Mehr Spaß am Restrisiko

Ausgabe #1 | 15. September 2015

Ludger Schnieder ist seit 1985 in Münster. In dieser Zeit entwickelte sich das Theater im Pumpenhaus zu einem international bekannten Haus für innovatives Theater. Schnieder steht seit seinem 14. Lebensjahr auf der Bühne. Er kehrt Münster gern den Rücken, um genauso gern wiederzukommen. Mit Münster verbindet den fast 60-jährigen Familienvater, den einst die DKP als Linksabweichler rauswarf, nach eigenen Worten eine „Hassliebe“. Wir tranken mit Schnieder in einem seiner Lieblingscafés, dem Liebigs am Drubbel, eine Tasse Kaffee und plauderten über 30 Jahre Theater in Münster und das Tempo dieser Stadt.

Münster Urban: Sie haben das Café Liebigs gewählt. Warum?

Ludger Schnieder: Hier starte ich gern in den Tag, bestelle einen Kaffee, aber mit kalter Milch, weil ich den schneller trinken kann. Hier kann ich mich gut verabreden, weil man das Liebigs leicht findet. Außerdem stimmt der Service. Ich lasse mich ungern von ewig lächelnden 450-Euro-Kräften totbedienen.

Münster Urban: Sie sind seit 30 Jahren in Münster. Ihre Bilanz?

Ludger Schnieder: Als ich Ende 1984 nach Münster zurückgekommen bin, bin ich mit dem Intercity aus Berlin gekommen. Beim Reinfahren in die Stadt hab ich gedacht: Echt kleine Stadt, 120 Plakate reichen … Und mir schoss durch den Kopf, das halte ich nicht lange aus.

„Ich freue mich fortzufahren, aber auch genauso zurückzukehren.” (Ludger Schnieder)

Münster Urban: Daraus sind aber dann doch drei Jahrzehnte geworden.

Ludger Schnieder: Wobei ich zur Bedingung gemacht habe, dass ich jeden Monat eine Woche im Ausland recherchieren und da arbeiten kann. Bis heute bin ich viel unterwegs — als Familienvater nicht mehr ganz so häufig. Mit dieser Stadt verbindet mich eine Hassliebe: Ich freue mich fortzufahren, aber auch genauso zurückzukehren. Und Münster hat sich verändert. Es ist offener geworden. War es damals sehr viel Loden, so ist es heute zu viel Barbour und Bench. Aber es gibt sie auch, die Nischen, und davon heute mehr als in den 80er Jahren.

Münster Urban: Auch das Theater im Pumpenhaus hat sich in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt.

Ludger Schnieder: Ja, vor 30 Jahren waren wir Nobodys, heute haben wir ein Standing — in der Theaterszene sogar international. Oft kommt ein Viertel des Publikums von weit her, etwa niederländische Besucher, die hier Tanztheater oder Performances sehen wollen, die es in den Niederlanden noch nicht zu sehen gibt. Was sich auch in den letzten 30 Jahren geändert hat, ist der fundamentale Wandel der Gesellschaft. Der weltweite Neoliberalismus ist brutal. Radikale Veränderungen gab es auch in der Ästhetik, der Mediennutzung und im Freizeitverhalten. Als ich im Pumpenhaus angefangen habe, hatten wir eine mechanische Schreibmaschine. Eine Olympia Monika, bei der das „c“ klemmte. Und: Damals war Zugfahren noch traumhaft. Man konnte ungestört lesen oder schlafen, es gab keine Handys. Um Gruppen zu sichten, war ich viel unterwegs und in Europa immer mit der Bahn. Heute kann ich mir komplette Theaterproduktionen aus Asien auf Youtube ansehen, vor 30 Jahren musste ich dafür um den halben Globus fliegen.

