und Creative Industries bestehen meist aus Klein- und Kleinstunternehmen. Allein der Abriss der Osmo-Hallen wird ein ganzes Gewimmel an Kreativfirmen vertreiben, die noch in den Katakomben des Areals agieren.

In die Neubauten dürften sich nur noch die zahlungskräftigsten Kreativakteure einmieten. Die dynamische Mischung eines „Hot Spots“ wird das aber nicht sein. Denn die würde das Nebeneinander etablierter Player und experimenteller Avantgarde voraussetzen. Letztere wird sich das aber nicht leisten können. Der Stadthafen I wird eher der Hamburger Hafencity ähneln: Dort nannten Kritiker den Kontrast zwischen den betuchten Insassen der Büro- und Wohntürme und den staunenden Flaneuren an der Wasserkante schon „Zoo-Effekt“ — trotz Quote für subventionierten Wohnraum. Sollte Politik diese Dynamik bremsen? Auf keinen Fall! Dass der Hafen eine halbe Milliarde an Investitionen lockt, ist ein beneidenswerter Segen. Im Ruhrgebiet vergammelt hektarweise authentische Industriearchitektur mit Loftpotenzial, für die sich kein Investor interessiert. Sicher ist es richtig, eine profitmaximierte Monokultur mit Ghettocharakter durch urbane Kunstgriffe zu vermeiden. Aber wo die Käseglocke zum Prinzip wird, wirds schnell museal. Die Liste der Bürgerideen aus dem 2010 durchgeführten Hafenforum ist jedenfalls eines der konservativsten Dokumente seit Menschengedenken. Fast jeder Vorschlag beschreibt, was sich nicht ändern darf oder verhindert werden muss.

Für die Kreativindustrien als Cluster dürfte der Hafen verloren sein. Dieses empfindliche Biotop braucht „Möglichkeitsräume“, wie Hafenforscher Krajewski sie nennt. Die sind aber im Hafen Auslaufmodell. Das Etikett „kreative Nutzung“ kommt im „Masterplan Hafen“ — abgesehen von einer kleinen Enklave am Hawerkamp — nur in der Top-Preislage am Hafenbecken vor. Hohe Mieten vertreiben den spannenderen Teil der Kreativklientel verlässlich. Auch die Etabliertheit, die im Stadthafen I um sich greift, sorgt hier für fortschreitende Entfremdung. Die schicke Nordkante des Hafenbeckens glänzt bereits fast genauso adrett wie das Pflaster des Prinzipalmarkts. Premium-Wohnen, Luxus-Arbeiten, Party-Appeal, ein bisschen Edel-Produktion und als Salz in der Suppe auch noch eine anarchische Kreativ-Melange — alles geht nicht rund um ein Wasserbecken mit zarten 750 Metern Länge.

Auch in London oder Berlin ist die kreative Karawane permanent auf Wanderschaft, die Immobilienentwickler stets im Nacken. Diese Mechanik wird Münster nicht aushebeln. Die entscheidende Frage ist nicht: Wie konserviert man, was sich nicht aufhalten lässt? Sondern: Wo soll die Karawane hinziehen? Wo bietet diese Stadt „Möglichkeitsräume“, die mehr sind als ein Minireservat? Die Blicke sollten sich auf neue Kreativmeilen richten — mit reichlich bezahlbarem Platz, der ein wenig Chaos dauerhaft erträgt. Gern auch ohne Wasserblick. Den Kreativkai sollten wir umbenennen.

*Jörg Heithoff hat Münster Urban mitentwickelt, arbeitet (noch) mit Wasserblick im Hafen und kennt als Ruderer dort jeden Meter Spundwand.