Trüffelschwein der modernen Kunst

Ausgabe #1 | 15. September 2015

Kasper König, Professor, freier Kurator geboren 1943 in Mettingen. 1976 mit Prof. Dr. Klaus Bußmann Initiator der Skulptur Projekte Münster, 1977, 1987, 1997, 2007, 2017 Kurator und künstlerischer Leiter der Skulptur Projekte Münster, 1985–1998 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, 1988–2000 Professor an der Städelschule Frankfurt (ab 1989 als Rektor), 2000–2012 Direktor des Museum Ludwig in Köln, Initiator wichtiger Großausstellungen. Foto: Arne Wesenberg

„Der Bußmann hat seine ja schon zwei Mal verloren“, so Preisträger Kasper König, als ihm Madeleine Freisfeld Mitte August im Hof des Erbdrostenhofs vor 400 Gästen unter blauem westfälischem Himmel die goldene Putte ans Revers heftete. Die kleine geflügelte Figur ist der Kulturpreis, den die Kaufleute der Salzstraße alle zwei Jahre stellvertretend für die münstersche Kaufmannschaft verleihen.

Erster Preisträger war 1997 Professor Dr. Klaus Bußmann, sein Laudator Professor Kasper König. Beide tauschten 2015 die Rollen. Tatsächlich war Bußmann die kleine Figur bei Einbrüchen in Handorf und Paris zwei Mal gestohlen geworden. Doch die Kaufleute hatten jeweils zügig für Ersatz gesorgt.

Bei der Verleihung standen zwei Männer im Mittelpunkt, die Münster in den letzten Jahrzehnten so tiefgreifend verändert haben wie kaum jemand sonst. Bußmann, langjähriger Direktor des Westfälischen Museums für Kunst und Kultur, war aus Paris angereist und bewunderte das Arbeitsethos des Preisträgers, den er als „Trüffelschwein“ und Nomaden mit Beständigkeit titulierte. Der 71-jährige König hatte vor einigen Monaten gemeinsam mit Britta Peters und Dr. Marianne Wagner die kuratorische Verantwortung für den fünften Durchgang der Skulptur Projekte übernommen. Damit prägt König erneut ein Ausstellungsformat, das der Münsterländer („Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich kein Paohlbürger, kein Münsteraner, sondern Münsterländer bin“) gemeinsam mit Bußmann, in den 70ern erfunden hat. Dies folgt einem, so Bußmann „einfachen wie revolutionären Prinzip“: „Künstler verpflichten sich, nach Münster zu kommen, und aus der genauen Kenntnis von Architektur und Geschichte, aus städtebaulichen Zusammenhängen oder Besonderheiten ihrer Beobachtung ein neues Projekt zu entwickeln, … das durch den Dialog mit den Kuratoren und der Stadt und ihrer Bevölkerung eine neue Qualität gewann.“

Mit der goldenen Nachbildung einer „Putte“, im Original ein Detail des Deckenfreskos im Erbdrostenhof, danken die Kaufleute der Salzstraße stellvertretend für die Kaufmannschaft seit 1997 Persönlichkeiten, die mit ihrem Engagement und ihrer Phantasie zur kulturellen Ausstrahlung der Stadt Münster beigetragen haben.

Tobias Viehoff erläuterte den Effekt der Skulptur Projekte auf die Stadt an einem Beispiel: Während der Skulptur Projekte 1997 lieferte der Künstler Tobias Rehberger Münster eine Installation für die Dachterrasse des Hörsaalgebäudes am Schlossplatz namens „Günter’s (wiederbeleuchtet)“. Rehberger legte roten Kunstrasen aus, stellte Bänke, Tische und Tresen, ebenfalls rot lackiert, auf. „Diese Installation war ein Transmitter, ein Erreger, weil sie einen unbekannten Raum der Öffentlichkeit aussetzte“, so Viehoff. „Diese Bar war ein Treffpunkt, wie ihn in Münster noch niemand gesehen hatte — fremd und doch sofort von allen geliebt. Es mischten sich Installation, Bar, Aussichtsplattform und Festivalatmosphäre und setzten einen bis dahin unbekannten Ort in Wert“, ergänzt Viehoff.

„Diese Installation hat uns die besondere Qualität des Platzes durch einen Perspektivwechsel aufgezeigt. Sie hat uns wachgemacht, diesen Ort neu zu denken“, erinnert sich Viehoff. Und dieser damals neue Gedanke habe sich fortgepflanzt. Heute wird der Rathausinnenhof beim Schauraum jährlich zum Treffpunkt in Rot, bei den Flurstücken wurde der Aaseitenweg „in Wert gesetzt“. Das stehe exemplarisch für das, was mit den Skulptur Projekten 1977 begann. „Sie haben der Stadt diesen Transmitter eingesetzt. Sie tun der Stadt gut, auch wenn wir das oft erst sehr viel später erkennen.“

Ein besonders persönliches Statement kam von Matthias Lückertz: „Mein eigenes ehrenamtliches Engagement in dieser Stadt ist der phantastischen Initialzündung durch Klaus Bußmann und Kasper König zu verdanken. 1977 war ich um die 20. Wenn sich durch ein Produkt wie die Skulptur Projekte in einer Stadt so viel verändern lässt, was die Mentalität der Menschen und die Öffnung einer Stadt angeht, dann lohnt es sich, hier Engagement zu zeigen. Das war meine persönliche Triebfeder. Man hat selbst Lust bekommen sich zu engagieren.“ Dass König nicht nur in Münster Reputation genießt, brachte Laudator Bußmann auf den Punkt: „Ich würde sogar behaupten, dass du der einzige Deutsche bist, der in der internationalen Kunstszene sehr ernst genommen wird.“

Text: Jörg Heithoff