„Dass auf dem Schlossplatz kein Museum für Gegenwartskunst steht, ist ein Jahrhundertfehler.” (Ludger Schnieder)
THEATER IM PUMPENHAUS Das Theater im Pumpenhaus war bei Gründung im Mai 1985 Nordrhein-Westfalens erstes freies Theater. Die Stadt stellte ein ehemaliges Abwasserpumpwerk zur Verfügung. Das Gründungstheaterkollektiv renovierte die Räume selbst in vielen Stunden. Seit 1999 hat das Theater kein eigenes Ensemble mehr und agiert als GmbH unter Leitung von Ludger Schnieder. Es bietet Raum für nationale und internationale Produktionen aus den Bereichen Tanz, Performance und Theater. Es genießt weltweit eine hohe Reputation in der Tanz- und Theaterszene. Regionale Theatergruppen und -labels nutzen die Infrastruktur ebenfalls. Jugendtheaterproduktionen sind ein wichtiger Schwerpunkt im Bühnenprogramm. Vom Team der Gründungsphase ist heute noch ein Großteil in der münsterschen Theaterszene aktiv. Das Pumpenhaus unterhält das Probezentrum Hoppengarten mit einer Fläche von fast 1.000 Quadratmetern. Es umfasst Studios, Gästewohnungen und Produktionsbüros.

Münster Urban: Wie hat sich das Kulturklima in Münster in den letzten 30 Jahren entwickelt?

Ludger Schnieder: Die Stadt ist nicht „hot“. Kunst und Kultur werden nicht als Motor für Veränderung begriffen. Das hat sich nicht grundlegend geändert. Die Chance zu einem Paradigmenwechsel war die von mir mitinitiierte Bewerbung für Münster als Kulturhauptstadt 2010. Die Bewerbung ist gescheitert, das Ruhrgebiet gewann und ab da wurde radikal zurückgerudert. Zukunftsgerichtete Impulse aus der Bewerbung wurden noch im Jahr 2004 von Politik und Verwaltung konsequent verklappt. Dieses Trauma wirkt noch immer nach. Und dann nur ein paar Jahre später das Debakel mit der Musikhallendiskussion. Da gab es die Chance, den Schlossplatz neu zu denken, einen neuen Kunst- und Kulturraum mit internationaler Ausstrahlung in Angriff zu nehmen und im gleichen Zug einen großen städtebaulichen Wurf zu machen. In meinen Augen der städtebauliche Jahrhundertfehler.

Münster Urban: Das klingt, als hielten Sie nicht viel von Münsters Qualitäten als Kulturstandort?

Ludger Schnieder: Durchaus, hier gehen schon viele Dinge, die anderswo nicht gehen. Nur ein Beispiel: Wir haben mit vielen Akteuren gemeinsam 1993 beim Stadtjubiläum störungsfrei ein Bürgermahl für 1.200 Gästedurchgeführt — mit ambitionierten Kulturacts mitten auf dem Prinzipalmarkt. So was bekommt man in einer Metropole nicht so leicht hin. 600 der Gäste damals mussten zahlen, die anderen 600 waren Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, die ihr Ticket per Los bekamen. Eine der ersten Fragen an den Tischen war dann übrigens: „Sind Sie über Los hier?“. Aber wir sind hier andererseits auch keine Metropole. Wenn in Berlin eine sehr provokante Theaterproduktion 150 Zuschauer anlockt, sind das hier deutlich weniger. Einfach weil Berlin viel mehr Einwohner und ein größeres urbanes Kulturpublikum hat. Da fehlt in Münster mitunter die kritische Masse. Erschwerend kommt hinzu, dass im Umland von Münster zwar einige Hunderttausend potenzielle Parma-Schinken zu finden sind, aber keine zehntausend potentielle Avantgarde-Aficionados. Immerhin: Wir waren im Juni in der Lage, in vier Tagen über 25.000 Zuschauer für das Open-Air-Festival Flurstücke 015 zu gewinnen.

Münster Urban: Der internationale Ruf des Theaters im Pumpenhaus beruht auf ambitionierten Produktionen. Passen die ins beschauliche Münster?

Ludger Schnieder: Die provokanten Spitzen, die den Nerv treffen und für Auge oder Kopf an die Grenze gehen, haben es manchmal schon schwer hier. Wir werden sehr stark über die spektakulären internationalen Highlights wahrgenommen. Allerdings machen wir sehr viel für die lokale und regionale Szene. Knapp ein Drittel unserer 180 Veranstaltungen im Jahr etwa sind Jugendtheater. Und, wo es geht, versuchen wir Regionales und Internationales zu verknüpfen. Regisseure aus dem Ausland arbeiten etwa mit Gruppen aus der Region …

„Für den Nachwuchs gibt es hier nichts” (Ludger Schnieder)

Münster Urban: Wie sehen Sie die Entwicklung der Theaterszene in Münster?

Ludger Schnieder: Ich mache mir Sorgen. Aus meiner Sicht ist das zentrale Problem der nächsten Dekade: qualifizierter Nachwuchs. In Münster gibt es für die darstellende Kunst keine universitäre Anbindung. Das ist eine Katastrophe. Die bildende Kunst hat die Kunstakademie, die Musik hat die Musikhochschule. Für die Theaterleute gibt es nichts. Da sind Städte wie Hildesheim, Gießen oder Frankfurt mit ihren universitären Studiengängen besser aufgestellt. Es sind die jungen Leute aus den Hochschulen, die in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren die Innovationen gebracht haben. Und sie sind zugleich ein wichtiges Publikum. Wir müssen diese innovativen Leute von außen einkaufen.

Münster Urban: Also sehen Sie schwarz für den Theaterstandort Münster?

Ludger Schnieder: Nein, aber es wird schwierig. Es muss anders gedacht werden. Wohin sich das entwickeln wird, ist nur erahnbar. Aber klar ist: Das Theater von heute wird nicht das Theater in 20 Jahren sein. Es kann nicht immer nur um Bestandsschutz gehen. Und wirklich wichtig ist ein anderer Umgang mit dem Off-Bereich. Da muss schlicht und einfach mehr Geld hin, und zwar kurzfristig. Wenn wir mehr Gästewohnungen und Probebühnen vorhalten, könnte Münster Anziehungspunkt für ambitionierte Produktionen und Experimente werden. Das würde auch die Szene und den Standort befruchten. Das Probezentrum Hoppengarten ist so ein Projekt. Da kann man mit kleinen Budgets große Wirkung erzielen.

Münster Urban: Was wünschen Sie sich noch für diese Stadt?

Ludger Schnieder: Es wird zu viel kleingeredet. Es gibt eine münsterspezifische Schizophrenie, die sagt: Das, was hier gemacht wird, kann nicht richtig gut sein, denn wenn es richtig gut wäre, müsste es aus einer größeren Stadt kommen. Und dieses Syndrom der Perfektion. Alles muss richtig sein. Lieber mehr Dinge, die zu 75 Prozent richtig sind und einen Rest von Unvollkommenheit haben, als das gemütlich Stimmige. Die Stadt braucht mehr Spaß am Restrisiko! Hier ist immer alles sauber. Und wird sofort geordnet. Das Einzige, was die Münsteraner nicht in den Griff bekommen, ist der Fischgeruch auf dem Domplatz. Der bleibt noch drei oder vier Stunden, nachdem die Fischbuden abgereist sind.

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CAFÉ LIEBIGS am Drubbel wird seit 1999 liebevoll von Jörg und Bärbel Liebig geführt. Mit vielen Stammgästen, einer kleinen, feinen Speisenkarte (unbedingt probieren: die hausgemachte Tarte) sowie einer umfangreichen Weinkarte. Innen mit Atmosphäre. Die Terrasse mit ihren charakteristischen Panton-Chairs bietet einen tollen Blick auf die Lambertikirche.

Mo. bis Fr. 9–20 Uhr, Sa. 9–19 Uhr, So. 10–18 Uhr,
feiertags geschlossen | Telefon 0251 43513

Interview: Jörg Heithoff | Fotos: Peter Leßmann